Abriss des Nordflügels in Stuttgart hat begonnen

OB Schuster sieht "keine Alternative" zu S 21

Die Polizei hat am Mittwochnachmittag ihre Präsenz am Bauzaun vor dem Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs merklich verstärkt. Aber auch immer mehr Demonstranten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 kamen zum Bauzaun und machten Lärm. Statt den Nordflügel Stein für Stein abzutragen - wie angekündigt - kam ein Bagger und biss sich immer tiefer in das Gebäude hinein und legte Teile des Nordflügels in Schutt und Asche. Stuttgarts OB Wolfgang Schuster meldete sich hingegen im "Amtsblatt" zu Wort.

26.08.2010

Von tol

Am Mittwochnachmittag hat gegen 14.30 Uhr der Abriss des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof begonnen. Die Polizei war mit mehreren dutzend Bereitschaftspolizisten vor Ort, um die Baustelle abzusichern. Sie sperrte den gesamten Nordflügel ab, um die Demonstranten fernzuhalten.

Videobild vom Nordflügel, 17 Uhr.

Auf der anderen Seite der Absperrgitter standen anfangs etwa 50 Protestler und machten Lärm, skandierten Parolen gegen das Bahnprojekt und forderten, mit dem Abbruch aufzuhören. Die Gruppe wuchs mit der Zeit immer mehr an. Etwa eine halbe Stunde, nachdem die Benachrichtigungs-SMS über den geplanten Abriss verschickt worden waren, kamen etwa 200 Leute zum Hauptbahnhof.

Videobild vom Nordflügel des Hauptbahnhofes um 14.20 Uhr.

Einige der Demonstranten bildeten eine Menschenkette und blockierten die Heilbronner Straße, während sich der Bagger in den Nordflügel hineinbiss. Die Demonstranten vor dem Absperrgitter skandierten "Aufhören, aufhören", doch der Bagger riss im oberen Bereich des Nordflügels ein großes Loch und arbeitete sich dann weiter nach unten vor.

Während er sich immer tiefer in den Nordflügel hineinbiss, überquerten Demonstranten das Absperrgitter und ließen sich von den Polizisten wegtragen. Bis 17 Uhr wurden 31 Personen weggetragen. Sieben Protestlern war es kurz darauf gelungen, in den Nordflügel einzudringen und auf dem Dach ein Transparent mit der Aufschrift "Brandstifter Schuster, raus aus dem Rathaus" zu zeigen. Die Polizei forderte die Aktivisten mehrfach auf, das Dach zu verlassen. Die aber blieben.

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Gegen 17 Uhr waren bereits einige tausend Menschen vor dem Nordflügel versammelt. Die Stuttgart 21-Gegner riefen für den Abend zur Großdemonstration auf.

Am kommenden Freitag soll es eine kurze Kundgebung auf der gesamten Breite der Schillerstraße vor dem Hauptbahnhof geben. Danach wollen die Stuttgart 21-Gegner zum Landtag gehen und ihn umzingeln. Die Absprachen mit dem Ordnungsamt laufen noch. Am Mittwochabend will "Schwabenstreich"-Initiator Volker Lösch den eine Minute dauernden Lärm auch in New York auf dem Times Square pflegen. Beginn: 19 Uhr.

Ein Bagger beginnt mit dem Abriss des Nordflügels.

Mit den ersten Baggerbissen gingen zahlreiche Aktivisten vom Kurt-Georg-Kiesinger Platz zur nahen Heilbronner Straße und blockierten die Fahrbahnen stadtauswärts.

In den folgenden Stunden bewegten sich Gruppen von Demonstranten über den Arnulf-Klett-Platz und die Schillerstraße zum Gebhardt-Müller-Platz und über die Konrad-Adenauer-Straße zum Charlottenplatz, über die Friedrichstraße in Richtung Rotebühlplatz und blockierten dort immer wieder den Verkehr.

Mehreren Demonstranten gelang es, mit einem Transparent auf den Nordflügel zu gelangen.

Autofahrer waren bereits mit Beginn der ersten Blockade per Radio über die Verkehrsstörungen in der Innenstadt informiert, die Polizei sperrte vorsichtshalber die Zufahrten zum Hauptbahnhof und zur Innenstadt und leitete den Verkehr ab. Trotzdem kam es in der Stadt und auf den Haupteinfallstraßen zu massiven Staus für Autofahrer und den öffentlichen Nahverkehr.

Sie wurden bejubelt von den Demonstranten vor der Absperrung.

Die Aktivisten legten aber nicht nur den Straßenverkehr lahm, sie griffen auch mehrmals in den Zugverkehr ein. Auf Gleis 9 hinderten sie einen TGV an der Abfahrt. Einige der Blockierer waren kurz auf den Gleisen, weshalb die Polizei auch andere Gleise sperren ließ. Erst mit Hilfe der Bundespolizei konnte der TGV seine Fahrt fortsetzen. Bei einem anderen Zug hatte jemand die Notbremse gezogen - deshalb kam es da, wie bei einigen anderen Zügen, zu einer deutlichen Verspätung.

Polizei: Demonstrationen haben friedlichen Charakter verloren

Die Polizei meldete am frühen Donnerstagmorgen, dass aufgrund der beschriebenen Situation die Demonstrationen ihren "friedlichen Charakter verloren und die Grenzen des zivilen Ungehorsams überschritten" hätten. Feuerwehr und Rettungskräfte seien blockiert und am Einsatzort von Gegnern bedrängt und behindert worden.

Leidtragende der Straßenblockaden seien seit den Nachmittagsstunden insbesondere jene gewesen, die stundenlang in Verkehrsstaus oder in blockierten Zügen gestanden und gesessen hätten. Besucher des am Mittwoch eröffneten Stuttgarter Weindorfs seien mit Eiern beworfen worden. Von den Straßenblockierern am Gebhard-Müller-Platz seien ziellos Flaschen geworfen worden, und auf der Bundesstraße 14 bei der Staatsgalerie hätten Gegner aus Mülltonnen Straßenbarrikaden errichtet.

An zentralen Verkehrspunkten in der Stuttgarter Innenstadt hätten mit bis zu 200 Personen starke Gruppen die Fahrbahnen bis in die späten Abendstunden hinein behindert. Gegen 22.35 Uhr habe die Blockade der Bundesstraße14 bei der Staatsgalerie noch immer bestanden, die Polizei drohte zu räumen.

Daraufhin hätten die Demonstranten die Fahrbahn freiwillig geräumt. Die Barrikaden hätten Einsatzkräfte wegräumen müssen.

OB Wolfgang Schuster: "Keine Alternative"

Im Stuttgarter "Amtsblatt" ließ sich OB Wolfgang Schuster interviewen. Die Kritik an Stuttgart 21 mache deutlich, dass die Vorteile und Chancen aus dem Verkehrsprojekt und dem Städtebauprojekt den Bürgern in den letzten Jahren nicht ausreichend vermittelt worden seien, sagte er. Das Projekt stehe auf einer soliden demokratischen Basis. Die verantwortlichen Gremien hätten es jeweils mit eindrucksvollen Drei-Viertel-Mehrheiten beschlossen.

Auch die Gerichte hätten die Beschlüsse überprüft und als rechtens beurteilt, so Schuster weiter. Zudem habe eine klare Mehrheit der Bürger zum Zeitpunkt der Entscheidungen des Gemeinderats das Bahnprojekt wie das städtebauliche Projekt befürwortet. Schuster sei dankbar, dass die Bahn als Bauherr endlich begonnen hat, das Projekt umzusetzen.

Die "öffentliche Debatte" über Stuttgart 21 sei "nichts Außergewöhnliches", so der OB weiter. Ein Moratorium und damit der Stopp der vergebenen Bauarbeiten würden weitere erhebliche Kosten in Millionenhöhe nach sich ziehen. Deshalb habe es die Bahn zu Recht abgelehnt. Einer verbindlichen Bürgerumfrage erteilte der OB eine Absage. Obwohl "Stuttgart 21" für ihn viel Arbeit, viel Ärger und wenig Popularität bedeute, sehe er "keine Alternative".

Stand: 1.32 Uhr

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Erstellt:
26. August 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. August 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. August 2010, 12:00 Uhr

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