Natur

Nur noch ein hohler Zahn

Umweltschützer engagieren sich seit Jahren gegen die Erweiterung des Steinbruchs am Plettenberg, einem Charakterberg der Schwäbischen Alb.

03.02.2021

Von RAIMUND WEIBLE

Der Steinbruch auf dem Plettenberg aus der Luft. Vom Hochplateau ist nicht mehr viel übrig. Foto: Manfred Grohe

Der Steinbruch auf dem Plettenberg aus der Luft. Vom Hochplateau ist nicht mehr viel übrig. Foto: Manfred Grohe

Dotternhausen. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen das Schafhaus, und der Wind bläst über das Plateau mit seinen Wacholderbüschen und Kiefern. „Wir stehen hier auf der Fläche der geplanten Süderweiterung für den Steinbruch“, erläutert Norbert Majer. Der Mann mit Hornbrille und einer Mütze über den weißgrauen Haaren ist ein Kenner dieses exponierten Geländes. Er war von 1973 bis 1998 Bürgermeister von Dotternhausen im Zollernalbkreis, inzwischen leitet er den Verein Natur- und Umweltschutz Zollernalb (NUZ). Sein Blick geht über das letzte unangetastete Stück Hochplateau des Plettenbergs.

Der Plettenberg, der Hausberg von Dotternhausen, gehört zu dem guten Dutzend der Tausender auf der Schwäbischen Alb. Von Westen aus gesehen bestimmt der Berg die Traufkulisse der Balinger Berge zusammen mit Hörnle, Lochen und Schafberg. Doch die Ansicht täuscht: Diese als „Charakterberg“ bezeichnete Erhebung mit genau 1001,6 Metern an ihrem höchsten Punkt ist nur noch eine Fassade.

Hinter einer schmalen Kante öffnet sich nach Süden hin ein tiefes Loch. Denn seit Jahrzehnten wird auf dem Plettenberg Kalkstein abgebaut, für das Zementwerk in Dotternhausen zu seinen Füßen. Der Gipfel ist nur noch ein hohler Zahn, und er ist ein Berg, um den seit Jahren auf das Heftigste gestritten wird. Und auch um das weithin sichtbare Zementwerk, das den Steinbruch betreibt und 230 Menschen beschäftigt. Der Konflikt, hochemotional geführt, spaltete die Gemeinde, führte zu persönlichen Feindschaften im Ort und zu Verwerfungen im Rathaus. Der Zank löste einen Bürgerentscheid aus und trieb die Bürgermeisterin Monique Adrian vergangenes Jahr in den vorzeitigen Ruhestand. Außerdem beschäftigt der Streit die Behörden und die Gerichte.

Norbert Majer ist der Ex-Bürgermeister von Dotternhausen. Foto: Raimund Weible

Norbert Majer ist der Ex-Bürgermeister von Dotternhausen. Foto: Raimund Weible

Eines der großen Streitthemen ist die Absicht des Zementwerks-Betreibers, das Abbaugebiet zu erweitern. Ursprünglich war von 20 Hektar die Rede, umgerechnet 28 Fußballfelder. Die Firma, ein Ableger des schweizerischen Konzerns Lafarge-Holcim, hat beim Landratsamt Zollernalbkreis inzwischen erreicht, dass sie eine bereits rekultivierte Fläche mit einer Größe von 7,5 Hektar im Nordosten Richtung Schafberg weiter ausbeuten darf. Das war auch schon auf Kritik gestoßen. Aber noch stärker umstritten ist der Antrag, den Abbau auf ein 8,78 Hektar großes Gelände im Süden auszudehnen. Dort ist die ursprüngliche, herbe Schönheit des Plettenberg-Plateaus noch zu erahnen.

Die Pläne stoßen bei den Naturschützern auf Ablehnung. „Wir kämpfen dafür, dass die ökologisch hochwertige Fläche des Plettenbergs erhalten bleibt“, sagt Gerhard Bronner, Vorsitzender des Landesnaturschutzverbands (LNV) Baden-Württemberg. Auf dem Plateau brüten seltene Vögel wie die Heidelerche und die Feldlerche, sie sollen ihren Lebensraum behalten. Der LNV hat 2019 beim Regierungspräsidium Tübingen beantragt, das bestehende Naturschutzgebiet auf dem Plettenberg auszuweiten, auch um die Expansion des Steinbruchs zu verhindern. Bisher stehen 36 Hektar unter Naturschutz. 80 Hektar sollen dazukommen, verlangt der LNV. Diese Fläche bezieht Steilhänge des Bergs und die noch vorhandenen Hochflächen im Norden und Süden mit ein.

Das Verfahren ist beim Regierungspräsidium (RP) noch im Gange. Ein Entwurf für das Schutzgebiet liege vor, teilte die Behörde mit, unklar seien jedoch die Grenzen des Schutzgebiets. Die Behörde ist dabei, insbesondere regionalplanerische Gesichtspunkte abzuklären.

Den Antrag von Holcim um Erweiterung seiner Abbaufläche im Süden hat das Landratsamt Zollernalbkreis vor kurzem abgewiesen, nachdem die Firma eine Frist zur Abgabe von Unterlagen zum Natur- und Artenschutz habe verstreichen lassen, wie die Behörde mitteilte. So sollte Holcim ökologische Ausgleichsflächen benennen. Jedoch bedeutet das nach aller Voraussicht lediglich einen Aufschub des Verfahrens, denn Holcim wird gegen die Entscheidung des Landratsamts mit hoher Wahrscheinlichkeit Widerspruch beim Regierungspräsidium einlegen.

Nach dem Rundgang über das Plettenberg-Plateau verabschiedet sich Majer mit den Worten: „Wir kämpfen weiter. Der Plettenberg ist unser Heiligtum.“

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Erstellt:
03.02.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 51sec
zuletzt aktualisiert: 03.02.2021, 06:00 Uhr

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