Nicht nur was für Zappa-Fans

Octafish meldet sich mit einem fulminanten Album zurück

Die fünf Tintenfische von Octafish leben alle im Städtedreieck Tübingen, Reutlingen, Stuttgart. Dabei würden sie – zumindest ihrem Musikstil nach zu urteilen – eher zum hektischen Lifestyle solcher Großstädte wie New York, London oder Tokio passen.

16.06.2010

Sie haben schon immer ihr eigenes Ding gemacht. Haben sich als experimentelle Außenseiter präsentiert, die mit Vorliebe musikalische Regeln brechen. Die das Publikum zu polarisieren wissen. Die sich anders inszenieren als der Rest.

Mit einem verwegenen Stilmix und streng durchkomponierten Stücken zwischen „Industrial Fake“ und Art-Jazzrock hat sich die Tübinger/ Reutlinger Band Octafish nach einer kreativen Pause nun lautstark zurückgemeldet. Lustvoll wie eh und je gehen Frank Messmer (Synth / Samples/ Loops), Hank Willers (Gitarre), Oliver Wendt (Saxofon), Thomas Denzel (Bass/ Chapman-Stick) und Wieland Braunschweiger (Drums) zur Sache.

Das Vertrackte wird bei Octafish polyrhythmisch aufgeladen, mit Rock-, Experimental-, Metal-Jazz- und Avantgarde-Fragmenten beschossen, bis eine kunstvoll und schräg arrangierte Musik übrig bleibt, zu der man gerne tanzen würde, wenn einen die ständigen Taktwechsel nicht daran hinderten.

Ihre Stücke haben Titel wie „Party Alarm“, „Doktor Fleisch“, „Nothing“, „29 Skaters“ oder „Barbie Girl“. Auf ihrem neuen und dritten Album „Doktor Fleisch“ lassen die fünf ausgewiesenen Krachmacher eine pralle Dosis Noise- und Avantgarde-Rock auf den Hörer einprasseln.

Die Musik dröhnt geradezu in den Ohren, der Klang allerdings ist fein austariert: Schräge, verzerrte, mächtige, teils vom Gitarristen und Saxofonisten gleichzeitig vorgetragene Akkorde, die intonationssicher, sehr gut arrangiert und makellos gespielt werden. Ihre Musik hat sich ein ganz eigenes, unverwechselbares Koordinaten- und Bezugssystem geschaffen, in dem Substanz klischeefrei überwintern kann und aus dem die Lust am Leben nur so heraussprudelt.

Dabei haben Octafish mit Rock soviel gemein wie weiland Frank Zappa mit Jazz. Und wie den genialen Klangerneuerer und Bürgerschreck scheint sie das nicht weiter zu stören: „Nennen wir es ?Industrial Fake? mit jazzigen Untertönen“, beschreibt der Reutlinger Frank Messmer ihren Musikstil und drückt damit aus, wie schwierig diese Musik einzuordnen ist.

Der Tübinger Saxofonist Oliver Wendt bläst dazu in sein Instrument, dass es eine Freude ist. Er pustet wie der böse Wolf, bis alles hinweggefegt ist, was man mit dem Instrument Saxofon und den damit zu erzeugenden Tönen zwischen kopf- und bauchlastig verbindet. Selbst ein klassisches Stück wie „Bolero“ verwandelt sich bei Octafish in eine druckvolle, vor Zappa- und King-Crimson-Zitaten nur so strotzende Nummer.

Eigentlich macht Octafish nichts anderes als vor zwei, drei Jahren, als sie das Projekt Octafisch aus beruflichen Gründen eine Zeit lang ruhen ließen: Durchkomponierte Motive übereinanderschichten, neueste Technik einsetzen, banale Klänge rhythmisieren, beobachten, wohin das Ganze führt.

Aber Octafish tut das mit der brachialen Egomanie einer Experimental-Band, die das Feinsinnige von dieser Erde tilgen will und deshalb Klischee auf Klischee schichtet, Phon auf Phon, Sample auf Sample. Bereits seit Ende 1992 vereint Octafish fünf Individualisten, die alle aus ganz unterschiedlichen musikalischen Himmelsrichtungen kommen: Jazz, Avantgarde, Funk, Soul, Hip-Hop, elektronische Musik: „Im Großen und Ganzen spielen wir zusammen, weil es uns Spaß macht und nicht um groß rauszukommen“, sagt Gitarrist Hank Willers, „ich sehe auch weniger Chancen dazu, da die Musik von Octafish einfach zu speziell ist.“

In der Tat: Wer darauf aus ist, nur gedankenlos zu schlucken, was diese Band präsentiert, dem wird immer irgend etwas davon im Halse stecken bleiben. Doch für diejenigen, die einen Faible für experimentellen Jazz mit Einflüssen von überall her haben, gibt es vermutlich wenig Spektakuläreres in der Region.

Jürgen Spieß

www.octafish.de

Bereits seit Ende 1992 vereint Octafish fünf Individualisten , die alle aus ganz unterschiedlichen musikalischen Himmelsrichtungen kommen. Bild: Spieß

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Erstellt:
16. Juni 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juni 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2010, 12:00 Uhr

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