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Oma und Opa zum Ausleihen
Vom Leihgroßeltern-Projekt profitieren alle Seiten: Die alleinerziehende Beate Grünenwald (links) und ihre Tochter Joleen-Melody haben in Christel (2. von links) und Hans-Peter Egenrieder liebevolle Ersatz-Großeltern gefunden. Foto: Kristina Betz
Betreuung

Oma und Opa zum Ausleihen

Senioren springen für fremde Kinder als Leihgroßeltern ein – eine Idee, von der beide Seiten profitieren und die immer mehr Netzwerke fördern.

24.02.2018
  • KRISTINA BETZ

Schwäbisch Gmünd. Joleen-Melody steht hinter dem weißen Vorhang und zählt. „Dreizehn, Vierzehn, Elfzehn – ich komme“, ruft die Dreijährige. Opa Hans, wie sie Hans-Peter Egenrieder nennt, hat sich hinter der Küchentür versteckt. Danach ist ihre Oma Christel dran, entscheidet Joleen-Melody. Die drei kennen sich erst seit knapp einem halben Jahr. Dennoch gehören Hans-Peter und Christel Egenrieder bereits zur Familie. Sie sind Leihgroßeltern, die die alleinerziehende Beate Grünewald bei der Betreuung ihres Kindes unterstützen, wenn die 27-Jährige ihrer Ausbildung zur Frisörin nachgeht.

Das Ehepaar Egenrieder ist Teil des Leihgroßeltern-Netzwerks in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis). Nicole Knödler leitet das Projekt der städtischen Seniorenhilfe. Sie bringt Großeltern, die gerne Enkel hätten, mit Enkeln, die gerne Großeltern hätten, zusammen. Als ein „Geben und Nehmen“ war das Projekt, das 2015 startete, gedacht. Doch Knödler stellte schnell fest: „Die Senioren wollen gar keine Gegenleistung dafür, dass sie sich kümmern. Das Kümmern ist genug.“

So sehen es auch Hermann und Ingrid Spaeth. Sie haben selbst Enkel. Mit Mitte zwanzig brauchen die aber keine Betreuung mehr. Die 74- und 77-Jährigen bekommen bald ihre ersten Leihenkel zugeteilt. „Wir wollen etwas von unserem Leben abgeben“, sagt Ingrid Spaeth. „Und weitergeben“, ergänzt Hermann Spaeth. Nicole Knödler ist das nicht fremd. Vielen der 14 Senioren im Netzwerk ist es wichtig, von ihrem Leben zu erzählen und den Kindern die Werte ihrer Generation zu vermitteln.

Bevor Senioren sich als Leihgroßeltern engagieren, durchlaufen sie eine Art Bewerbungsprozess. Auch eine Schulung gehört zur Vorbereitungsphase, in der pädagogische sowie rechtliche Inhalte vermittelt werden. Danach finden Treffen mit den potenziellen Leihenkeln in einem neutralen Umfeld statt, meist in Nicole Knödlers Büro. Nur wenn die Chemie stimmt, geht es in die ein bis zweimonatige Probezeit. „Das Bauchgefühl entscheidet“, sagt Knödler.

Bei Steffi Elter und ihren zwei Leihenkeln hat das Bauchgefühl gestimmt. Die 69-jährige betreut die Kinder eines alleinerziehenden, berufstätigen Mannes. Zweimal die Woche holt sie die Kinder von der Schule ab, kocht ihnen Mittagessen und ist bei ihnen, bis der Vater um 17 Uhr von der Arbeit kommt. „Wenn die Kinder krank sind, hole ich sie zu mir, dass ihr Vater seinem Beruf als Informatiker nachgehen kann“, berichtet Steffi Elter. Von Anfang an sei eine vertrauensvolle Basis da gewesen. Sie habe einen eigenen Wohnungsschlüssel, und sie gehöre zur Familie, sagt sie. Vergangene Woche war sie beim Kindergeburtstag des neunjährigen Mädchens. Als Tagesmutter oder Oma-Ersatz sieht sie sich nicht. Die 69-Jährige versteht es, Distanz zu wahren. Aus der Privatsphäre der Familie und dem Verhältnis zur Mutter hält sie sich raus.

Plötzlicher Kontaktabbruch

Zu ihren vorherigen Leihenkeln ist der Kontakt abgebrochen. Drei Jahre war Steffi Elter Teil der Familie. Dann ging die große Tochter aufs Gymnasium, und nach einem Urlaub schien die Familie Elters Hilfe nicht mehr zu brauchen. „Ich habe der Familie einen Willkommensgruß geschrieben und mehrfach versucht, sie zu kontaktieren“, erklärt Steffi Elter. Dass ihr der Kontaktabbruch etwas ausmacht, kann sie nicht verbergen. Die Mutter hat sich bis heute nicht mehr gemeldet.

Das Ehepaar Egenrieder versucht, an solche Szenarien nicht zu denken. Hans-Peter Egenrieder sieht sich selbst in zehn Jahren Hausaufgaben mit „seinem kleinen Liebling“ machen. Und auch Joleen-Melodys Mutter beruhigt den Leihopa: „Ich kann es mir nicht mehr ohne die beiden vorstellen“, sagt Beate Grünenwald. Für sie sind die Großeltern nicht nur ausgeliehen, „sie gehören jetzt zum Inventar“.

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24.02.2018, 06:00 Uhr
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