OB-Wahl: Ohrfeige für die SPD-Pfadfinder

Stadtrat Thomas Keck will ein Mitgliedervotum

Das Rennen um die Nachfolge von OB Barbara Bosch wird immer bizarrer: Eine Woche, bevor die Findungskommission der Reutlinger SPD ihren Kandidaten bekanntgeben wollte, hat Stadtrat Thomas Keck vergangenen Freitag in einem Brief an die Kommission und an Mitglieder der Gemeinderatsfraktion seine eigenen Ambitionen erneut angemeldet. Und zudem erklärt, er würde sich gerne einem Mitgliedervotum stellen. Derweil mussten die Grünen ihre Entscheidung vertagen

14.11.2018

Von Thomas de Marco

Betzingens Bezirksbürgermeister Thomas Keck, hier beim Neujahrsempfang im vergangenen Jahr, möchte gerne Nachfolger von OB Barbara Bosch werden.Archivbild: Horst Haas

Am 19. Oktober sei ihm einen Tag nach dem Vorsprechen vor der erweiterten SPD-Findungskommission mitgeteilt worden, er sei als Betzinger Ortsvorstand, für den Gemeinderat und den Kreistag „zu wichtig“, als dass er als OB-Kandidat aufgestellt werden könne, schreibt Keck. Trotzdem wolle er nun mit seinem Brief noch einmal sein „gesteigertes Interesse“ anmelden, für die SPD bei der OB-Wahl ins Rennen zu gehen. Die SPD-Kommission besteht aus der Kreisvorsitzenden Ronja Nothofer, Boris Niclas-Tölle und Heike Haak von der Spitze des Ortsverbands sowie den Stadträten Helmut Treutlein und Sebastian Weigle.

Er rechne sich gute Chancen aus, erklärte er dem TAGBLATT gegenüber am Dienstag: „Ich denke, dass ich etwas bewegen könnte für die Stadt. Ich habe klare Vorstellung und kann die Menschen mitnehmen – das habe ich seit Jahrzehnten bewiesen.“ Er sei der Ansicht, dass diese Wahl nur in der Mitte der Bürgerschaft zu gewinnen sei. „Ich hätte beste Chancen, weite Kreise der Bürgerschaft, die der Sozialdemokratie sonst nicht nahestehen, durch meine vielschichtigen Verankerungen zu erschließen. Ohne diese Stimmen ist die Wahl in der aktuellen Situation der Partei nicht zu gewinnen.“

Keck spricht von großem Rückenwind, den er schon lange vor seinem Brief an die Findungskommission gespürt habe. Auch nach dem Schreiben habe er überwiegend positive Resonanz erfahren. Sicher werde ihm jetzt auch fehlende Loyalität vorgeworfen. „Ich habe aber kein schlechtes Gewissen gegenüber der Partei – höchstens gegenüber der Kommission.“ Doch er wolle sich nicht nur immer wegducken und den Kopf einziehen, sagt der SPD-Stadtrat, dem vor acht Jahren vor der Landtagswahl Nils Schmid vorgezogen worden war.

Vor allem wolle er nicht zuschauen, wie der von der Kommission ausgewählte Kandidat Philipp Riethmüller (wir berichteten) installiert werde. „Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich mag’ ihn – aber er ist keine Option für die SPD. Ich sehe für ihn keine Chance“, sagt Keck. Von dieser Personalie habe er nur über den Flurfunk im Rathaus erfahren, nicht aber von der Kommission. Die wollte Riethmüller eigentlich heute, zwei Tage vor der öffentlichen Bekanntgabe, ihrer Gemeinderatsfraktion und dem Stadtverband vorstellen.

Die Wellen, die sein Wunsch nach einem Mitgliedervotum verursache, täten ihm leid, betont der Betzinger Bezirksbürgermeister. „Ich hoffe, ich richte keinen zu großen Schaden an. Aber das Ganze ist ja auch riskant für mich.“ Er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, „doch ich denke, mein Vorgehen ist legitim.“

Nun ist also die Partei am Zug. Und die war gestern lange Zeit völlig paralysiert und im Krisenmodus. Erst nach vielen Stunden versandte der Kommissions-Vorsitzende Niclas-Tölle, der das Verfahren nun an sich zieht, eine Erklärung. Dass Keck angekündigt habe, weiter zu kandidieren, sei ein normaler demokratischer Vorgang. Deshalb werde der Vorstand des SPD-Ortsvereins besprechen, wie es zu einer für alle Beteiligten tragbaren Entscheidung über die Unterstützung eines Kandidaten durch die Reutlinger SPD kommen könne. Die Präsentation des Kandidaten Riethmüller am Freitag ist jedenfalls in dieser Erklärung abgesagt worden.

Entscheidung bei den Grünen ist vertagt

Bei den Grünen ist in der Nominierungssitzung am Montagabend im franz. K keine Entscheidung gefallen. „Auf Grund eines Patts im letzten entscheidenden Wahlgang haben die 38 stimmberechtigten Teilnehmerrinnen und Teilnehmer mehrheitlich entschieden, eine neue Versammlung spätestens in zwei Wochen einzuberufen“, erklärt Sprecherin Gabriele Janz von der Gemeinderatsfraktion und bestätigt damit die TAGBLATT-Meldung vom Dienstag. Die Entscheidung zur Vertagung sei in einer „sehr konstruktiven und stimmigen Weise zustande gekommen“, schreibt Janz. Nach TAGBLATT-Informationen muss sich Stadtrat Holger Bergmann, der sich neben Kreisrätin Cindy Holmberg zur Wahl stellte, sehr stark präsentiert haben. Doch in vier Wahlgängen schaffte niemand die absolute Mehrheit. Holmberg fehlte im ersten Wahlgang dazu eine Stimme, dann holte Bergmann auf. Die große Mehrheit der Anwesenden lehnte einen Los-Entscheid ab.

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Erstellt:
14. November 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
14. November 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 01:00 Uhr

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