Dichtung und Thrill

Nominiert für den Buchpreis: Marlene Streeruwitz "Schmerzmacherin"

Sicherheitsdienste gehören heute zum Alltag. Sie übernehmen immer mehr staatliche Aufgaben und unterlaufen letztlich das Gewaltmonopol des Staats.

26.09.2011

Von SWP

Im Milieu einer solchen Organisation spielt Marlene Streeruwitz Roman "Die Schmerzmacherin", der zu den sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis gehört. Der Stoff taugt für einen Thriller, und in der Tat fesselt die österreichische Autorin den Leser mit ihrem Erzählen. Das weniger mit vordergründiger Spannung, als vielmehr durch eine latent vorhandene atmosphärische Bedrohung und Unruhe, die Streeruwitz gekonnt allgegenwärtig zu halten vermag.

Zu dieser atmosphärischen Aufladung trägt etwa die einleitende Naturschilderung bei. Amy fährt frühmorgens mit dem Auto durch eine schneeverschneite, gottverlassene Gegend und dabei über eine Brücke, auf dessen Geländer ein Bussard sitzt, der nicht wegfliegt, sondern nur den Kopf wegdreht: "Warum war dieser Vogel nicht geflogen. Warum war dieser Vogel nicht davongeflogen. Diese Bewegung. Dieses Abwenden. Diese Abwendung . Der Vogel hatte sie verachtet. Er hatte sie nicht ansehen wollen. Nicht sehen." In dieser Schilderung wird metaphorisch Amys Stellung in der Gesellschaft angedeutet, mit ihr baut die Autorin auf den ersten Seiten eine numinose Stimmung auf, die atmosphärisch Amys vage wie latente Angst unterfüttert.

Natürlich schreibt eine Autorin wie Streeruwitz das nicht im Stile eines Thrillers. Schon die von ihr gewählte personale Erzählform engt die Perspektive ein. Alles wird aus der Sicht von Amy Schreiber, die in einer Sicherheitsfirma arbeitet, erzählt. Was sie sieht, erlebt und fühlt, erfährt auch der Leser. Hinzu kommt eine Sprache, die parataktisch aufgegliedert ist, keine ganzen Sätze anstrebt, oft genügt ein Wort; verkürzte sprachliche Wiederholungen gehören ebenso zu diesem poetischen Stil, der keinesfalls Selbstzweck ist: Jeder klassisch gebaute, stilistisch vollkommene Satz eines Erzählers hat etwas von der Unverwundbarkeit eines James Bond, der gefährlichste Situationen nicht nur unverwundet, sondern in eleganter Erscheinung übersteht. Amys Erlebnisse, Wahrnehmungen sind brüchig, wie es die ganze Welt ist, und das spiegelt sich in der Sprache, im Material des Erzählens wieder, wenn sie etwa an einem Pool sitzt, trinkt und sich bedroht fühlt: "Ihr Kopf sank nach vorne und baumelte über den Händen. Aus dem Bauch stieg ein Elend auf. Ein noch nie gekanntes Elend . Und wie sie nicht einmal schluchzen konnte und sich ihr etwas abringen wollte. Dass sie es nicht wert war. Dass sie nichts wert war. Dass sie nicht. Dass es. Dass es sie nicht. Nicht geben sollte und dass es. Dass es. Sie spürte die Flasche in den Händen."

Amy, 24, hat noch nichts erreicht in ihrem Leben. Die Ausbildung und Arbeit in der Sicherheitsfirma sollte die Wende bringen. Doch bald merkt sie, dass Mitarbeiter ihr wegen einer Erbschaft nach dem Leben trachten. Dahinter vermutet sie freilich ihre Tante.

Streeruwitz hat mit "Die Schmerzmacherin" ein brisantes Thema aufgegriffen und es souverän in den Alltag einer literarischen Figur verlagert. Der Stoff ist ein Thriller, die Sprache brillante Dichtung. Allein die Landschafts- und Naturschilderungen, die atmosphärisch über der Handlung liegen, suchen heute ihresgleichen. OTFRIED KÄPPELER.

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Erstellt:
26. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2011, 12:00 Uhr

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