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Orte des Nachdenkens
Das neue Ausstellungshaus des Historischen Museums Frankfurt. Foto: Thomas Rohnke/epd
Gesellschaft

Orte des Nachdenkens

Frankfurt am Main hat den Neubau im Oktober eröffnet, Stuttgart folgt nächste Woche: Was kann ein modernes Stadtmuseum leisten? Zum Beispiel anregende Debatten mit den Bürgern führen.

06.04.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Frankfurter Würstchen, Frankfurter grüne Soße mit Ei und Pellkartoffeln, Frankfurter Kranz . . . Auch im Café des Historischen Museums Frankfurt, zwischen Main und Römer gelegen, kann der Besucher die Stadtgeschichte verinnerlichen. Und ja, wenn Ende nächster Woche, am 14. April, das neue „Museum für Stuttgart“, das „Stadtpalais“ am Carlottenplatz, sich dem Publikum öffnet, darf dort gewiss mit Maultaschen gerechnet werden.

Was haben Stadtmuseen alles zu bieten – nicht nur auf der Speisekarte? Ihr Image bewegt sich oft im Folklore-Bereich, die Depots und Vitrinen sind prall gefüllt mit verstaubenden, mehr oder weniger wertvollen Funden quer durch die Geschichte. Stadtmuseen sind Repräsentationsschauplätze, im besseren Falle lohnende Anlaufstellen für Touristen. Sie können aber auch ein wichtiger Ort sein, um die Identität einer Stadtgesellschaft zu entwickeln und zu stärken.

Kairos-Kulturpreis

„Ein Stadtmuseum bietet Raum für Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ist ein Ort des Nachdenkens über Ruhm und Reue der Stadt, geeignet für liebevolle Denkmalpflege wie auch für die produktive Zertrümmerung von Lokalmythen.“ Mit solchen Sätzen würdigt die Alfred-Toepfer-Stiftung den Direktor des Historischen Museums Frankfurt, Jan Gerchow. Und verleiht ihm am 22. April in Hamburg den mit 75 000 Euro dotierten Kairos-Kulturpreis.

Gerchow bespielt dieses Stadtmuseum seit 2005 beispielhaft vital. Und er hat es neu erfinden dürfen. Neben dem Saalhof mit fünf Gebäuden aus acht Jahrhunderten und dem Stauferturm ist in den letzten Jahren ein neues Ausstellungshaus mit 4000 Quadratmetern Fläche entstanden, für rund 54 Millionen Euro nach den Plänen des Stuttgarter Büros Lederer, Ragnarsdóttir und Oei. Ein mächtiger, zweiflügeliger Quader, der sich aber mit einer rot gediegenen Mainsandstein-Fassade und mit ein paar Zitaten der örtlichen Baugeschichte unaufgeregt einfügt in die Stadtkulisse. Im Oktober war Eröffnung – es ist ein bemerkenswerter Zufall, dass Arno Lederer und Co. auch in Stuttgart den Wettbewerb gewannen für das dortige neue Stadtmuseum, das sie in die Fassade des historischen Wilhelmspalais hineinbauten.

Frankfurt also zunächst: Europas Großstädte, so die Jury des Kairos-Preises, seien „Experimentierfelder der Zukunft“, wenn stürmische Veränderungen die wirtschaftlichen und sozialen, die sprachlichen, kulturellen und religiösen Verhältnisse in Frage stellten. Das Stadtmuseum als Laboratorium „friedlicher Bewusstseinsbildung“? Gerchow jedenfalls, Jahrgang 1958, ist davon überzeugt, dass „die Stadt das Einzige ist, was alle Menschen, die dort leben, miteinander gemein haben: Nicht die Herkunft, die Religion oder irgendeine nationale Identität, sondern die Stadt ist das, was sie miteinander teilen“.

Was das bedeutet? Nicht nur Blicke zurück in die Geschichte, sondern aktuelle Partizipation. „Frankfurt Jetzt!“ heißt eine Ausstellung im Dachgeschoss unter den Giebeln; mit einem „Stadtlabor“, mit einer „Bibliothek der Generationen“ und auch mit einem riesigen Stadtmodell, das der Künstler Herman Helle aus überraschenden Materialien gebaut hat, mit den Lieblings- und Unorten von fast 1500 befragten Bürgerinnen und Bürgern. Das Museum als Begegnungsort.

Das Einst und das Jetzt

Banken-Metropole, „Mainhattan“, Flughafen, Messe – aber gleichermaßen Fachwerk-Gemütlichkeit und Museumsufer. In Frankfurt wurden deutsche Kaiser gekrönt, und in der Paulskirche konstituierte sich 1848 das erste deutsche demokratische Parlament . . . „Frankfurt Einst?“ heißt der historische Parcours durch fünf Galerien: 100xFrankfurt, Stadtbilder, Geld-, Bürger-, Weltstadt. Zahllose Objekte, Installationen; nicht zuletzt das Arbeitszimmer des Literaturpapstes Marcel Reich-Ranickis ist zu bestaunen.

Das gelingt dem von Jan Gerchow geleiteten Historischen Museum eben auch: die Fremden, die Ortsunkündigen, die Touristen zu begeistern mit anschaulichen, spannend präsentierten Objekten.

Frankfurt am Main wird ja auch gerne unterschätzt – wie Stuttgart. Auch die Schwaben in der Verkehrshauptstadt der Republik können die Vorurteile jetzt widerlegen: im neuen Museum für Stuttgart, im Stadtpalais. Man darf gespannt sein.

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06.04.2018, 06:00 Uhr
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