Neu an der Uni

Oliver Schlumberger

Tübingen. So unterschiedliche Länder wie Syrien, Ägypten oder die Türkei betrachtet Oliver Schlumberger aus dem dreifachen Blickwinkel von Vergleichender Politikwissenschaft, Politischer Ökonomie und Entwicklungspolitik.

21.08.2009

Vorderer Orient heißt sein Fachgebiet. Der 38-Jährige studierte in Tübingen, Genf und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft und übernimmt nun den Lehrstuhl seines früheren Doktorvaters Prof. Peter Pawelka.

Eine seiner Grundfragen lautet: Wie lassen sich Demokratisierung und Menschenrechte im Nahen und Mittleren Osten mit politischen Mitteln fördern? Schlumberger war schon Berater des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und des Auswärtigen Amts. Ansprechpartner in der Region seien eben nicht linksgerichtete Intellektuelle. „Sie haben keine Massenbasis in ihren Gesellschaften.“ Vielmehr gelte es, „religiös ausgerichtete Organisationen“ zu gewinnen, „die zudem Funktionen wahrnehmen, die der Staat nicht mehr leisten kann“: Sie betrieben Suppenküchen, kümmerten sich um Witwenversorgung und Waisenhäuser.

Als nach dem Krieg im Libanon 2006 die komplette Infrastruktur zerstört war, Strom und Wasser nicht mehr funktionierten, habe nicht der libanesische Staat Nothilfe geleistet, sondern die Hisbollah. „Man kann diese Organisationen einstufen wie man will, aber ihre Existenz muss man zur Kenntnis nehmen.“

Weitere politische Interessen des Westens würden kaum direkt angesprochen, kritisierte Schlumberger, nämlich „der Zugang zu den globalen Ölreserven, die Sicherheit Israels, die Stabilität der Region“. Auch eine Demokratisierung könnte diese Stabilität erschüttern. Denn: „Politische Transformationen bedeuten Unsicherheit“, so Schlumberger. Er würde es befürworten, „wenn die Politik diesen Zielkonflikt thematisieren“ und die eigenen Interessen offenlegen würde.

Der Nahost-Experte warnt auch davor, die Lage im Mittleren und Nahen Osten zu ignorieren. „Das sind unsere Nachbarn.“ Wenn diese Staaten zerfallen, komme es zu Flüchtlingsbewegungen und einem starken Migrationsdruck. „Es würden rechtsfreie Räume entstehen, die von Terroristen oder Kriminellen gefüllt werden“, die Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel betreiben.

Laut Schlumberger wird das westliche Bild des Vorderen Orients bisher vor allem von den USA geprägt. Allein an der Georgetown-University in Washington gebe es 50 Professuren für den Nahen und Mittleren Osten. In ganz Deutschland hingegen sei bisher nur eine Handvoll davon zu finden. Der Politikwissenschaftler will nun innerhalb des vom DAAD geförderten deutsch-arabischen Hochschul-Dialogs ein politikwissenschaftliches Netzwerk knüpfen.

Schlumberger bedauert das Lavieren um einen EU-Beitritt der Türkei. „Es wäre außenpolitisch ein Trumpf für Europa gewesen.“ Ein starkes Signal, dass Europa mehr ist als „dieser christlich-abendländische Club“. Auch wirtschaftspolitisch sei die Ablehnung keine gute Entscheidung. „Die Türkei brummt.“ Ein besonderer „Migrationsdruck“ sei aus dem boomenden Land nicht zu erwarten. Eine nachgeschobene Einladung in die EU, befürchtet er, würde die äußerst nationalstolze Türkei gar nicht mehr akzeptieren.

In Tübingen will Schlumberger einen interdisziplinären regionalwissenschaftlichen Master-Studiengang „Politik und Gesellschaft im Mittleren Osten“ am Asien-Orient-Institut der Uni mit aufbauen. Die Fächer Soziologie und Religionswissenschaft sollen unter anderen ebenfalls beteiligt sein. „Weil Religion in diesen Gesellschaften noch eine prominentere Rolle hat als bei uns.“ dhe

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Erstellt:
21. August 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2009, 12:00 Uhr

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