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Ohne Halt auf der Straße
So wie in dieser nachgestellten Szene geht es tausenden Jugendlichen im reichen Deutschland: Sie leben auf der Straße. Foto: Oliver Vogel Foto: Oliver Vogel
Soziales

Ohne Halt auf der Straße

Jung, kein Job, Stress mit den Eltern: Jugendliche Obdachlose fallen oft durchs Raster. Auch in Kleinstädten nimmt das Phänomen zu. Passende Hilfen gibt es kaum – für viele wären sie eine letzte Chance.

06.11.2017
  • SILJA KUMMER

Heidenheim. Jana fürchtet sich vor dem Winter. „Mir wird ganz schlecht, wenn ich daran denke“, sagt die 17-Jährige und streift die Ponyfransen unter ihre Basecap. „Ich hoffe, bis dahin haben wir etwas gefunden“, wünscht sie sich. Wir, das ist ihre Wahlfamilie: Tom, 19, Michi, 16, und sie selbst, die ein bisschen Mutter und ein bisschen große Schwester für die Jungs zu sein versucht. Etwas, das wären eine Wohnung und ein Job. Die drei leben in Heidenheim auf der Straße, sie haben keinen festen Wohnsitz, sind von zuhause gegangen oder rausgeflogen. Der Winter rückt jeden Tag näher auf der Ostalb. Und dass sich bald etwas ändert im Leben der drei Jugendlichen, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Ein Zimmer voller Schimmel

Noch für ein paar Tage kann das Trio in der Wohnung eines verreisten Freundes schlafen, ein Zimmer voller Schimmel, ein Bad mit kaputten Armaturen. Aber immerhin: ein Dach über dem Kopf. Hier haben sie ihre Habseligkeiten untergestellt, hier können sie duschen und ihre Wäsche im Waschbecken waschen. Wenn der Freund wiederkommt, müssen sie zumindest nachts woanders unterkommen, „zu viert in der kleinen Bude, das geht wirklich nicht.“ Woanders, das kann beispielsweise der Vorraum einer Bankfiliale sein, der beheizt und nachts geöffnet ist. Die städtische Übernachtungsstelle hingegen ist keine Anlaufstelle, dort kommt man nur unter, wenn man volljährig ist. Aber selbst Tom, der mit 19 Jahren dort schlafen könnte, scheut sich davor, mit den erwachsenen Obdachlosen in Kontakt zu kommen.

Jana, Tom und Michi – eine zunehmende Zahl von Jugendlichen ist ohne festen Wohnsitz. Die jungen Menschen, die weder eine Ausbildung machen noch eine Schule besuchen, schlafen mal bei Bekannten, mal auf der Straße und leben von der Hand in den Mund. Während sie in Stuttgart Anlaufstellen finden können, sieht es im Rest des Landes schlecht aus: „Für junge Erwachsene mit Wohnungsproblemen gibt es, insbesondere in ländlich strukturierten Landkreisen, selten adäquate Unterstützung“, konstatiert der Kommunalverband für Jugend und Soziales.

Ein stabiles Zuhause, ein Ort, an dem man sich geschützt fühlt: So etwas kennt Jana nicht. Ihre Eltern trennten sich, als das Mädchen vier und der kleine Bruder zwei Jahre alt waren. Die Kinder blieben bei der Mutter, die nach Schilderung der Tochter schwer depressiv ist. Wie oft sie umgezogen sind, das weiß Jana nicht genau, sechsmal oder achtmal? Mal war es der Job, mal ein neuer Lebensgefährte, die Mutter wurde nicht heimisch – und die Kinder auch nicht. Schlimmer als die Umzüge war jedoch das, was Jana emotional fehlte: das Vertrauen in die Mutter, weil diese sie nicht vor ihrem prügelnden Partner beschützen konnte.

Jana hat den Hauptschulabschluss gemacht und sie hatte auch eine Ausbildungsstelle. Doch schon am zweiten Tag der Lehre wurde sie nach Hause geschickt, weil sie eine Verletzung an der Hand hatte, die sie sich beim Treffen mit ihrer Clique auf der Straße zugezogen hatte. „Da ist meine Mutter ausgerastet“, erzählt das Mädchen. Es gab einen Vermittlungsversuch des Jugendamtes, der Ausbildungsbetrieb bot an, ihr eine Wohnung zu organisieren, aber alles schlug fehl. Nachts packte sie ihre Sachen und schlich sich aus der Wohnung der Mutter. Jana beteuert, sie würde die Ausbildung gerne weitermachen, sie möchte arbeiten, um von der Straße wegzukommen. Aber ohne Wohnung gebe es keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung.

„Mit einer Wohnung alleine wäre es auch nicht getan“, sagt Hüseyin Günes, Sozialpädagoge, Diakon und Streetworker der Stadt Heidenheim. Denn den Jugendlichen fehle es an Durchhaltevermögen. „Spätestens nach drei Monaten wären sie aus der Wohnung wieder rausgeflogen“, meint er. Dieselbe Erfahrung hat er auch bei der Vermittlung von Ausbildungsstellen gemacht: „Die Betriebe sind oft sehr entgegenkommend, aber die Jugendlichen schaffen das nicht.“ Oft würden sie sich schon nach einer Woche krankschreiben lassen und dann nicht mehr hingehen. „Die Jugendlichen brauchen eine enge pädagogische Begleitung im Alltag mit klaren Regeln.“

Wie Hilfe aussehen könnte, hat man seit 2011 in Schwäbisch Gmünd erprobt: Dort können wohnungslose junge Menschen in einer Wohngemeinschaft unterkommen. Dabei handelt es sich um ein Modellprojekt, dessen Einrichtung vom Land und vom Kommunalverband Jugend und Soziales gefördert und dessen Arbeit wissenschaftlich evaluiert wurde. „Es handelt sich zwar um eine relative kleine Gruppe junger Betroffener, aber es werden landesweit immer mehr“, sagt Hans-Peter Reuter, Leiter der Abteilung Wohnen im Amt für Familie und Soziales der Stadt Schwäbisch Gmünd. Zwischen 20 und 30 junge Menschen seien in der Stadt betroffen.

Auch im Stuttgarter „Schlupfwinkel“, einer Anlauf- und Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, kennt man diese Zielgruppe. „Es gibt immer häufiger Jugendliche, die entkoppelt sind“, sagt Sozialarbeiter Thorsten Bauer. Die jungen Menschen haben keinen Kontakt mehr zu Erwachsenen, besuchen keine Schule, mogeln sich aber so durch, dass sie nirgends auffallen. „Keiner nimmt sie so richtig wahr, deshalb bekommen sie auch keine Hilfe“, sagt Bauer. Am wichtigsten sei es, ihnen schnell und unbürokratisch Hilfe anzubieten, „denn die Ämtermühle kennen sie schon.“ Den Grund für diese Entwicklung sieht der Sozialarbeiter in den Biographien der Jugendlichen: „Bei allen hat die Unterstützung aus der Familie gefehlt.“

Familiäre Unterstützung fehlt

Das sieht auch Hans-Peter Reuter so: „Die Jugendlichen kommen meist aus schwierigen familiären Verhältnissen, sie haben nie gelernt, mit Problemen und mit Geld umzugehen.“ Wer unter 25 Jahren alt sei, könne laut Jobcenter zuhause wohnen. Wenn es da dann Stress gebe, würden die jungen Menschen relativ schnell auf der Straße landen. Greife man jetzt nicht ein, sagt er, riskiere man, dass Betroffene wie Jana, Tom und Michi nie einen Beruf erlernen, nicht ins Arbeitsleben finden und lebenslang von staatlicher Hilfe abhängig bleiben.

(Die Namen der Jugendlichen und ihre genauen Lebensumstände wurden von der Redaktion aus Gründen des Personenschutzes geändert)

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06.11.2017, 06:00 Uhr
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