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Olympische Odyssee
Beim Training in Rio: Yusra Mardini startet im Flüchtlingsteam ROT unter olympischer Flagge. Foto: getty images
Stoff für Hollywood: Die nach Berlin geflüchtete Syrerin Yusra Mardini schwimmt in Rio

Olympische Odyssee

Eine Menge Superstars sind in Rio dabei. Für sie geht's um Medaillen. Für Yusra Mardini, 18, nicht. Trotzdem steht die Syrerin jetzt im Mittelpunkt.

04.08.2016
  • WOLFGANG SCHEERER

Rio. ROT. Drei Buchstaben und ein Happy End: Unter olympischer Flagge dürfen in Rio vier Sportlerinnen und sechs Sportler im Refugee Olympic Team antreten. Allesamt Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern bereits herausragende Athleten waren, durch die Grausamkeit von Krieg oder Vertreibung aber irgendwo gestrandet sind. Und das oftmals buchstäblich. Als Thomas Bach das zehnköpfige ROT-Team jetzt vor seinen applaudierenden Funktionärskollegen in Rio zu sich auf die Bühne holte, genoss der momentan stark unter Druck stehende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Umarmungen und das glückliche Händeschütteln sichtlich. Stellvertretend bedankte sich am Mikrofon die junge Syrerin Yusra Mardini für die besondere Startmöglichkeit. 1500-Meter-Läuferin Anjelina Lohalith hat ebenfalls Hunger und Krieg hinter sich: „Auch wenn schlechte Dinge in unserem Land passieren, die ich niemals akzeptieren kann, bin ich überglücklich jetzt hier zu sein.“ Wie die vier weiteren Flüchtlinge aus dem Südsudan, die in Rio dabei sind, lebt die Leichtathletin heute in einem Flüchtlingslager in der kenianischen Stadt Kakuma.

Yusra Mardini hat es mit ihrer Schwester Sara nach Berlin geschafft. Es ist nicht lang her, da schwammen beide im Nationalteam Syriens. Der Kontakt zu den Wassersportfreunden Spandau war schnell geknüpft. Sven Spannekrebs kümmert sich als Trainer um die 18-jährige Yusra und die zwei Jahre ältere Sara. Mit Yusra ist er jetzt nach Rio geflogen. Für die Schwimmerin ist ein „Kindheitstraum in Erfüllung gegangen“. Aber es geht um viel mehr als persönliche Ambitionen: „Durch die vielen Reaktionen in den letzten Wochen habe ich gemerkt, wie viele Menschen durch mich inspiriert sind. Ich will sie nicht enttäuschen.“

Alle Wünsche zu erfüllen, ist allerdings beim besten Willen nicht möglich. Weit über 1000 Anfragen für Interviews hat es bis zum Abflug nach Brasilien gegeben, Yusra war als Talk-Gast bei „Mensch Gottschalk“, ein ARD-Team wollte ihren Weg nach Rio dokumentieren. Yusra Mardini sagt: „Ich bin stolz und dankbar, dass ich dabei sein kann.“

Das ist der schönste Part der Geschichte, für die sich auch Hollywood schon interessiert. Das hat der Trainer jetzt in Rio bestätigt. Zwei Anfragen habe es gegeben. Stoff bieten die Erlebnisse jedenfalls gerade genug. Der dramatische Teil: Unter Lebensgefahr verließen die Schwestern vor einem Jahr die syrische Hauptstadt Damaskus. Die Flucht übers Mittelmeer hätte beinahe in einer Katastrophe geendet. In der Ägäis zwischen der Türkei und Griechenland lief auf dem Weg nach Lesbos plötzlich Wasser ins mit 20 Personen überfüllte Schlauchboot. Beherzt sprangen Yusra, Sara und ein weiterer Mann ins kalte Wasser und zogen die anderen mit letzter Kraft ans Ufer. Was wäre ohne die beiden Schwimmerinnen gewesen?

Alles ging gut. Am 4. September endete die Odyssee in Berlin. Dazwischen lagen die Stationen Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich. Trotzdem war und ist es in Deutschland für Yusra und Sara bis heute nicht das pure Glück. Die Mutter und die jüngste Schwester sind immer noch in Syrien. Vater Ezzat, ein Schwimmtrainer, ist im benachbarten Jordanien geblieben, letztlich irgendwie in Reichweite seiner Frau.

Aktuell bleibt die Familie auseinandergerissen, auch wenn der 45-jährige Ezzat öfter in Berlin war, um seine Töchter zu unterstützen. Yusra Mardini sagt: „Die Flucht wäre für unsere kleine Schwester zu gefährlich gewesen. Sie ist erst acht Jahre alt.“ Während Frieden und Sicherheit für Mutter und Tochter auch weiterhin nicht garantiert sind, haben wenigstens Sara und Yusra eine neue Perspektive.

Seit November hat Yusra Mardini in Berlin jede Woche rund 30 Stunden trainiert, an eine Olympia-Teilnahme aber zunächst nicht gedacht. Dann startete das Internationale Olympische Komitee (IOC) seine Flüchtlingskampagne. Und Yusra, das Mädchen mit den dunkelbraunen, wachen Augen, verlieh ihr ein besonders sympathisches Gesicht. Am 3. Juni war es soweit: Das IOC nominierte offiziell das Refugee-Team (ROT) für Rio. Bei der Eröffnungsfeier heute im Maracanastadion werden die zehn Athleten, darunter allein fünf aus dem Südsudan, hinter der weißen Fahne mit den fünf Ringen einlaufen.

Das IOC will mit dem Start ein „Symbol für die Hoffnung und Aufmerksamkeit für die weltweite Flüchtlings-Krise“ schaffen. Auch ein Fonds über zwei Millionen Dollar wurde aufgelegt, unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR, um Trainingsprojekte weltweit zu unterstützen.

Beim Countdown in Rio gilt es für Yusra Mardini, sich möglichst stark auf die Wettkämpfe zu konzentrieren. Sven Spannekrebs hat versucht, sie so gut wie möglich abzuschirmen. Über 100 Meter Schmetterling, 100 und 200 Meter Freistil könnte sie starten. Auch der ebenfalls über die Balkanroute geflüchtete syrische Schwimmer Rami Anis zählt zum ROT-Team. Mit ihm trainierte Yusra Mardini („Rami ist ein guter Freund geworden“) in den vergangenen Tagen oft zusammen.

Das Talent der Schwestern wurde vom Vater früh gefördert. 2012 nahm Yusra mit gerade einmal 14 Jahren an der Kurzbahn-WM in Istanbul teil und stellte einen syrischen Landesrekord über 400 m Freistil auf: 4:56,66 Minuten. US-Star Katie Ledecky schwimmt aktuell fast eine Minute schneller. Aber in diesem Fall geht es nicht um Sekunden. Für Yusra Mardini hat eine neue Zeitrechnung begonnen und mit ihr die Hoffnung, 2020 in Tokio vielleicht noch einmal antreten zu können. Dann vielleicht für ein befriedetes Syrien.

Nach fünf Jahren Bürgerkrieg sind für das zerstörte Land von Diktator Assad selbst nur eine Handvoll Athleten in Rio am Start. Einer hat Medaillenchancen: Hochspringer Majd Eddin Ghazal, der im Mai mit 2,36 Metern an die Spitze der Jahresweltbestenliste geflogen war. Mit Yusra Mardini hat er heute nur noch gemeinsam, dass auch sein Start das Augenmerk auf einen der aktuellen Brennpunkte lenken wird.

Auch die Mitglieder des ROT-Teams leben im Athletendorf von Rio. Yusra Mardini und die anderen waren schon oben auf dem Corcovado und haben für die Fotografen posiert. „Wir repräsentieren die Hoffnung“, sagt die Neu-Berlinerin, die sich schon wiederholt für die große Hilfsbereitschaft in Deutschland bedankt hat. „Ich hatte nichts, als ich in Spandau zum ersten Mal zum Training gekommen bin.“

Inzwischen wächst weltweit ihre Fangemeinde. Die ungewohnt große Rolle bei den Olympischen Spielen füllt sie mit ihrer Persönlichkeit aus, ehe sie überhaupt nur gestartet ist: Yusra Mardini ist die Schwimmerin der Herzen.

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04.08.2016, 06:00 Uhr
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