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„Olympia ist etwas für Reiche“
Olympia? In den Bars von Rio läuft zwar der Fernseher, aber niemand guckt den Sportereignissen in den herausgeputzten Arenen der Stadt zu. Foto: dpa
In den Kneipen der Favelas von Rio interessiert sich fast niemand für das sportliche Weltereignis

„Olympia ist etwas für Reiche“

Stolze Selfies aus den Arenen sind die eine Seite von Olympia. In weiten Teilen Rios wollen die Brasilianer von den Sommerspielen einfach nichts wissen.

11.08.2016
  • TOBIAS KÄUFER

Gerade flimmern noch Rafaela Silvas Tränen über den antiquierten Bildschirm, doch schon geben die Männer in der Bar ein unmissverständliches Signal: „Umschalten und neues Bier.“ Die erste brasilianische Goldmedaille von der afro-brasilianischen Judoka wird in der Favela Rocinha zwar mit Respekt quittiert. Doch wirklich wichtig ist an diesem Abend etwas Anderes. Die „Serie A“ spielt und da steht ein Nachholspiel an. Atlético Mineiro trifft auf Chapecoense AF und gewinnt 3:1. Es gibt auch noch den Klassiker zwischen den Corinthians aus Sao Paulo und Cruzeiro Belo Horizonte (1:1), ein wirklich wichtiges Spiel.

In fast allen Lokalen dieser riesigen Favela, in der das authentische und wahre Herz Rio de Janeiros schlägt, flimmert an diesem Abend Fußball über die Bildschirme – nicht Olympia. „Die Nachholspiele sind wichtig, weil sie darüber entscheiden, ob Flamengo auf Platz zwei bleibt“, sagt Ricardo, der sich krampfhaft an einem Bierglas festhält, als ob er dem Treiben eine Wende geben könnte. „Flamengo“, sagt Ricardo und küsst erst einmal das Wappen auf seinem Trikot. „Flamengo ist immer für uns da. Und wir für Flamengo.“ Flamengo aber rutscht an diesem Abend auf Rang vier. Das reicht immer für die Relegationsrunde zur südamerikanischen Champions League, aber wer einmal an der Tabellenführung riecht, die lange in weiter Ferne war, der will eben mehr. Mit den Olympischen Spielen sei das eine andere Sache. Man könne sich den Eintritt nicht leisten: „Olympia ist was für Reiche, Flamengo spielt für uns.“

So wiederholt sich fast jeden Abend das gleiche Schauspiel. Der unerbittliche Spielkalender der Serie A wird nicht ausgesetzt. Es gibt keine Pause. Das ist eigentlich ein Affront des brasilianischen Fußballverbandes CBF gegen Olympia. Wohlwissend, dass damit Fans von Olympia abgezogen werden. Vielleicht ist es auch die bitterböse Rache, weil die olympischen Sommerspiele die drei Stadtteams Flamengo, Fluminense und Vasco für Monate aus dem Maracana-Stadion vertrieben hat. Olympia ist wichtiger. So war es schon vor der WM.

Deswegen harren sie aus in den Billardklubs, den Kneipen und den Billig-Restaurants. Hier ist Olympia so weit weg wie Duisburg-Marxloh von den Investitionen in das Sommermärchen 2006. Von hier aus gelangen allerdings kaum Bilder in den Rest der Welt. Nachdem sich die TV-Sender monatelang mit Schreckenseindrücken von Zika-Babys und Unruhen überboten, haben sie umgeschaltet. Liveschaltungen von der Christus-Statue, Bilder von Bikini-Schönheiten von der Copacabana. Nichts soll den Werbeerfolg daheim gefährden.

Gut eine Autostunde weiter ist Olympia zumindest für einen Moment angekommen. Ich bin verabredet mit Priscilla Guerrera (30). Sie ist Nachbarin und Freundin von Brasiliens erster Gold-Gewinnerin. Gemeinsam sitzen Freunde und Nachbarn der Familie Silvas vor dem Fernseher. Judo gibt es hier nur analog und auf einem Bildschirm, der mühsam mit den Farben kämpft. Es gibt an diesem Nachmittag eine Feier, aber keinen Party-Marathon. „Der Abwasch, die Kinder“, sagt Priscila.

Nun ist Olympia also in der Nachbarschaft der „Stadt Gottes“ gelandet. „Cidade de Deus“ heißt die brandgefährliche Favela, die nebenan liegt und in der Rafaela aufgewachsen ist. „Freguesia“ heißt ihre aktuelle Heimat. „Hier wohnt der Mittelstand, sagt Pricillas Mutter, der peinlich ist, dass der Putz von den Wänden bröckelt. Trotzdem darf ein US-Fernsehteam drehen.

Wie es nun weitergeht mit Rafaela, weiß Priscilla nicht. Eine schwarze Kämpferin, die aus bettelarmen Verhältnissen stammt, das könnte lukrative Werbeverträge bringen. Wahrscheinlich wird der Olympiasieg für Rafaela der nächste Schritt aus dem Viertel sein. Olympia kann aber genauso schnell wieder verschwinden, wie es gekommen ist. Auch deswegen ist die Begeisterung hier zwar für den Triumph groß, aber für Olympia eben klein.

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11.08.2016, 06:00 Uhr
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