Tübingen

Palmer: „Menschen, die in halbem Jahr sowieso tot wären“

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer meint, dass die Corona-Beschränkungen vor allem Menschen helfen, die ohnehin bald sterben - und provoziert mit seinen Äußerungen eine Welle der Entrüstung.

28.04.2020

Von dpa/lsw

Boris Palmer (Bündnis 90/Die Grünen) blickt geradeaus. Foto: Christoph Soeder/dpa/Archivbild

Tübingen. Mit drastischen Worten zu den Corona-Verordnungen hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) parteiübergreifend für Empörung gesorgt. „Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, sagte der Grünen-Politiker am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Palmer forderte erneut eine Lockerung der Corona-Maßnahmen. Es müsse unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen für Junge und Ältere geben. Parteifreunde wie Politiker anderer Parteien warfen ihm daraufhin vor, Generationen gegeneinander auszuspielen.

Palmer zufolge handelt es sich bei dem Großteil der an einer Corona-Infektion Gestorbenen um Menschen mit schweren Vorerkrankungen, die ohnehin nicht mehr lange zu leben gehabt hätten. Seiner Meinung nach sind die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns gravierender und könnten etwa zusätzlich das Leben armutsbedrohter Kinder kosten. Wer ein hohes Risiko habe, schwer zu erkranken, müsse sich mehr zurücknehmen als junge und gesunde Leute, sagte er in der Fernsehsendung.

Der Direktor des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm, Dietrich Rothenbacher, betonte dagegen, dass es auch bei jüngeren Erwachsenen schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung gebe. Laut einer Studie aus China starben in einer Patientengruppe von 35- bis 58-Jährigen 8,1 Prozent. „Die Gefährlichkeit einer Erkrankung kann auch nicht nur an der Zahl der absoluten Todesfälle festgemacht werden, sondern in der Tat sollte die Anzahl der verlorenen Lebensjahre benannt werden“, so Rothenbacher. Diese Zahlen gebe es für Covid-19 noch nicht.

Mit seinen Worten löste Palmer eine Welle der Entrüstung aus. Der Grünen-Politiker schüre Ängste von Millionen alter Menschen, sagte Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Jetzt seien öffentliche Amtsträger gefordert, das Bewusstsein für Solidarität zu stärken.

Der baden-württembergische FDP-Vorsitzende Michael Theurer sagte: „Ich rate Boris Palmer dringend, sich zu entschuldigen und diese Äußerung zurückzunehmen. Er ist nicht nur wie sonst manchmal über das Ziel hinausgeschossen, sondern erheblich entgleist.“

Der Generalsekretär der Landes-CDU, Manuel Hagel, sagte, der Grünen-Politiker hetze Generationen gegeneinander auf. Dessen Aussagen strotzten vor Verachtung für die Älteren in der Gesellschaft. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Winfried Mack, teilte mit: „Für uns Christdemokraten ist eine solche Politik völlig inakzeptabel. Für uns steht der Mensch im Mittelpunkt - und zwar jeder Mensch. Wir wissen nicht, wie lange ein Mensch noch lebt.“ Der baden-württembergische SPD-Generalsekretär Sascha Binder und sein Parteikollege, der Tübinger Bundestagsabgeordnete Martin Rosemann, nannten Palmers Äußerungen „menschenverachtend“.

Harsche Kritik kam auch aus Palmers eigener Partei. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn bezeichnete Palmers Position auf Twitter als „sozialdarwinistisch“. Palmer beteilige sich mit seinen kalkulierten Ausrutschern und inszenierten Tabubrüchen an einer Polarisierung und Brutalisierung der öffentlichen Debatte, distanzierte sich das Vorsitzenden-Duo der Landes-Grünen, Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand.

Zum Artikel

Erstellt:
28. April 2020, 14:15 Uhr
Aktualisiert:
28. April 2020, 14:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. April 2020, 14:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Lakritze 28.04.202020:13 Uhr

Lieber Herr Palmer,

ich glaube nicht, dass mein 48-jähriger Mann (keine Vorerkrankungen) in einem halben Jahr gestorben wäre.
An einer Covid-19 Infektion ist er gestorben
und nein, wir waren weder Ski fahren in Südtirol und hatten auch keinen wissentlichen Kontakt zu einem Infizierten / einer Infizierten.
Ich weiß, dass man Güter gegeneinander abwägen muss und trotzdem sind solche (möglicherweise verkürzt) wiedergegebenen Aussagen für mich als Betroffene schwer zu ertragen.

Verena1 28.04.202019:59 Uhr

Oberbürgermeister Boris Palmer ließ heute in einen Abgrund blicken - denn laut seinen neuerlichen Einlassungen scheint nicht jedes Leben den Schutz einer solidarischen Gesellschaft "wert" zu sein. Ich möchte Hr. Palmer an dieser Stelle freundlich daran erinnern, dass die Senioren in unserer Gesellschaft die Menschen sind, von denen wir einst gekommen sind, sodass eine derart gleichgültige Aussage über deren Leben oder Sterben beschämend ist. Weiterhin ist schockierend, dass Boris Palmer Menschen, die an einer Vor- oder Grunderkankung leiden, offenbar ebenso gleichgültig über die Schiffsplanke des Lebens und der Gesellschaft werfen möchte. Aus dem Munde des Jungen und Gesunden ist dergleichen schnell ausgesprochen, doch ist Gesundheit ein dünnes Eis und wird uns täglich aufs Neue geschenkt. Möchte Hr. Palmer seine Äußerungen evt. revidieren, wenn er selbst - Gott bewahre - eines Tages selbst durch einen Schicksalsschlag zum Kreis der Vorerkrankten und Schützenswerten gehören sollte?

Renna 28.04.202015:34 Uhr

Ich dachte, in einer Universitätsstadt würde auch im Rathaus ein aufgeklärter Humanismus herrschen, doch in Tübingen herrscht dort (zumindest beim OB) ein verkappter Sozialdarwinismus. Gefährdete ältere Menschen und jüngere Menschen oder Kinder, die krank, behindert oder immunschwach sind, würde man offenbar zu gerne kapitalistischen Interessen und dem ungetrübten Freizeitspaß der Jungen und Gesunden opfern. Das riecht nach Euthanasie 2.0.

Simon M. antwortete am 29.04.202008:37 Uhr

@Roland09: weil die Grünen besonders für Kapitalismus und Sozialdarwinismus stehen?

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App