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Weder die euphorische Stimmung des Sommers noch die gekippte nach den Kölner Gewaltexzessen helfen weiter

Offen über den Preis der Integration reden

Kein Leistungssportler der Welt kann einen Marathon im Tempo eines 10 000-Meter-Laufs durchhalten. Die Aufnahme von Flüchtlingen ist ein Marathon, das Tempo aber das eines Sprints. Es gibt also Grenzen. Uups, jetzt ist das Wort heraus.

06.02.2016
  • Gernot Stegert

Es ist politisch vermint durch die geistigen Brandstifter von AfD und Pegida, auch durch die Obergrenzenschwadronierer der CSU, deren Zahlen Luftnummern im Wahlkampf sind. Denn die Bayern haben keine Lösung, um Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern.

Und doch wird in den Kommunen von Tag zu Tag sichtbarer: Es gibt Grenzen. Und die Gesellschaft hat für die Aufnahme von Flüchtlingen einen hohen Preis zu zahlen. Nicht wer das benennt, spielt Ausländerfeinden und Hetzern in die Hand, sondern wer es leugnet oder herunterspielt. Probleme kann man nur lösen, wenn man sie erkennt.

Echte Integration geht nur in einem begrenzten Zeitraum oder mit einer begrenzten Zahl. In dieser Allgemeinheit lässt sich darüber trefflich streiten. Doch die Fakten sind, wie sie sind. Die Flüchtlingswirklichkeit kommt in diesen Wochen vor Ort spürbar an. Alle Städte und Gemeinden müssen jetzt Unterkünfte bauen, weitere Kita-Plätze einrichten, Raum in Schulen schaffen. Das kostet: Geld, das anderswo fehlt, Arbeitskraft der Stadtverwaltung, die anderes dafür liegen lassen muss, und Flächen, die bisher Natur, Parkplätze oder anderes sind.

Jetzt liegt der Einwand nahe: Man sollte Flüchtlinge nicht gegen Einheimische ausspielen. Das ist richtig. Aber in der Sache geht nun einmal nicht alles zugleich: Ein Grundstück kann entweder der Umwelt erhalten bleiben oder für Wohnen oder für Gewerbe bebaut werden. Nur ein Interesse kann zum Zug kommen, zwei müssen zurückstecken. Das ist schnöde Logik.

Eine weitere Beschränkung ergibt sich durch die Bauverwaltungen. Sie können nur eine begrenzte Menge an Plänen und Genehmigungen abarbeiten, vor allem das durch viele Großprojekte ohnehin überlastete Tübinger Technische Rathaus. Oberbürgermeister Boris Palmer hat daher jetzt angekündigt, dass sich die versprochenen Baugebiete für die Teilorte – obwohl nötig für mehr Wohnraum – wegen der Flüchtlingsunterkünfte verzögern. Die Bauverwaltung schafft einfach nicht mehr. Baubürgermeister Cord Soehlke hat den Gemeinderat unlängst darauf vorbereitet, dieser müsse eine Prioritätenliste erstellen. Auch aus Geldgründen ist zu klären, welche Schul- oder sonstigen Sanierungen verschoben werden müssen.

Bei den Entscheidungsprozessen darf es keine Bürgerbeteiligung zweiter Klasse geben, auch wenn die Zeit drängt und die Themen heikel sind. Infoabende mit Raum für Fragen sind ein guter Anfang. Nur so wird Populisten der Boden entzogen. Weder die euphorische Stimmung des Sommers noch die gekippte nach den Kölner Gewaltexzessen hilft weiter. Das Ziel eines Marathons erreicht nur, wer stetig läuft und weder rechts noch links vom Weg abirrt. Gernot Stegert

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06.02.2016, 10:00 Uhr
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