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Ordnung und Störung
Sean Scully vor seinen Balkenbildern. Foto: Christina Kirsch
Malerei

Ordnung und Störung

Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt das Werk des Iren Sean Scully: „Vita Duplex“.

13.04.2018
  • CHRISTINA KIRSCH

Karlsruhe. „Jedes Bild ist ein Selbstbildnis“, sagt Sean Scully. Der gebürtige Ire steht wie ein Baum vor einem seiner Streifenbilder. Streifen stünden bei ihm nicht für Ordnung, erzählt er, sondern für Rhythmus und Musik. Seine Mutter war Sängerin, der junge Scully, begeistert von der amerikanischen Rhythm-'n'-Blues-Musik, eröffnete einen Club, ehe er nach London zog, um Malerei zu studieren. Sein erstes Streifenbild entstand in der Auseinandersetzung mit einem Selbstbildnis Ernst Ludwig Kirchners. Auf ihm trägt der Künstler eine gestreifte Hausjacke.

Ihretwegen habe er dieses Bild unheimlich gemocht, sagt Scully. Seine Balkenbilder dagegen gehen auf Holzkisten zurück, die er als junger Mann in einem seiner Jobs passgenau im Kastenwagen zu verstauen hatte. In der Schau „Sean Scully. Vita Duplex“ zeigt die Kunsthalle Karlsruhe rund 120 Werke von den 60er Jahren bis heute. Monumental und gleichzeitig kammermusikalisch setzt Scully Balken und Linien zu Gittern, Horizontalbildern und Mauerblöcken zusammen. Immer wohnt ihnen ein Spannungsverhältnis inne von hell und dunkel, Ordnung und Störung, Geschichte und Gegenwart, Geist und Gefühl. Alles ist „duplex“.

Viele Bilder beziehen sich auf Philosophen oder Maler, mit denen sich der 72-Jährige beschäftigt hat. „The Bather“ (1983) ist farblich eine Hommage an Henri Matisse, in „Arles-Nacht-Vincent“ (2015) huldigt er der Farbpalette Vincent van Goghs. Giorgio Morandi erklärt er in einem grauen Diptychon zu seinem Wahlverwandten.

Seit dem Tod seines 19-jährigen Sohnes seien seine Bilder grau geworden, sagt Scully. Gleichwohl scheint aus vielen seiner Ölbilder ein inneres Licht zu leuchten. „Schönheit muss einen Bezug zur Wahrheit haben“, sagt Scully. Und weil der Mensch nun mal ein widersprüchliches Wesen ist, sind Scullys Farben gebrochen und nie rein.

Als junger Mensch, erzählt Scully, habe er nur wenig Zuwendung erfahren. „Und jetzt im Alter ist es so viel. – Fast zu viel“, beschwert er sich scherzhaft, um gleich darauf die sensationelle kuratorische Leistung der Bilderschau zu rühmen. Sie zeigt auch die Insets der vergangenen fünf Jahre, für die Scully Bilder ins Bild einsetzt. Eine Leinwand wird kastenförmig in die Leinwand eingefügt und suggeriert so die Vorstellung von einem Fenster.

„Diese Bilder fungieren als Metaphern für Hoffnung oder Störung“, sagt Scully. Fenster markieren eine Schwelle zwischen Innen und Außen. Scully transformiert Erfahrenes und Erlittenes in eine Sprache des Rhythmus. Dabei mangelt es nicht an Poesie, versehen mit einer Spur Melancholie, der durch die Ritzen seinerfarbigen Blöcke scheint. Trotz Sean Scullys Bekenntnis zum Gefühl überwältigen seine Bilder nicht. Aber sie ergreifen.

Christina Kirsch

Info Die Ausstellung „Sean Scully. Vita Duplex“ ist in der Kunsthalle Karlsruhe bis 5. August zu sehen.

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13.04.2018, 06:00 Uhr
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