Tübingen · Coronakrise

Bürgerstiftung Tübingen leistet Nothilfe mit Heimatgefühlen

Die Bürgerstiftung Tübingen kümmert sich unbürokratisch um die Nebenwirkungen des Virus. Die Hilfe wurde dankbar angenommen.

15.07.2020

Von Ulla Steuernagel

Die Bürgerstiftung Tübingen kümmert sich um die Menschen in der Stadt, die Hilfe nötig haben. Archivbild: Ulrich Metz

Manuel Rongen hatte die Idee, und sie half schon geschätzten 300 Menschen aus der Patsche. Rongen gehört zum Stiftungsrat der Tübinger Bürgerstiftung, und die mochte im März nicht tatenlos zusehen, als das Coronavirus in Tübingen und Umgebung erste Opfer einforderte. Für die medizinische Behandlung waren andere zuständig, die Stiftung konzentrierte sich auf eine Nebenwirkung der Krise. Denn Selbstständigen mit Kleinstbetrieb, Freiberuflern, Studierenden, Künstlerinnen und Künstlern brachen von heute auf morgen die Honorare weg. Viele Tübinger stürzten plötzlich in existenzielle Not, und da spannte die Bürgerstiftung einen Schutzschirm, eine einzigartige Corona-Soforthilfe, auf.

Nach dem Aufruf im TAGBLATT gingen bei ihr beträchtliche Spenden ein, im Handumdrehen kamen fast 118 000 Euro zusammen. Und es kamen auch schnell die Anträge von coronageschädigten Tübingern. Rund 70 000 Euro verteilte die Stiftung schon an diese, und noch immer ist eine ordentliche Summe da, knapp 50 000 Euro können noch ausgegeben werden.

Das ist das Dreigestirn, das die Anträge auf Corona-Soforthilfe prüft: Manuel Rongen, daneben Manfred Niewöhner ... Privatbild

Die Förderbeträge lagen zwischen 200 und 1000 Euro. „Es gab auch Mehrfachunterstützungen“, so berichtet Manuel Rongen. Das Soforthilfe-Team, das aus dem Stiftungsrat Rongen und den beiden Vorstandsvorsitzenden Manfred Niewöhner und Holger von der Heide besteht, nimmt seinen Namen wörtlich. Geholfen wird schnell und unbürokratisch. Das Dreigestirn ist sozusagen im Dauerkontakt. Bislang videokonferierten sie 55 Mal. „Nur zwei Anträge haben wir bisher ablehnen müssen“, sagt Rongen.

Der Bedarf ist groß, daran haben die Helfer keinen Zweifel, und sie ahnen, dass längst noch nicht alle, bei denen Corona ein Loch in die Kasse gerissen hat, einen Antrag gestellt haben. Rongen möchte hiermit ausdrücklich dazu ermuntern. Weder muss man sich durch Berge von Antragsformularen kämpfen noch befürchten, dass man als prekäre Existenz gilt.

... und Holger von der Heide.

Das TAGBLATT hat mit einigen derjenigen gesprochen, die die Hilfe in Anspruch nahmen. Jede und jeder von ihnen ist glücklich über diese unerwartete Unterstützung. Alle tragen ihre vorübergehende und unverschuldete Notlage mit Selbstbewusstsein deshalb war auch die Bereitschaft groß, sich als Adressat der Soforthilfe zu outen.

Susanne Pöhlmann ist eine von ihnen. Der Bildhauerin halfen schon zwei Mal 300 Euro über die Runden. Sie ist der Stiftung „total dankbar“ dafür. Ihr Mischfinanzierungskonzept war gleich zu Beginn der Coronakrise zusammengebrochen. Die Künstlerin arbeitet in einem Laden und gibt Workshops zur Arbeit am Stein. Beide Tätigkeiten musste sie von heute auf morgen einstellen. Die Bürgerstiftung rettete sie über diese Notlage.

Auch Saliha Akgül traf es hart. Sie arbeitet als Reinigungskraft in einem Altenheim, doch die Witwe und Mutter zweier Kinder konnte ihrer Arbeit schlagartig nicht mehr nachgehen, denn einer ihrer beiden Söhne ist geistig behindert, und weil die Schulen schlossen, musste sie seine Rundum-Versorgung übernehmen. Die finanzielle Hilfe deckte ihre nötigsten Kosten ab, aber jetzt drohen die Sommerferien und ein neuerlicher unbezahlter Urlaub für sie. Wenn ihr Arbeitgeber dazu überhaupt noch bereit ist. „Ich habe schon eine Abmahnung bekommen“, so Akgül.

Zaubern kann Marko Ripperger zwar, aber gegenüber Corona war auch er machtlos. Alle Zauberevents wurden abgeblasen. Die Magie wurde genauso weggesperrt wie alles andere auch. Der Zauberkünstler und Vater zweier kleiner Kinder sah sein Konto gegen Null tendieren. Seine Frau, momentan in Elternzeit, konnte die Familie auch nicht retten. Die Lage sah nicht gut aus: „Außer Kindergeld“, so Ripperger, „kriegen wir nix, verdienen wir nix und haben wir nix!“ Mit 800 Euro half die Stiftung aus dieser Misere. Und mittlerweile ist das Geschäft des Zauberers schon wieder angelaufen. Ripperger ist froh, dass das Zauberfloß auf dem Neckar wieder – mit Desinfektionsmittel und Abstand – unterwegs sein kann und dass er überdies mehrere Kinderprogramme für Geburtstage anbietet, die nun wieder nachgefragt werden.

Familienhelferin Gudula von Au dachte, als sie von dem Hilfsangebot las, an eine alleinerziehende Mutter mit vier Kindern. Die technische Ausstattung der Familie erfüllte nicht die Voraussetzung für Homeschooling. „Ich dachte, ich probier’s“, so die Heilpädagogin bei der Sophienpflege, und siehe da: Die Bürgerstiftung stiftete Laptop und Drucker.

Lektor und Literaturveranstalter Michael Raffel kam im ersten Monat auf eine Corona-Ausfallsumme von 1300 Euro. Für ihn, der sich von „Auftrag zu Auftrag hangelt“ war das fest eingeplantes Geld, das ihm vor allem für die Reihe „Lyrik inklusiv“ zugesagt worden war. Es dauerte, so Raffel, 12 Stunden und schon hatte er die Zusage der Bürgerstiftung. 900 Euro bekam er von ihr. „Für mich war das existenziell und richtig gut“.

Lukas Meier (Name geändert) sicherte als Mathestudent sein Einkommen über zwei Jobs. „Und dann kam Corona“, sagt Meier. Zwei Mal 700 Euro gab ihm die Stiftung. Die Nachweise waren schnell erbracht, mittlerweile konnte der Student, der sich gerade im Bewerbungsverfahren befindet, auch ein zinsloses Darlehen des Studentenwerks in Anspruch nehmen. „Ich gehe davon aus, dass es ab September wieder regulär weitergeht“, so Meier.

Was ist für einen Künstler schon regulär? Als solcher kennt Dieter Löchle den „Hand-in-den-Mund-Modus“, wie er sagt, gut. Sein Leben beschreibt er als eine Art Wechselspiel aus künstlerischer Erfüllung und prekärer finanzieller Situation, so der Maler, der jüngst einen auffälligen Neubau in der Tübinger Wilhelmstraße passend zu dessen Bullaugen mit großformatigen Fischen veredelte. Das Hilfsangebot der Bürgerstiftung hat in ihm nicht nur Erleichterung, sondern auch „Heimatgefühle“ geweckt: „Ich mag diese Stadt sehr“, sagt Löchle. Man lebe eben in einer Stadt, in der man „nach einander schaut“.

Das Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschlands empfiehlt auf seiner Internetseite die Corona-Soforthilfe made in Tübingen als nachahmenswertes Beispiel für andere Städte. Auch dabei können die Tübinger Support leisten.

Es kann gespendet und ausgegeben werden

Lebenslagen und Berufe unterschiedlichster Art machen nicht nur gesundheitlich für Corona anfällig. Wer immer noch unter den Folgen des Lockdowns leidet, kann sich weiterhin an die Bürgerstiftung Tübingen wenden, die schnelle und unbürokratische Hilfe anbietet. Infos dazu bekommt man unter www.buergerstiftung-tuebingen.de. Spenden werden auch immer noch gerne entgegengenommen unter: „Soforthilfe Corona“, Kreissparkasse Tübingen,

DE28 6415 0020 00043699 74 . Eine Spendenquittung wird ausgestellt. Sie kann beim Finanzamt eingereicht werden.

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Erstellt:
15. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2020, 01:00 Uhr

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