Lebensmittel

Öko-Betriebe und ihr Kampf gegen die Handelsriesen

Ein Beispiel aus Tübingen zeigt, welche Möglichkeiten in einer Genossenschaft stecken. Ihre Kooperation hält Wertschöpfung in der Region.

04.05.2021

Von DIANA PRUTZER

Der Marktladen in Tübingen gehört zu den zehn Partnerbetrieben der ökologischen Genossenschaft Xäls. Foto: Der Marktladen

Tübingen/Stuttgart. In den Regalen des Marktladens in Tübingen darf neben frischem Obst und Alb-Linsen auch „Xäls“ nicht fehlen. Das ist die Lautform von „Gesälz“, dem schwäbischen Wort für Marmelade – und der Name einer seit 2020 eingetragenen ökologischen Genossenschaft für die Region Neckar-Alb. Vorstand Michael Schneider betreibt mit seiner Frau in Tübingen zwei Filialen ihres Bioladens, der zur Kooperative gehört. Seit mehr als 25 Jahren sind sie selbstständig, kennen den Biolebensmittelmarkt und wissen, wie er sich verändert. Das beschäftigte sie und die vier weiteren Initiatoren von Xäls, die 2017 begannen, an Ideen für eine Genossenschaft zu arbeiten.

„Wir kaufen uns Zukunft“

Nach Schneiders Worten definieren die großen Einzelhandelskonzerne mit ihrer Marktmacht, was „bio“ und was „regional“ ist und was dies kostet. Die Genossenschaft hält dagegen: Mit einer Kooperation von Landwirten, Erzeugern, Händlern und Verbrauchern will Xäls dem Preisdruck von Discountern und Supermärkten standhalten. Zudem soll das regionale Netzwerk der Bio-Betriebe gestärkt werden. „Kleinere Betriebsstrukturen in der Landwirtschaft, handwerkliche Verarbeiter, wohnortnahe Handelsgeschäfte sichern die regionale Wertschöpfung“, erläutert Schneider. Dies koste mehr, als die Lebensmittelpreise bisher ausdrücken. „Aber wir kaufen uns die Zukunft damit.“

Als ein sehr interessantes Projekt bezeichnet Roman Glaser, Präsident und Vorsitzender des Vorstands des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, die Tübinger. „Diese Genossenschaft hat sich zum Ziel gesetzt, gesunde Lebensmittel in einer gesunden Umwelt herzustellen“, sagte er bei bei der Vorlage der Jahreszahlen.

Die Idee der ökologischen Genossenschaft sei auf großes Interesse gestoßen, sagt Schneider. „Dann wurde uns wegen Corona der Stecker gezogen.“ Zwei Dutzend geplante Veranstaltungen musste Xäls 2020 absagen. „Wir stecken stärker in der Pandemiefalle als wir gedacht haben.“

Michael Schneider sitzt im Vorstand der Genossenschaft „Xäls“. Foto: Jonas List

Konkret arbeitet die Genossenschaft zum Beispiel an einer Lösung mit, wie eine zukünftige Lösung für den zu kleinen und sanierungsbedürftigen Schlachthof in Rottenburg aussehen könnte. Das ist umso wichtiger, weil der 30 Kilometer entfernte Schlachthof in Gärtringen vom Landratsamt Böblingen wegen mangelnden Tierschutzes geschlossen wurde. Xäls will damit zu lange Transporte für Weidetiere verhindern. Die Genossenschaft sieht sich auch als mögliches Auffangbecken für Betriebe aus Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, die keine Nachfolger finden. Das werde in Zukunft ein Thema werden, sagt Schneider.

Derzeit zählt das Netzwerk 200 Genossen – viele von ihnen sind Verbraucher. Einer der zehn Partnerbetriebe ist die Dorfgemeinschaft Tennental, zu der Alexander Thierfelder gehört. „Wir wollen bei der Kundschaft Bewusstsein schaffen, warum sie ihre Produkte, die es identisch auch im Bio-Großhandel gibt, in kleinen regionalen Betrieben kaufen sollen“, sagt Thierfelder, einer der Xäls-Aufsichtsräte. Bioware sei kein Nischenprodukt mehr.

Die Genossenschaft will eine Alternative zur „mächtigen konventionellen Lebensmittelwirtschaft“ schaffen und trifft offenbar den Zeitgeist. „In unseren Verkaufsstellen haben wir gesehen, dass die Pandemie dazu geführt hat, dass wieder viele Menschen angefangen haben zu kochen. Sie haben sich damit beschäftigt, wie sie sich gesund ernähren können. Das ist genau unser Thema“, sagt Thierfelder.

Durch die Corona-Krise hat die Wertschätzung für regional erzeugte landwirtschaftliche Produkte deutlich zugenommen“, betont BWGV-Präsident Glaser. Das müsse sich in einer angemessenen Entlohnung für die Landwirte niederschlagen. Die ganze Wertschöpfungskette soll betrachtet werden, inklusive Lebensmitteleinzelhandel und Verbrauchern.

Xäls will nicht nur die ökologische Lebensmittelwirtschaft in der Region stärken, sondern das Betriebssterben von kleinen und mittleren Höfen und Läden stoppen und beim Generationenwechsel unterstützen. Die Nachfolge werde immer schwieriger, sagt Schneider. Nach wie vor sei die Arbeit des Landwirts oder Bäckers hart und mit Preisdruck verbunden. Jeder vierte Familienbetrieb werde vor der Nachfolgefrage stehen, sagt Glaser. Durch Genossenschaften könnten gerade im Handwerk viele Betriebe weitergeführt werden: „Der bisherige Inhaber kann seinen Betrieb in vertraute Hände geben und benötigt keinen einzelnen Käufer, der alles alleine übernimmt.“

Zum Artikel

Erstellt:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Mai 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Mai 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App