Querelen und Rassismus

Online-Portale veröffentlichen Interna der „Deutschen Burschenschaft“

Protokolle und Postulate der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) – lesbar für alle im Netz: Ein Daten-Leck bietet Einblicke in den Verband, in dem zwei Tübinger Burschenschaften vertreten sind – von rassistischen Theorien bis zu gereizten Strategie-Debatten.

16.07.2011

Von Fabian Ziehe

Tübingen. „Wir sagen nichts dazu, da gibt es sicher eine interne Stellungnahme der DB“, mehr Auskunft gab es gestern nicht von der Alten Straßburger Burschenschaft Germania. Auch beim zweiten Tübinger Mitglied des DB-Korporationsverbands, der Straßburger Burschenschaft Arminia, war wenig zu erfahren: Erst wolle man sich beraten, dann entscheiden, ob man sich äußert, so ein Sprecher am Telefon. Die DB nahm bislang nicht Stellung.

„Spiegel-Online“ machte gestern mit dem Daten-Leck bei der DB auf: 3000 Dokumente seien in ihrem Besitz, deren Authentizität ein Insider bestätigt habe. Das Nachrichtenportal zitiert aus einigen Dokumenten. Die Website „Indymedia“ stellte einzelne Protokolle und Infobriefe online – darunter drei kürzlich versendete „Rundinfos“, die vor Journalisten-Nachfragen warnten: „Wir appellieren daher an die Ehre eines jeden Burschenschafters, nicht mit der Presse zusammenzuarbeiten! Denunziantentum kann niemals burschenschaftlich sein!“ ist da zu lesen.

Für diese Warnung ist es nun wohl zu spät. So ist in Passagen von einem Ringen um die politische Positionierung der Burschenschaften zu lesen. Rassistische Ideen wechseln sich ab mit Appellen, von Extremstandpunkten Abstand zu nehmen. Darüber hinaus ist wiederholt von weiteren Querelen unter den 120 deutschen und österreichischen Mitgliedsbünden zu lesen.

„Das ist eine Menge an Dokumenten, natürlich werden wir da mal einen Blick darauf werfen“, sagt Bettina Neumann vom Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Derzeit werde aber keine Burschenschaft im Land beobachtet. Vor zehn Jahren stand die „Arminia Zürich zu Heidelberg“ unter Beobachtung der Verfassungsschützer. „Aber das war keine Burschenschaft im eigentlichen Sinne“, sagt Neumann. Die Heidelberger waren in keinem Dachverband organisiert und hätten sich eher mit Attributen einer Burschenschaft geschmückt, als dass sie tatsächlich eine waren.

Sicher seien manche Burschenschaften „im sehr konservativen“ Milieu zu verorten. „Aber bei näherer Betrachtung hat sich ein Extremismus-Verdacht nie erhärtet“, sagt Neumann. Nach allen Erfahrungen würden die nun veröffentlichten Dokumente der DB es nicht notwendig machen, dass der Verfassungsschutz aktiv werden müsse.

Promotionsstudent Matthias Koch kennt die Dokumente nicht – aber die Tübinger Verbindungsszene: Er war nicht nur in der Fachschaften-Vollversammlung aktiv, er schloss sich auch zwei Semester der Landsmannschaft im CC Ulmia an. Die DB-Burschenschaften seien „am rechten Rand“ der Verbindungen zu verorten. „Auch die Ulmia ist konservativ – aber im Vergleich zu den beiden gemäßigt.“

Die Alte Straßburger Burschenschaft Germania werden „Straßen-Germanen“ genannt – als Abgrenzung zu den „Eck-Germanen“ mit ihrem Haus nahe der Neckarbrücke. 2005 luden sie den rechten Publizisten Klaus Hornung zum Vortrag ein. Manche Straßen-Germanen seien bei anderen Verbindungen wegen ihres rustikalen Auftretens und Pöbeleien unbeliebt, sagt Koch. „Bei der Arminia habe ich hingegen etwas mehr Zurückhaltung gespürt.“ Vor fünf Jahren war bei ihnen der heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Gast.

Die veröffentlichten Unterlagen auf indymedia

Als „revolutionäre Bewegung“ seien sie gestartet, schreibt die „Deutsche Burschenschaft“ auf ihrer Homepage. Interne Dokumente belegten nun die „Unfähigkeit, rechtsextremen Brüdern Einhalt zu gebieten“, kommentiert „Spiegel-Online“.Montage: ST

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Erstellt:
16. Juli 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juli 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2011, 12:00 Uhr

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