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Oh, wie ist das schön!

Ob ruhig oder krachend: Kugeln, Könner, Kunst

Klack . klack. Klack . klack. Mucksmäuschenstill ist es im Crucible Theatre im englischen Sheffield. Der Lichtkegel ist konzentriert auf einen Billardtisch in der Mitte des Saales. Die Blicke der rund 1000 Zuschauer ebenfalls. Es läuft die Snooker-Weltmeisterschaft, wie jedes Jahr im April.

29.10.2015
  • THOMAS GOTTHARDT

So wie zum Beispiel der Jazzpianist Keith Jarrett bei Konzerten unwirsch reagiert auf nur den leisesten Schnaufer, so blicken auch die Billard-Profis mit dem Queue scharf in Richtung "Lärmquelle". Der Schiedsrichter mahnt in solchen Fällen zur Ruhe: "Quiet please." Künstler möchten halt bei der Ausübung ihres Sports nicht gestört werden. Das Klingeln eines Handys kann zu regelrechten Tumulten führen und sanktioniert werden mit einem Rausschmiss.

Je mehr eine Sportart Konzentration, Genauigkeit, gar Perfektion verlangt, desto empfindlicher reagieren die Ausübenden auf Störungen jedweder Art.

Es geht um die Ästhetik des Sports, der Sportler. Es geht um Schönheit, um Harmonie, um Symmetrie. So wie Musik, so wie ein Text den Zuhörer oder den Leser berührt, einen "Chill", ein Schaudern auslöst oder Gänsehaut verursacht, so kann auch der Sport im positiven Sinn "erschüttern".

Schönheit wirkt, ob der "Goldene Schnitt" oder ein perfekt ausgeführter Stoß beim Snooker, der dazu führt, dass der Spieler eine perfekte Stellung zum nächsten Ball hat, den versenkt, wieder den Spielball ideal platziert, um die nächste Kugel in die Tasche rollen zu lassen und so weiter, bis der Tisch (Abmessungen 3556 × 1778 mm) abgeräumt ist.

Die Faszination des "Gentlemen's sport" liegt auf der einen Seite in der ruhigen Atmosphäre, im Gegensatz zu fast allen anderen Sportarten, auf der anderen Seite in der Fähigkeit der Snooker-Asse, die Gesetze der Physik (zum Beispiel Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel) durch eine formidable Stoßtechnik ad absurdum zu führen. Mit einem bestimmten Effet gespielte Bälle entwickeln auf dem grün bespannten Tisch förmlich ein Eigenleben, das sich aber streng nach der Regie des Spielers richtet - im besten Fall. Gelegenheitsspieler können verzweifeln.

Ein Snookerspieler steht am Tisch, schaut, behandelt seine Queue-Spitze mit Kreide, überlegt sich, wie er den nächsten Stoß ausführt, plant im Kopf aber schon den übernächsten Spielzug, setzt zum Stoß an, richtet sich wieder auf, überlegt erneut in aller Ruhe. Allenfalls am Schluss, wenn das Duell gewonnen wurde, gibt es einen kleinen, kurzen emotionalen Ausbruch. Gelungene Spielzüge werden vom Publikum auch nicht beklatscht, allenfalls ein leises Murmeln ist zu hören: "Good shot, good shot." Klack .

Schönheit ohne Zweckbewusstsein? Gibt's nicht, schon gar nicht im Sport. Gewinnen, verlieren, die Matrix der professionellen Leibesübungen, schließlich geht es ums Geldverdienen. Ob das mit Priorität eins, zwei oder drei versehen wird, ist eine Diskussion wert, führt aber zu nichts. Ohne Perfektion keine Siege, weniger Geld.

Was ist perfekter, schöner Basketball? Was ist schöner Fußball?

Die - sportliche - Klammer ist: raus aus dem Alltag, weg vom Gewohnten, weg vom Gewöhnlichen, sich vom Schönen in eine eigene Erlebniswelt führen lassen. Jogo bonito - das schöne Spiel.

"Eine Mannschaft ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poesie", sagte César Luis Menotti, der große Fußball-Trainer und Philosoph, der Argentinien 1978 zum WM-Titel geführt hat. "Meine talentierten und klugen Spieler haben die Diktatur der Taktik und den Terror der Systeme besiegt", kommentierte "der Dürre" den Titel in wenig versteckter Anspielung auf die damalige Militärjunta. Freies offensives Spiel, ein Spektakel für die Zuschauer, das ist Menottis Idee. Futebol Arte - das schöne Spiel.

Menotti findet Pep Guardiola gut, den spanischen Trainer des deutschen Rekordmeisters FC Bayern München. Wie von Geisterhand bewegen sich die Spieler als Einheit über den Rasen, immer dem großen "Gameplan" folgend. Schnelle Ballstafetten rauben den gegnerischen Spielern die Luft zum Atmen. Alles wirkt, wenn es perfekt läuft, und beim FC Bayern läuft es häufig perfekt, wie geplant und vorher skizziert. Dennoch hat das Individuum die Möglichkeit, frei aus mehreren Spiel-Optionen zu wählen. Und vorne steht Robert Lewandowski und schießt die Tore.

Kreativität auf der Basis eines Plans ist auch im Basketball das große Thema. Jeder Trainer hat bestimmte Spielzüge, die er favorisiert und einüben lässt. Manche kommen mit zehn aus, andere quälen die Spieler mit deutlich mehr. Laufwege werden skizziert, wer wann wo einen Block stellt und damit dem Mitspieler den Weg frei macht. Dennoch gibt es Ausstiegsszenarien hin zum freien Spiel, wenn der Kontrahent dann doch nicht so reagiert wie vorher am Reißbrett entworfen.

Und dann gibt es noch den einen Spieler, der mit seiner individuellen Klasse, mit Eleganz, mit Phantasie und Können dem Spiel seine Note aufdrückt. Der Argentinier Lionel Messi vom FC Barcelona ist so einer, dessen kunstvoller Umgang mit dem Ball jeden Fan erschaudern lässt. Und wer erinnert sich nicht an Diego Maradonas 60-Meter-Solo im WM-Viertelfinale 1986 Argentinien gegen England? An die Erhabenheit des deutschen "Vorzeige-Liberos" Franz Beckenbauer, wenn er aus der Tiefe des Raums mit dem Ball nach vorne lief oder einen Pass aus dem Fußgelenk zum Mitspieler lupfte.

Große Dynamik gehört auch dazu. Der vermutliche beste Basketballer der Welt, Michael Jordan, ließ Hallen beben, wenn er zum Flug auf den Korb ansetzte und den Ball krachend in den Korb hämmerte. Ästheten von gestern und heute, mal ruhig, mal laut, mal extrovertiert, mal introvertiert, machen Sport zu dem, was er ist: ein Erlebnis.

Ob ruhig oder krachend: Kugeln, Könner, Kunst

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29.10.2015, 12:00 Uhr
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