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Tübingen · Verkehr

Palmer schreibt Bahn-Vorstand: „Ins Groteske übersteigert“

Da ist jemand mächtig angefressen: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer, ein bekennender Bahn-Nutzer, bemängelt die derzeitigen Zustände bei der Deutschen Bahn in einem offenen Brief an den Vorsitzenden Richard Lutz. Der Ton ist rau.

10.12.2019

Von ST

Die Bahn lässt viele ihrer Kunden derzeit im Regen stehen – auch OB Boris Palmer. Archivbild: Ulrich Metz

Palmers Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Dr. Lutz,

ich schreibe Ihnen als langjähriger Bahnvielfahrer, Eisenbahnfreund und Repräsentant der Bürgerinnen und Bürger einer Stadt, in der täglich 30.000 Menschen den Bahnhof benutzen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der wir alle erkennen, dass wir die Bahn für Klimaschutz im Verkehr brauchen und zunehmend mehr Menschen bereit sind, sie zu nutzen, ist die Qualität des Bahnverkehrs auf den Tübinger Strecken so schlecht wie nie zuvor.

Über Jahrzehnte konnte man sich auf den RE nach Stuttgart verlassen. Er war pünktlich wie die Eisenbahn. In den letzten zwei Jahren häuften sich Zugausfälle und Verspätungen. Früher konnte man es durchaus wagen, den schnelleren IRE nach Stuttgart zu nehmen, auch wenn man Anschlusszüge benutzen wollte. Mittlerweile verpasse ich die Anschlüsse sogar, wenn ich zur Sicherheit den vorausfahrenden RE-Zug nehme. Eine Fahrt zum Termin nach Mannheim, die eigentlich 90 Minuten dauern sollte, wird so mehr als drei Stunden lang. Das erzeugt Frust bei Veranstaltern, Gästen und auch bei mir.

Seit zwei Wochen ist die Situation ins Groteske übersteigert. Zahlreiche Zugfahrten auf dem Tübinger Streckennetz fallen aus, weil es nicht genügend einsetzbare Lokführer gibt. Die Züge, die im Einsatz sind, fahren häufig mit einer verringerten Anzahl von Wagen, weil die Werkstätten nicht in der Lage sind, sie einsatzfähig zu halten. Mittlerweile wurde zur Stabilisierung der Situation ein Notfahrplan eingerichtet. Es sind nicht nur die Fahrgäste am Verzweifeln, auch das Bahnpersonal ist vollkommen frustriert.

Als Begründung wird Personalmangel und Krankheit angegeben. Das klingt erstmal, als wäre man in Gottes Hand. Personal kann man sich nicht backen. Tatsächlich handelt es sich aber um gravierende Fehlentscheidungen im Management der Bahn. Nach meinen Informationen ist die Ursache für den akuten Mangel keine plötzliche Krankheitswelle, sondern Personalknappheit, weil viele Lokführer ihre Stundenzahlen für das Kalenderjahr erbracht haben. Bei vorausschauender Planung erkennt man eine solche Entwicklung spätestens im Juni, nicht erst im Dezember, wenn es zu spät ist, um gegenzusteuern.

Dass Lokführer die DB Regio verlassen, hängt mit dem Übergang des Betriebs der Strecke von Tübingen nach Stuttgart zu einem Wettbewerber zusammen. Auch der Verlust dieser Strecke an einen europäischen Konkurrenten ist allein einem Managementfehler zu verdanken. Die DB Regio hatte das günstigste Angebot vorgelegt, aber Gerichte haben ihr bestätigt, dass dieses Angebot wegen Formfehlern ausgeschlossen werden musste. Nun lässt das Management die Fahrgäste mit katastrophalen Zuständen auf der Schiene für diese Fehler büßen.

Dass die Bahn insgesamt heruntergewirtschaftet wurde und die Pünktlichkeit in ganz Deutschland miserabel ist, kann man als Fahrgast überall in Deutschland erfahren. Im Stuttgarter Raum kommt hinzu, dass durch die Baustelle für S 21 die S-Bahn und in der Folge auch der Regionalverkehr schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Was wir derzeit erleben, kommt aber der Selbstaufgabe eines Verkehrsträgers gleich und ist schlichtes Managementversagen.

Wer einen Wettbewerb durch eigene Dummheit verliert, sollte wenigstens den Ehrgeiz haben, den Betrieb ordentlich zu Ende bringen. Die Kunden der Bahn dürfen nicht die Verlierer eines Betreiberwechsels sein. Als staatlicher Eisenbahnbetrieb muss die DB das Systeminteresse über ihr Eigeninteresse stellen. Sie kann nicht einfach verbrannte Gleise hinterlassen.

Ich bitte Sie darum, diese inakzeptablen Zustände so bald wie möglich zu beenden. Und verzeihen Sie den leidenschaftlichen Tonfall. Was wir hier zurzeit erleben, geht einfach nicht mehr auf eine Kuhhaut.

Mit freundlichen Grüßen

Boris Palmer

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Erstellt:
10. Dezember 2019, 15:32 Uhr
Aktualisiert:
10. Dezember 2019, 15:32 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2019, 15:32 Uhr

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