Suchtgefahr

Online-Casinos werden legal

Seit der Pandemie mit geschlossenen Spielhallen verlegen sich viele Menschen aufs Zocken im Internet. Für Sportwetten & Co. wird massiv geworben.

25.06.2021

Von dpa

Auf einem Smartphone wird ein Online-Spiel gespielt. Ob jemand gewinnt oder verliert, hängt vom Zufall ab. Foto: Sina Schuldt/dpa

Für die einen erhöht er die Suchtgefahr beim Zocken, die anderen sehen ihn als Meilenstein für mehr Spielerschutz: Am 1. Juli tritt ein neuer Glücksspiel-Staatsvertrag in Kraft. Damit werden in ganz Deutschland Online-Casinos legal, verbunden mit einer zentralen Sperrdatei für abhängige Zocker, einem Einzahlungslimit von 1000 Euro monatlich sowie einer zentralen Aufsichtsbehörde. Auch bei der Werbung für Sportwetten gibt es Neuerungen – so dürfen aktive Fußballer beziehungsweise Funktionäre nicht mehr Wettanbieter anpreisen – Stars ohne aktuelles Amt wie zum Beispiel Lothar Matthäus aber schon.

Mit der Erlaubnis von Internet-Casinos folgen jetzt alle Bundesländer Schleswig-Holstein, das 2012 bereits im Alleingang diesen Weg ging. So sollen an illegale Anbieter verlorene Zocker zurückgewonnen werden. Glücksspiel ist aber auch ein Milliarden-Geschäft, von dem auch der Staat profitiert. Der Fiskus kassierte laut dem Jahresreport der Aufsichtsbehörden 2019 etwa 5,4 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben im erlaubten Glücksspielmarkt. An alkoholbezogene Steuern seien es im gleichen Jahr nur rund 3,1 Milliarden Euro gewesen, sagt Tobias Hayer. Der Bremer Psychologe forscht seit Jahrzehnten zur Glücksspielsucht.

„Dieser Staatsvertrag ist ein fauler Kompromiss“, kritisiert Hayer. „Er bedient in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen der Glücksspiel-Anbieter, aber nicht die Interessen des Gemeinwohls.“

Knapp eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten als problematische oder sogar abhängige Spieler. Mögliche Folgen sind soziale Isolation, Jobverlust, sehr oft Überschuldung, manchmal auch das Abrutschen in Beschaffungskriminalität. Die Abwärtsspirale kann bis zu Suizid-Absichten gehen.

Dabei fängt es häufig harmlos an, wie Betroffene anonym im Forum Glücksspielsucht, einer Internet-Plattform, beschreiben. Da schildert ein nach eigenen Angaben 20-Jähriger, wie er vor kurzem erstmals im Online-Casino 20 Euro setzte, schnell 400 Euro gewann und bald aber auf seinem Konto 900 Euro im Minus war. „Bin kurz davor abzustürzen“, schreibt der junge Mann, der nach eigenen Worten seine Ausbildung geschmissen hat. Andere berichten davon, ihre gesamten Finanzen an die Partnerin abgegeben zu haben, um nicht wieder rückfällig zu werden. Ein 53-Jähriger erzählt, dass er seit seiner Jugend abhängig sei und rund eine Million Euro verzockt habe.

„Durch die Digitalisierung des Glücksspiels besteht die Möglichkeit zu spielen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, sagt Ilona Füchtenschnieder, Vorsitzende des Fachverbands Glücksspielsucht. „Das ist so, als ob Sie in jeder Wohnung neben dem Wasserhahn einen Whiskyhahn einbauen.“ Sie plädiert für besseren Verbraucherschutz, etwa was Kreditkarten-Zahlungen angeht.

Für die meisten Menschen ist gelegentliches Glücksspiel kein Problem. Bei gewissen psychischen Konstitutionen bestehe ein erhöhtes Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln, sagt Alexander Glahn, Leiter der Abhängigenambulanz in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). So sind Fachleuten zufolge besonders Personen mit geringem Selbstwertgefühl und gesteigerter Impulsivität gefährdet. Erste Gewinnerfahrungen aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn.

Bisher mussten sich exzessive Spieler, die den Absprung schaffen wollten, bei jedem einzelnen Anbieter sperren lassen. Das wird sich nun ändern. „Die übergreifende Sperrdatei ist ein Meilenstein in der Prävention“, sagt Füchtenschnieder. Wermutstropfen seien die sehr kurze Dauer der Sperre von einem Jahr und dass die Datei nicht sofort am 1. Juli greifen werde. Wenn sich ein Spieler beim zentralen System OASIS anmeldet, ist er automatisch für Spielhallen, Spielbanken, Online-Casinos sowie Sportwetten gesperrt.

Kritik an geplanter Besteuerung

Der 2017 gegründete Deutsche Online Casinoverband (DOCV), in dem in der EU lizenzierte Unternehmen organisiert sind, begrüßt den neuen Staatsvertrag, hat aber auch Kritikpunkte. So gebe es kein bundesweites Erlaubnismodell für Roulette oder Black Jack, sondern nur wieder einen Flickenteppich von Länderregelungen.

Zudem kritisiert die Branche, die geplante Besteuerung der Spieleinsätze bei virtuellen Automatenspielen und Online-Poker in Höhe von 5,3 Prozent. Viele Spieler würden dann wieder in den illegalen Schwarzmarkt von Anbietern aus dem außereuropäischen Ausland flüchten, die weder Maßnahmen für den Jugend- und Spielerschutz ergriffen noch Steuern zahlten. - dpa

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Erstellt:
25. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2021, 06:00 Uhr

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