Umwelt

Nur eine 3+ für die Ostsee

Eine neue Untersuchung zeigt: Das Meer enthält zu viele Nährstoffe und Schadstoffe. Die Schutzgebiete werden nicht kontrolliert.

22.09.2020

Von DPA

Stockholm. Die Ostsee ist internationalen Experten zufolge in durchwachsenem Zustand. Im einem Index, der erstmals auf die Ostsee angewandt wurde, erhält sie 76 von 100 Punkten, teilten Wissenschaftler des Stockholm Resilience Centre (SRC) mit. Das entspreche einer 3+ im Schulzeugnis, sagte der deutsche Hauptautor der Untersuchung, Thorsten Blenckner. „Im Prinzip ist das, als wenn man online etwas kauft, das drei von fünf Sternen bekommen hat.“

Blenckner und Kollegen haben den seit 2012 berechneten Ocean Health Index (OHI) kalifornischer Forscher zum ersten Mal auf die Ostsee angewandt. Mit dem Baltic Health Index (BHI) wollen sie ein umfassendes Bild vermitteln, wie es um deren Zustand bestellt ist.

Auch soll besser zu erkennen sein, welche Auswirkungen es hat, wenn man etwas verändert. „Oft wird diskutiert, dass wir Nährstoffe reduzieren oder weniger fischen müssen“, sagte Blenckner. „Man stellt aber oft keine Verbindung zwischen den einzelnen Komponenten her.“ Dabei könne es enorm wichtig sein, sich etwa anzuschauen, welche Vorteile ein Schutzgebiet für die Artenvielfalt oder eine Veränderung der Nährstoffe für die Fischerei habe. „Dieser Index gibt das Gesamtbild, wie man das gesamte System – in diesem Fall die Ostsee – managen und messen soll.“

Was richten neue Gifte an?

Derzeit schneidet die Ostsee recht gut beim küstennahen Fischbestand sowie bei den Lebensgrundlagen und wirtschaftlichen Bedingungen der Anrainer ab. Schlechter sieht es bei der Verunreinigung mit Schadstoffen, den Schutzgebieten, der Eutrophierung sowie Biodiversität und Kohlenstoffsenken aus.

Gefahren sieht Blenckner vor allem wegen neuer Giftstoffe. Während die Situation bei alten Schadstoffen wie Dioxin langsam besser werde, würden neuere teils noch gar nicht gemessen. Dazu zählten unter anderem Gifte, die bestimmte Jacken atmungsaktiver machten.

Ein zweites Problemfeld seien die Schutzgebiete, die ausgewiesen sind, aber oft über keinen Managementplan verfügten. Blenckner: „Ich kann also mit meinem Boot in dieses Gebiet hineinfahren und es wird nicht richtig kontrolliert. Das gilt auch für Deutschland.“

Trotz der in der Untersuchung betonten regionalen Unterschiede lasse sich ein eindeutiges Fazit für die Ostsee erkennen, sagte der Greenpeace-Meeresbiologe Thilo Maack: Die Schutzgebiete bestünden nur auf dem Papier, die Anrainer müssten dringend mehr für den Meeresschutz tun. „Nur mit echten Schutzgebieten, in denen sich die Meeresnatur selber überlassen bleibt, bekommt die Ostsee eine Chance.“

Im Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock wurde der Index mit Lob aufgenommen. Aus ihm ließen sich viele Aspekte ableiten, zudem könne er helfen, Maßnahmen zur Verbesserung der Lage gezielter anzugehen, sagte Institutsleiter Christopher Zimmermann. Zugleich zeige der Index, „dass wir noch ein gutes Stück zurückzulegen haben auf dem Weg zum guten Umweltzustand der Ostsee, aber auch, dass die Ostsee alles andere als ein totes Meer ist“.

Auch Blenckner sieht eine klare Verbesserung:. „Da wird wirklich etwas getan, in die Ostsee kommen deutlich verminderte Nährstoffe hinein.“ Effekte sehe man aber erst nach langer Zeit. „Die Ostsee ist ja eine Art Badewanne. Um das Wasser in der zentralen Ostsee auszutauschen, dauert es 30 Jahre.“ dpa

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Erstellt:
22. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. September 2020, 06:00 Uhr

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