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Vorschlag der Stadt zur Anschlussunterbringung stößt erneut auf heftige Gegenwehr

Oferdingen bleibt in der Flüchtlingsdebatte zerrissen

Zu viele Flüchtlinge an einem Ort, hohe Kosten und Angst vor Übergriffen: Das sind Sorgen, denen sich Bürgermeister Robert Hahn beim Informationsabend am Dienstag in Oferdingen entgegenstellte. Abbauen konnte er sie nicht.

08.10.2015
  • Maik Wilke

Oferdingen. Bereits im Juli lehnte der Bezirksgemeinderat Oferdingen den von der Stadt Reutlingen vorgesehenen Standort im Riedgraben als Anschlussunterbringung für über 70 Flüchtlinge ab (wir berichteten). Nun stand das knapp 4000 Quadratmeter große Grundstück am Ortseingang erneut in der Diskussion.

Die von den Bezirksräten vorgeschlagenen Alternativen seien geprüft worden, erklärte Bürgermeister Robert Hahn in der Oferdinger Turn- und Festhalle. Allerdings würden sowohl die Gebäude in der Brunnengasse, Im Besterwasen als auch in der Mittelstädter Straße aus verschiedenen Gründen ausscheiden – das Gelände an der Kreuzung Riedgraben/Fürstenbergstraße (siehe Kasten) sei „alternativlos“.

Wohl wissend, dass ihm ein langer Abend bevorsteht, deckelte Hahn die Fragerunde schon vorab auf 22 Uhr. Denn die angedachte Anschlussunterbringung löste beim Großteil der etwa 350 Gäste erneut heftigen Widerstand aus. „Wir waren nie für eine Aufnahme von 70 Flüchtlingen in Oferdingen“, beteuerte Bezirksgemeinderat Erwin Glaunsinger. „Das sind zu viele, und das darf man auch sagen“, teilte Pfarrer Hans-Peter Brenzel mit, der einen tiefen Riss in Oferdingen wahrnimmt und das Thema gerne vereint anpacken würde. Wichtig war vielen Bürgern, dass sie nicht als rechts abgestempelt werden. „Wir lehnen Flüchtlinge nicht allgemein ab, sondern sagen, dass 70 an einem Ort zu viele sind“, sprach ein Bürger wohl für viele Anwesende.

Bei ihren weiteren Alternativvorschlägen waren sich die Bürger jedoch keineswegs einig. Die Frage, warum die Flüchtlinge nicht in kleinen Gruppen im Ort verteilt werden, erntete großen Applaus. Die Anregung, alle Flüchtlinge in einer ehemaligen Halle von Bosch an der Grenze zu Rommelsbach unterzubringen, allerdings auch. Eine aufgebrachte Bürgerin schlug vor, die Zahl der Flüchtlinge zu halbieren, damit diese es bequemer hätten. Weil die andere Hälfte dann kein Dach über dem Kopf habe, sei dies definitiv ausgeschlossen, machte Bürgermeister Hahn deutlich. Und da der reguläre Markt nicht ausreichend Wohnraum hergebe und die Zeit dränge, seien Sammelunterkünfte derzeit die einzige Möglichkeit.

Die Lage führte zu weiteren Bedenken: Warum man die Unterkunft gegenüber eines Kindergartens und in der Nähe einer Schule errichtet, wollte eine Frau wissen. „Weil dies ein integrierter Standort ist und nicht irgendwo auf der grünen Wiese“, antwortete Hahn und löste widersprechendes Gemurmel aus.

Auch die Langfristigkeit des Konzepts mit gemieteten Containern wurde kritisiert. Hahn dazu: „Die Zahlen steigen in einem Tempo, das die kommunalen Verwaltungen überfordert. Aber der Standort verschafft uns Luft, und wir können weitere Gebäude, darunter auch Gewerbegebäude, prüfen.“ Angedacht sei die Anschlussunterbringung am Riedgraben für 48 Monate – eine Verlängerung nicht ausgeschlossen.

Richtig sei, dass vor allem Männer zwischen 20 und 30 Jahren in die Container einziehen würden, antwortete Hahn einem Bürger, der bei der hohen Männerquote Angst habe, seine beiden Töchter ohne Bedenken aus dem Haus zu lassen. „Aber es ist falsch, dass die Anzahl an Übergriffen in der Nähe von Flüchtlingsunterbringungen höher ist.“ Dies gelte nicht für Rauschmittelvergehen, entgegnete ein Beamter des Drogendezernats Reutlingen. „Wir mussten schon so oft Türen in den Asylunterkünften eintreten, dass mir schon der Fuß weh tut!“

Natürlich sprachen sich auch einige Bürger für mehr Verständnis aus: „Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich um Menschen handelt“, gab ein Mann zu bedenken. Ein weiterer ergänzte: „Vielleicht sollten wir uns mal in die Flüchtlinge hineinversetzen und dann mehr Mitgefühl zeigen.“ Auch diese Beiträge erhielten Beifall, der aber hörbar geringer ausfiel. Bevor der Beschluss die Reutlinger Räte beschäftigen wird, berät der Oferdinger Bezirksgemeinderat am Mittwoch, 14. Oktober, noch einmal über den Standort.

In der Anschlussunterbringung am Riedgraben in Oferdingen sollen 76 Flüchtlinge in Zwei-Bett-Zimmern wohnen. In drei Container-Blöcken mit je zwei Stockwerken werden zudem Gemeinschafts- und Sanitärräume sowie ein Büro für einen Betreuer eingerichtet. „Das ist unromantisch, aber wir müssen schnelle Lösungen finden“, erklärt Peter Geier, Leiter des Gebäudemanagements. Die Kosten betragen ohne Grundstückspreis 1,8 Millionen Euro – 900 000 Euro kostet die Miete der Container. Im Mai 2016 sollen die Flüchtlinge einziehen. Neben dem Hausmeister wird eine hauptamtliche Sozialbetreuung vom Landratsamt vor Ort sein, ein Sicherheitsdienst fährt nachts Streife.

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08.10.2015, 12:00 Uhr
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