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Skurriles Unikum wird 40

Oft am Abgrund, immer noch da: Das Tübinger Programmkino Arsenal

1974 wurde Deutschland zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister und Willy Brandt trat als Bundeskanzler zurück. Für cinephile Tübinger ist aber noch ein anderes Ereignis von Belang: Morgen vor 40 Jahren öffnete mit dem Arsenal das erste Programmkino der Unistadt seine Pforte.

26.11.2014

Von Klaus-Peter Eichele

Wer etwas Nettes über das Arsenal hören will, sollte nicht unbedingt seinen Gründer und Besitzer Stefan Paul fragen. „Ich würde lieber in Hollywood einen Film mit 100000 Statisten drehen, als noch einmal in ein altes Haus ein kleines Kino zu bauen“, gab er schon am Eröffnungstag zu Protokoll. 30 Jahre später schalt er das Kino im Gespräch mit dem TAGBLATT „einen Klotz am Bein“. Da klingt es schon beinahe zärtlich, wenn er nunmehr, zum 40-jährigen Jubiläum, von einem „skurrilen Unikum in der Stadt“ spricht.

Richtig daran ist: Eine Goldgrube war das Kino am Stadtgraben, schon wegen seiner begrenzten Kapazität von rund 100 Plätzen, nie. In der zweiten Hälfte seiner Geschichte operierte es oft am Rand oder sogar unterhalb der Rentabilität. Andererseits kann man seinen kulturellen Wert für Tübingen gar nicht hoch genug veranschlagen. Vier Jahrzehnte lang war es der Garant dafür, dass die Unistadt nicht nur mit kassenstarkem und geschneidigem Filmstoff versorgt wurde, sondern auch mit Underground, Abseitigem und Filmkunst auf der Höhe der jeweiligen Zeit.

Rebellische Alternative zu Opas Kino

Als das Arsenal 1974 eröffnet wurde, war der in Leipzig geborene, in Stuttgart aufgewachsene Stefan Paul bereits seit mehreren Jahren in der Tübinger Kinoszene aktiv gewesen. Ende der sechziger Jahre gründete der von linken Kulturtheorien infizierte Student eine „Cinemathek“, die das studentenbewegte Publikum mit Polit- und Independentfilmen jenseits des Mainstreams vertraut machte. Da es an wechselnden Spielorten wie der Kunsthalle oder dem Audimax „immer wieder Ärger“ gab, entschloss sich Paul zur Gründung einer eigenen Abspielstätte. Das Geld für den 300000 Mark teuren Umbau einer alten Druckerei zum Kino kam unter anderem vom Vertriebserlös des Films „Themroc“, dessen deutsche Verleihrechte Paul Ende 1973 in Paris gekauft hatte. Bei der anschließenden Tournee durch Deutschland strömten mehr als hunderttausend Zuschauer in die Anarcho-Groteske mit Michel Piccoli, womit auch der Grundstein für den bis heute existierenden Arsenal-Filmverleih gelegt war.

Das in den Siebzigern noch hochpolitisierte und für cineastische Abenteuer empfängliche studentische Publikum nahm die „rebellische Alternative zu Opas Kino“ (Paul) dankbar an. Ein Grund dafür war die damals noch neue Idee, an das Kino eine Kneipe dranzuhängen: die „verrauchte Höhle“ mauserte sich schnell zum Tübinger Szene-Treff. Ein anderer war laut Paul, dass sich das Ur-Arsenal mit seinem Filmprogramm dem Zeitgeist entsprechend auch politisch positionierte – für die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt oder gegen Berufsverbote in Deutschland. Für die frühen achtziger Jahre verzeichnen die Annalen im Schnitt 60 000 Zuschauer jährlich. Die Filme neuer heißer Regisseure wie Jim Jarmusch, Pedro Almodovar oder Aki Kaurismäki lockten regelmäßig Tausende. Der Run ermöglichte Paul 1989 die Gründung des Schwesterkinos Atelier am Haagor.

Doch das Verschwinden der linksstudentischen Szene, die es anfangs getragen und zum Erfolg geführt hatte, wurde für das Arsenal allmählich zum Problem. Dank einzelner „Brotfilme“ (Paul) wie „Pulp Fiction“, „Das Piano“ oder „Brot und Tulpen“ kamen die beiden Kleinkinos noch halbwegs solide durch die neunziger Jahre – seitdem herrscht Dauerkrise. Auch der frühere Filmtage-Chef Dieter Betz, der seit 2010 für das Programm zuständig ist, konnte den Negativ-Trend bis jetzt nicht stoppen. Im Vorjahr gingen nur noch 42000 Zuschauer ins Arsenal und ins Atelier. Immerhin hat Betz? Engagement dazu beigetragen, dass das Arsenal in Fachkreisen wieder einen guten Ruf genießt. 2011 wurde es von der Medien- und Filmgesellschaft (MFG) zum Kino mit dem besten Programm in Baden-Württemberg gekürt.

Dass das Arsenal trotz solchen Renommees seit Jahren am Abgrund wankt, hat viele Gründe. Die Studenten von heute, aber auch die brav gewordene Altklientel, wollen von anspruchsvollem Kino größtenteils nicht mehr viel wissen. Das Freizeitverhalten hat sich mit dem Aufkommen des Internets massiv gewandelt. Auf ein mit Multiplex-Komfort aufgewachsenes Publikum wirkt das kleine, eng bestuhlte Arsenal in der Tat wie ein „skurriles Unikum“. Viel zu lange haben sich die Arsenal-Macher auch auf alten Lorbeeren ausgeruht, anstatt gezielt die nachwachsenden Generationen zu umwerben. Vor allem aber hat Volker Lamm, Betreiber der Kinos Museum und Blaue Brücke, die Konkurrenz-Schraube im letzten Jahrzehnt spürbar angezogen. Fast alle attraktiven Filme aus dem Arthaus-Bereich laufen inzwischen in den größeren Lamm-Sälen, aktuell etwa der Dreieinhalb-Millionen-Hit „Monsieur Claude und seine Töchter“.

Ein Lichtstreif sind die beiden Kneipen

Trotz der wenig rosigen Lage ist, anders als noch vor ein paar Jahren, vom Dichtmachen derzeit nicht die Rede. Beide Kinos wurden erst vor kurzem für viel Geld auf Digitaltechnik umgerüstet. Ein Lichtstreif sind auch die beiden Kinokneipen, mit denen es nach langer Durststrecke wieder aufwärts gehe. Ansonsten hat der 68-Jährige weiterhin die Hoffnung, dass die Qualitätsoffensive der letzten Jahre, neuerdings auch im Kinder- und Jugendfilmbereich, sich irgendwann auch kommerziell auszahlt. Denn Klotz am Bein hin, Skurrilität her: „Für ein intellektuell lebendiges Tübinger Kulturleben sind die zwei Kino-Oasen unverzichtbar.“ Dass das Arsenal das halbe Jahrhundert voll macht, will Paul allerdings nicht garantieren.

Alle Vorstellungen im Arsenal gehörten im Januar 2001 dem Film „Brot und Tulpen“. Stefan Paul freute sich: „Mittlerweile verkaufen wir sogar mehr Kamillentee als Bier.“Archivbild: Metz

Von Donnerstag bis Sonntag feiert das Tübinger Kino Arsenal mit einem Sonderprogramm sein 40-jähriges Bestehen. Ehrengast ist am Freitagabend Ulrich Tukur. Über den Schauspieler und Autor hat Arsenal-Chef Stefan Paul gerade ein Doku-Porträt („Von Seraphine zur Spieluhr“) gedreht, das um 20.30 Uhr gezeigt wird. Am Donnerstagabend laufen zwei Filme, die eng mit den Anfängen des Arsenals verknüpft sind. Mit Werner Herzogs Kaspar-Hauser-Porträt „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (20 Uhr) wurde das Kino am 28. November 1974 eröffnet; die Anarcho-Groteske „Themroc“ (22.30 Uhr) war der Film, mit dem Paul etwas früher im Jahr ins Verleih-Geschäft eingestiegen war. Am Samstag gibt es den Karl-Valentin-Stummfilm „Der Sonderling“ mit Live-Musikbegleitung (18.30 Uhr) und ein „Sexy Things“ betiteltes Kurzfilmprogramm (22.30 Uhr). Und am Sonntag gibt sich nach längerer Abstinenz wieder einmal „Diva“ die Ehre – stilecht mit Sekt und Brezeln in der Matinee um 11.30 Uhr. Weitere Infos: www.arsenalkinos.de.

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Erstellt:
26. November 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. November 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. November 2014, 12:00 Uhr

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