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Winterspiele

Olympischer Quälgeist

Die Südkoreaner hatten für sich auf weltweit positive Schlagzeilen gehofft. Doch nun will Nordkorea offensichtlich die Veranstaltung für Propagandazwecke missbrauchen.

06.02.2018
  • FELIX LEE

Pyeongchang. Als Frank Sinatras „My Way“ erklingt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Chang Che Shun schließt die Augen. Verträumt wippt er zur Musik hin und her. Seine Frau Jin Jo sitzt neben ihm. Sie summt dazu. Der Kaffee ist schwarz, kein Milchschaum, einfach nur Filterkaffee. „Seoul ist voll von Cafés“, sagt der 70-Jährige. Aber Läden nach seinem Geschmack seien rar. Deswegen kämen er und seine Frau regelmäßig in die „Musicbox“.

Das ist ein Café in Jongno, einem der wenigen verbliebenen alten Viertel von Seoul. Filmplakate, auf denen Audrey Hepburn oder Szenen aus „Casablanca“ zu sehen sind, schmücken die Wände. Eine bunte Lichterkette hängt über einer Box, in der ein DJ Vinylschallplatten auflegt – so wie es in den 1960er-Jahren üblich war. Die Senioren verkriechen sich in dem Café und trotzen der Zeit, die draußen vor der Tür viel schneller zu verinnen scheint als drinnen.

Sehnsucht nach der Vergangenheit – die ist bei den älteren Leuten in Seoul oft anzutreffen. Zu viel hat sich in Südkorea zu rasch verändert. In der Hauptstadt ist alles Alte abgerissen. Die Jungen haben andere Werte, einen völlig anderen Lebensstil. Das prägt die Einstellung zu den dominierenden Themen dieser Tage: Nordkorea und Olympia. „Ja, wir wollen die Wiedervereinigung“, sagt Chang. „An diesem Ziel müssen wir festhalten.“ Sonst werde es auf der koreanischen Halbinsel nie Frieden geben.

„Wir verzeichnen eine Spaltung der Gesellschaft entlang der Alterslinien“, erklärt Go Myong Hyun. Der 40-jährige Politologe sitzt im modernen Bau des renommierten Asan Institute for Policy Studies in einem edlen Stadtteil von Seoul. Das Institut wurde einst vom Hyundai-Gründer ins Leben gerufen. Go hatte versucht, die Neuropsychologie der Nordkoreaner zu erforschen, kam aber nach eigenen Angaben nicht weiter. Nun hat er sich auf die innerkoreanische Sicherheitspolitik spezialisiert.

Die ältere Generation befürworte einen engen Austausch mit dem Norden und hänge „einer romantischen Vorstellung von nationaler Einheit an“, sagt Go. Die Jüngeren könnten mit Kims Regime dagegen nichts anfangen. „Es nervt sie, dass ihre schönen Winterspiele plötzlich zum Propagandafest des skurrilen Nachbarlandes mutiert sind.“

Cloé Jung zuckt mit den Achseln. Ja, die auf Seoul gerichteten Raketen seien eine Bedrohung. Doch Angst habe sie keine. „Was soll schon passieren?“ Die 36-Jährige lebt schon immer mit der Bedrohung. Ihre Eltern ebenso. Nur ihre Großeltern kannten noch ein Korea ohne Grenzen. Aber da waren sie noch klein. Und Korea war von Japan besetzt, dann herrschte Krieg. „Wir kennen es gar nicht anders.“

Politikwissenschaftler Go geht noch weiter und sagt: „Südkorea ist derzeit so sicher wie kein anderes Land auf der Welt.“ Es gebe keine Terrorgefahr, keine Naturkatastrophen. Es gebe vor und während der Spiele keine verschärften Sicherheitsvorkehrungen. Go vergleicht die Situation mit Europa zu Zeiten des Kalten Krieges. Das „nukleare Gleichgewicht des Schreckens“ sorgte dafür, dass weder die Sowjetunion noch die USA den nuklearen Ersteinsatz wagten. Denn sie mussten unmittelbar mit einem nuklearen Gegenschlag rechnen. Europa war so sicher wie nie.

Wenig Optimismus

Cloé sitzt im Café „Ma Non Troppo“, in Seouls angesagtem Stadtviertel Hannam. In der Glasvitrine liegen Macarons neben Tartes und Mousse-au-Chocolat-Törtchen. Die Einrichtung ähnelt einem Wiener Kaffeehaus. Es duftet nach Orangenschalen. „Wir Südkoreaner haben es uns bequem gemacht“, sagt sie. Hoffnungen, dass der Konflikt demnächst gelöst werden könnte, hegt sie keine. Sie habe in ihrem Leben schon so häufig zu hören bekommen, dass die beiden Koreas sich annäherten – um sich dann wieder zu verkrachen. „Warum sollte das dieses Mal anders sein?“

Vor etwas mehr als einem Monat standen sich Nord- und Südkorea noch spinnefeind gegenüber. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un wetterte ohne Unterlass gegen Südkorea, den „Vasallenstaat der USA“. Zehntausende Artilleriegeschütze sind auf Seoul gerichtet. Auf der anderen Seite provoziert Südkorea seinerseits mit regelmäßigen Manövern. Und dann Nordkoreas Atomprogramm: Mehr als ein Dutzend Raketen hat das Regime in Pjöngjang allein 2017 abgeschossen, unterirdisch wahrscheinlich eine Wasserstoffbombe getestet. Dazu noch die Wortgefechte mit US-Präsident Donald Trump.

Doch zum Jahreswechsel kommt die plötzliche Wende: Der nordkoreanische Machthaber äußert den Wunsch nach Annäherung und der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen, die am 9. Februar im südkoreanischen Pyeongchang beginnen, gerade einmal 60 Kilometer von der Grenze entfernt.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Treffen in Panmunjom, dem berühmten Dorf mitten in der entmilitarisierten Zone, das erste zwischen ranghohen Vertretern seit mehr als zwei Jahren. Dann die Einigung auf einen gemeinsamen Einmarsch

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06.02.2018, 06:00 Uhr
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