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Kunst

Notfalls im Sonderzug zum Denkmal

Der Bildhauer Peter Lenk arbeitet an einem Stuttgart-21-Denkmal. Falls die Landeshauptstadt seinen „Schwäbischen Laokoon“ nicht aufstellt, kommt er an den Bodensee.

20.07.2019

Von ALFRED WIEDEMANN

So ungefähr könnte die Skulptur am Stuttgarter Hauptbahnhof aussehen. Foto: Montage/Peter Lenk

Bodman-Ludwigshafen. Noch sind die Türen zu Peter Lenks Atelier zu, bleibt der Kopf der meterhohen Skulptur meistens verhüllt. Man weiß ja nicht, wer alles ums Haus schleicht. Drinnen beim Bildhauer in Bodman am Bodensee entsteht sein „Schwäbischer Laokoon“. Seit einem Jahr schon beschäftigt sich der Künstler mit dem Denkmal zu Stuttgart 21. „Bis nächstes Frühjahr oder bis zum Sommer wird es fertig“, sagt Lenk.

Lenk ist bekannt durch seine satirischen Skulpturen. Gern mit Nackedeis, die alle Blicke auf sich ziehen. Adams- und Evakostüme, dener der Bildhauer Köpfe verpasst von Prominenten. Kunst darf alles. Weil Lenk vermeiden will, dass Sauertöpfe trotzdem schon Unvollendetes verbieten, bleibt der Laokoon-Kopf verhüllt.

Wer da meterhoch mit ICE-Zügen ringt statt mit giftigen Schlangen wie das mythologische Original, bleibt geheim bis zur Einweihung. Egal, wie hochgestellt der Chef-Eisenbahner oder Ober-Politiker ist, dessen Antlitz auf dem Körper prangt: Nackt wird die Figur. Hallo, Antike! Eine Unterhose über Hintern und Gemächt, da hätten die alten Griechen und Römer schön gelacht. Wäre damals eine Lenkskulptur geworden.

Jetzt der schwäbische Laokoon und sein Stuttgart 21. Mit endlosen Kostensteigerungen, fehlenden Gleisen, gefährlichem Brandschutz, Bohren durchs Anhydritgestein – „jedes Argument gegen Stuttgart 21 wurde abgebügelt“, sagt Lenk, der Bau sei „die Chronik einer grotesken Entgleisung“, die stelle er dar. „Den Blödsinn kann man nur mit Humor ertragen.“

Zu seinem S-21-Denkmal gehören große Reliefs mit vielen Dutzend Akteuren. Eines zeigt den neuen Bahnhof, abgesoffen nach Wassereinbruch. Zu gebrauchen nur noch als Freizeitbad. Eines zeigt den „Schwarzen Donnerstag“, den blutigen Polizeieinsatz gegen Demonstranten 2010. Eines zeigt eine Tunneltaufe, gestört von antiken Chaoten. Über allem schwebt noch mehr S-21-Personal, auf Beutelwolken, die von reinigenden Gewittern künden. Ein Wolkenkuckucksheim über Laokoon. Fatum, Schicksal, und „unbesonnener Geist“ verhinderten schon bei den Trojanern die Einsicht nach Laokoons Warnung vor der griechischen Kriegslist mit dem hohlen Pferdegeschenk. Das Wolkenkuckucksheim hat der Grieche Aristophanes erfunden.

Alles antik, ergo nackt. Wobei Lenk das eher klein geratene Gemächt seines Laokoons per Feigenblatt verdecken will. Es hängt schon an der Atelierwand. „Vermutlich grünlich“ werde das noch, sagt er und grinst hinter seinem dicken Schnauzer. Erstaunlich eigentlich, dass der bitterbös geführte Streit um den Bahnhof erst jetzt zum Lenk-Werk gerinnt. S-21-Gegner haben seine Skulptur angeschoben, sammeln Spenden. 45 000 Euro sind bereits zusammen. 100 000 Euro sollen es werden – nicht für Lenk, sondern für Material und Fremdkosten.

Vor allem S-21-Gegner spenden, aber auch andere, sagt Lenk. Die Witwe, die von ihrer Rente 20 Euro abknapst, der Angestellten mit schmalem Gehalt, der sogar 1000 Euro gegeben hat, weil es ihm wichtig ist. „Edzard Reuter hat gespendet“, der frühere Daimler-Chef.

Sieht so aus, als ob die Stadt Stuttgart und ihr grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn gratis zum acht Meter hohen Kunstwerk kommen, zu einem potentiellen Wahrzeichen. Begeistert scheint man aber nicht im Rathaus. Man kenne das Werk, man habe gehört, dass er es in Stuttgart zeigen möchte. „Herr Lenk hat uns wissen lassen, dass er sein Projekt vorstellen möchte“, sagt Rathaussprecher Sven Matis. „Von einer Probeaufstellung ist uns bisher nichts bekannt. Sollte er dies auf öffentlicher Fläche planen, müsste er eine Überlassung beantragen.“

Anträge sind aber nicht unbedingt Lenks Sache, lieber Nacht-und-Nebel. Einen Vertrag will er schon anbieten, eine Aufstellung zur Probe, möglichst in Hauptbahnhofsnähe, mit einer Klausel, die der Stadt garantiert, dass er seine Skulptur innerhalb von zwei Wochen entfernt, sollte das gewünscht werden.

Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, hat „überhaupt nichts dagegen, das Kunstwerk interimsweise aufzustellen“. Sie wisse nicht, welche Politiker wie gewürdigt werden, Lenk mache aber streitbare politische Kunst. Wenn er sich S 21 annehme, „sollten wir nicht einfach ablehnen“. Als Anregung für eine lebendige Debatte sei das Werk willkommen.

Sie wünsche sich und hoffe, dass es ironisch-humorvoll wird, nicht beleidigend. „Das würde gar nichts helfen.“ Den geeigneten Aufstellort könnte man mit einem Bürgerspaziergang zu den möglichen Standorten erkunden, „am besten mit Herrn Lenk zusammen“, sagt Kienzle.

„Das Kunstwerk gehört nach Stuttgart“, sagt Lenk. Ein „Lachverbot“ durch die Verantwortlichen in Rathaus oder in der Landespolitik wäre eine Lachnummer. Einen Notfallplan gibt es aber auch: Wenn nicht in Stuttgart, wird am Bodensee enthüllt. „Zur Einweihung kann die Landesregierung einen Sonderzug aus Stuttgart fahren lassen.“

Peter Lenk: Arbeit am „Schwäbischen Laokoon“. Foto: Felix Kästle/dpa

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Erstellt:
20. Juli 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juli 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2019, 06:00 Uhr

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