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Knochenbrüche auf Eis-Wegen

Notaufnahme proppenvoll mit verletzten Fußgängern

Im Auto war es am Sonntag sicherer als für Fußgänger und Radfahrer: Blitzeis-Stürze am laufenden Band bescherten Rettungssanitätern und den Ärzten an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik viel Arbeit.

20.01.2013

Von ST

Rutschpartie in der Tübinger Fürststraße.

Der Mann stöhnt beim Umlagern vor Schmerzen. Gerade haben ihn Rot-Kreuz-Rettungssanitäter aus dem Steinlachtal in die Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) gebracht. Seit sie am Sonntagvormittag der Anruf in ihrer Bereitschaft erreichte, sind die Männer ständig unterwegs. „Alles Blitzeis-Stürze“, sagt einer der Sanitäter. Eine ältere Frau liegt im Flur der proppenvollen Notaufnahme im Krankenbett und fasst sich an den Oberschenkel: „Hoffentlich ist nichts gebrochen.“ Auch sie stürzte am Morgen wenige Meter von der Haustüre entfernt auf vereistem Untergrund. Einer jungen Tübingerin, die mit lädiertem Ellbogen im Wartebereich sitzt, erging es ähnlich.

Viele gebrochene Arme und Beine, auch einige teils schwere Kopfverletzungen behandelten die Ärzte und Pfleger/innen an der BGU. Bis zum Nachmittag waren bereits mehr als hundert Patienten gekommen oder wurden mit dem Krankenwagen gebracht – „außergewöhnlich viele“, so der diensthabende Arzt Götz Wenig. Als die Dimensionen am Vormittag absehbar wurden, aktivierte die Klinik zusätzliche Ärzte und Pfleger – teils aus der Bereitschaft und, weil das nicht reichte, auch aus dem freien Wochenende heraus.

So fanden die meisten Autofahrer in der Region am Sonntagfrüh ihre Fahrzeuge vor.

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum Leute trotz der Blitzeis-Warnung mit dem Fahrrad unterwegs waren“, wundert sich die leitende Notärztin Lisa Federle. Viele Stürze von Radfahrern, aber auch Fußgängern und Joggern habe es gegeben, und manche davon waren richtig schlimm. Sogar ein Schädel-Basis-Bruch musste versorgt werden. „Wir haben alle geholt, die Bereitschaft hatten“, sagt sie: 26 zusätzliche Sanitäter und zehn zusätzliche Wagen waren im Einsatz, zu den beiden Notärzten, die Dienst hatten, kam noch Federle dazu.

Die spiegelglatten Straßen waren auch für die Rettungswagen nicht ohne: „Ich kam über eine Stunde lang auf der Wanne nicht vom Fleck“, berichtet Federle. Und gleich früh morgens musste eine Schwangere mit dem Notarztwagen in die Klinik gebracht werden, weil der größere Rettungswagen stecken geblieben war. Bis zum Nachmittag hatten die ehrenamtlichen Sanitäter 120 Einsätze hinter sich gebracht. Etwa die Hälfte davon wegen gebrochener Arme und Beine. Viele der Verletzten mussten wegen des Dauereinsatzes lange auf Hilfe warten. Erst gegen 16 Uhr besserte sich die Lage wieder. „Es war der Wahnsinn“, bilanziert Federle.

Auf den ungestreuten Nebenstraßen blieb es bis zum Sonntagmittag spiegelglatt.

Auch die Streufahrzeuge hatten Probleme: „Viele hat es gedreht“, berichtet Sandro Belser, Technischer Betriebsleiter der Kommunalen Servicebetriebe Tübingen (KST). Von vier Uhr in der Früh waren die Fahrzeuge im Einsatz. Das ist normal im Winter. Nicht normal war, dass die Streufahrzeuge den Nordring rückwärts hinauf fuhren, um sich selbst erst einmal zu streuen. Auch am Nachmittag standen alle Kräfte der KST bereit: Es war noch einmal Niederschlag angekündigt, der dann aber ausblieb.

Die Polizei berichtet von mehreren Glatteisunfällen im Kreisgebiet. Allein in Tübingen schlitterten 14 Autos auf der Eisbahn. Verletzt wurde dabei niemand, es blieb bei Blechschäden. Auch ein Bus hatte Probleme mit dem Eis: Gegen 5.30 Uhr war er vom Derendinger Bahnhof kommend auf der Jurastraße unterwegs, als er dort von der Fahrbahn geriet und gegen eine Mauer und einen Gartenzaun prallte. Die drei Insassen kamen mit dem Schrecken davon. Dennoch war der Unfall Anlass für die TüBus-Leitstelle, den Busverkehr vier Stunden lang einzustellen. Bis 10 Uhr fuhr kein einziger Bus mehr. In Rottenburg gab es acht kleinere Unfälle wegen des Glatteises, für den Bereich Mössingen meldete die Polizei zwei Unfälle. In Reutlingen sorgte das Blitzeis für 65 Verkehrsunfälle, bei denen niemand verletzt wurde. Auch hier stürzten etliche Fußgänger und einige verwegene Radfahrer auf spiegelglatten Gehwegen und Straßen.

In Rottenburg rückte der wegen Blitzeis alarmierte städtische Räum- und Streudienst ebenfalls um 4 Uhr früh aus. „Die Verhältnisse waren chaotisch“, sagte der Erster Bürgermeister Volker Derbogen. Steigungen mussten auch hier erstmal rückwärts gestreut werden, sämtliche Fahrzeuge waren bis zum frühen Nachmittag im Einsatz.
Manche Tübinger und Rottenburger nahmen die extremen Witterungsverhältnisse aber auch sportlich – und düsten mit Schlittschuhen über den vereisten Gehweg zum Bäcker und wieder zurück nach Hause.

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Erstellt:
20. Januar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2013, 12:00 Uhr

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