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Schauspiel und Oper bringen in Stuttgart gemeinsam Henry Purcells "Fairy Queen" auf die Bühne

Nun zwitschert alle miteinander!

Alle feiern große Party. Liebe, Eifersucht, Drogen und viel Trallala. In Stuttgart ist Henry Purcells "Fairy Queen" eine wilde Nacht zwischen Barock und Rock - turbulent, amüsant. Ein Riesenschmarren. Aber famos!

02.02.2016

Von OTTO PAUL BURKHARDT

"Fairy Queen" in Stuttgart: Menschen und Märchenwesen wirbeln durcheinander. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Stuttgart. Schon im Foyer wird lautstark Hochzeit gefeiert. Im Saal des Schauspielhauses, pardon: im "Animals Night Club" - so heißt er an diesem Abend - geht s dann erst richtig los. Menschen und Märchenwesen wirbeln hier ständig durcheinander. Die Stimmung in diesem tierischen Nachtclub ist angespannt, sexuell aufgeladen, latent bis offen gewalttätig. Viele stecken in einer aussichtslosen Liebe fest, selbst die Royals, Königin und König der Elfen, giften sich nur noch an. Titania torkelt beschwipst herum und bespöttelt die Ouvertüre als "sehr beliebtes Familienrepertoire". Ihr Gatte Oberon meldet sich mit "Bullshit!"-Gebrüll zu Wort, fängt grauslich an zu singen und gesteht "Ich bin besoffen!" Eine ehe-interne Prügelei beginnt. Und der Chor drumherum swingt schadenfroh dazu.

Schon sind wir mittendrin im Liebeschaos. Schauspiel und Oper haben gemeinsam Henry Purcells Barock-Evergreen "Fairy Queen" auf die Bühne gestemmt. Ein logistischer Kraftakt - tatsächlich gab es so eine aufwendige Kooperation in Stuttgart schon lange nicht mehr, bis auf "King Arthur", ebenfalls von Purcell, vor 20 Jahren. Nun also "Fairy Queen" (1692), eine typisch englische Mischform von Sprechtheater (Szenen aus Shakespeares "Sommernachtstraum") und Oper (Arien, Chöre, Instrumentalsätze und Masques von Purcell).

Calixto Bieito, früher so etwas wie der Bad Boy unter den Regisseuren, berüchtigt für radikal-furiose Inszenierungen, verpasst den auseinanderdriftenden Handlungssträngen einen gemeinsamen Nenner. Er inszeniert auf der Drehbühne ein großes, allumfassendes Fest.

Schauspieler und Sänger (stellvertretend: Lauryna Bendziunaite, Mirella Bunoaica, Josefin Feiler) agieren untrennbar gemeinsam, sogar das Orchester unter Christian Curnyn thront auf der Bühne, freilich anders als sonst: Mit allerlei Tiermasken wirkt es oft geisterhaft surreal. Irgendwann gibt der Chor die Devise aus: "Nun zwitschert alle miteinander!" Was wir bei Bieito erleben, ist eine Riesen-Party mit Liebe, Eifersucht, Drogen und Zaubertropfen. Mit Elfen, Feen, Faunen, Nymphen und Affen. Mit einem putzmunteren Puck, der den Stinkefinger reckt (Maja Beckmann). Mit synchron winkenden Chinesen. Mit unglücklich Verliebten aus dem Shakespeare-Stück - deren Liebesleid, öde geleiert oder krass geschrieen, eine weitere Parodie-Ebene öffnet. Wobei Bieito das knallbunte Figurenarsenal outfitmäßig aufschrillt - mit Männern im Tütü, die an Karneval oder Stunksitzung erinnern. Der "Herbst" singt mit Windmaschine, die seine Hose schlottern lässt. Und die "Nacht" trällert im Leucht-BH von "schönen Träumen". Die Regie fährt sogar Hirschgeweihe und Dornenkronen auf. Eine Neon-Schrift verkündet das Motto: "Eine bezaubernde Nacht schenkt mehr Lust als hundert glückliche Tage!"

Oberon, bei Michael Stiller ein polternder Zyniker, kämpft mit einem viel zu engen Reizwäsche-Slip samt Kunstpenis: "rein oder nicht rein?" Königin Titania, bei Susanne Böwe eine frustrierte Gattin mit Alkoholproblem, aber viel Herz, rennt, von Oberons Zaubergebräu erotisiert, "hinab zu den Sterblichen", also ins Publikum - und greift sich dort statt eines Esels in den hinteren Reihen einen gediegenen Herren, den sie dann auf der Bühne nach knapper Kennenlern-Phase ("wie heißt Du?" "Eberhard!") in Liebe anschmachtet. Worauf das Orchester wie ein Wolfsrudel gar schaurig zu heulen beginnt.

Kurzum, die Party gerät zunehmend - aber auch vorhersehbar - außer Kontrolle. Alles in allem: eine Regie, die nicht wehtut, schwebende, federnde Orchestermusik, liebliche Koloraturen-Kunst, humorig-deftiges Schauspiel und ein teils punkrockig choreographierter Barock-Chor. Riesen-Jubel.

Info Die Vorstellungen am 5., 7., 11., 13., 19. und 22. Februar sind ausverkauft. Eventuell gibt es an der Abendkasse noch Restkarten. Weitere Termine: http://www.oper-stuttgart.de

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Erstellt:
2. Februar 2016, 08:32 Uhr
Aktualisiert:
2. Februar 2016, 08:32 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Februar 2016, 08:32 Uhr

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