Kulturbauten

Noch eine Passion

Christian Stückl aus Oberammergau darf als leidenschaftlicher Intendant in München das neue, 131 Millionen Euro teure Volkstheater eröffnen.

14.10.2021

Von JÜRGEN KANOLD

Das neue Volkstheater im Münchner Schlachthofviertel, entworfen vom Stuttgarter Architektenbüro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei. Foto: Jürgen Kanold

München. Wer im Münchner Stadtteil Sendling die U-Bahnhaltestelle Poccistraße verlässt und zum Zenettiplatz geht, hat ziemlich viel Volkstheater um sich: im Rücken die kolossale Bavaria-Statue und die Theresienwiese, vor einem das Schlachthofviertel. Die Südfleisch-Zentrale, der Bayerische Vieh- und Fleischverband finden sich hier, auch eine Messerschleiferei oder die Firma Megum für Metzgerbedarf.

An einem Oktobermorgen riecht es besonders streng nach Fleischabfällen. Kettenraucher Christian Stückl zündet sich die nächste Zigarette an, von seinem Büro aus kann er in den von einer hohen Mauer umrandeten Schlachthof auf der anderen Straßenseite schauen, wo die Viehtransporter ankommen. Das neue, für 131 Millionen Euro gebaute Münchner Volkstheater, das der Regisseur und Intendant an diesem Freitag mit der Premiere von „Edward II.“ eröffnet, einem Schauerdrama Christopher Marlowes über einen schwulen König auf Englands Thron, liegt nicht direkt im Paradies der Vegetarier. Aber es ist ein urbaner Standort: für ein großartiges Haus, für ein „wirkliches Theater“ mit modernster Bühnentechnik, wie Stückl schwärmt. In seinen „kühnsten Träumen“ habe er sich das nicht ausmalen können.

Stückl, 59, kommt aus Oberammergau, und man kennt ihn als Leiter der dort alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele – die freilich im letzten Jahr ausfielen wegen Corona und ähnlich wie 1920, als die Spanische Grippe wütete, um zwei Jahre verschoben wurden, auf 2022. Stückl führt seit bald 20 Jahren aber auch das Münchner Volkstheater, und sein Oberammergauer Jesus, Frederik Mayet, arbeitet bei ihm als Künstlerischer Direktor und Pressesprecher.

Das Volkstheater hat zwar Stücke wie den „Brandner Kaspar“ im Repertoire, das schon 300 000 Menschen gesehen haben, aber mit volkstümlich braven Besucherinnen und Besuchern in Seidenbluse oder Trachtenjanker hat das Haus wenig zu tun. „Radikal jung“ heißt nicht nur ein Festival, sondern auch Stückls Erfolgsrezept: ein junges Schauspielensemble, junge Regisseurinnen und Regisseure, junge Autorinnen und Autoren, junges Publikum. Oder wie Stückl sagt: „Alle san jünger als i.“

In der Brienner Straße spielte man in einer angemieteten Turnhalle des Bayerischen Fußballverbands, aber als 2010 klar wurde, dass diese dringend saniert werden musste, reifte die Idee eines Neubaus. Das Ergebnis ist derart perfekt, dass man jetzt natürlich „größer denken könne“, etwa bei Bühnenbildern: „Das weckt auch Gelüste“, sagt Stück lachend und stolz beim Rundgang. Er wird seine Leute schon erden.

Das sind die Zahlen: 25 000 Quadratmeter Nutzfläche, rund 300 Räume, eine Hauptbühne mit einem Zuschauerraum für bis zu 600 Personen, dazu zwei weitere Bühnen mit Platz für 200 beziehungsweise 100 Gäste. Alles technisch up to date. Dazu Werkstätten, ein Restaurant („Schmock“ heißt es, israelische Küche) und Künstlerwohnungen in einer denkmalgeschützten, integrierten Gebäudezeile des Viehhofs.

Das ist eine Ansage im Münchner Konkurrenzkampf der Kulturanbieter. Das Volkstheater wurde erst 1983 eröffnet, ein CSU-Oberbürgermeister wollte damals, so erzählt es Stückl, ein Gegengewicht zu den linken Kammerspielen installieren. Das Haus stand dann aber ums Jahr 2000 kurz vor der Pleite. Der damals regierende OB Christian Uhde (SPD) holte den jungen Stückl und sagte: „Wenn es nicht klappt, wird es eben geschlossen.“ Es klappte dann offenbar so gut, dass der Intendant später bei allen Fraktionen des Münchner Stadtrats offene Türen einrannte mit seinem Plan für einen Theaterneubau. Stückl hatte die Gunst der Stunde genutzt, er ist sich seines Glückes bewusst.

Im Stuttgarter Büro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei (LRO) fanden die Münchner die städtebaulich wie technisch-pragmatisch denkenden Architekten. Das Kunstmuseum Ravensburg oder der Erweiterungsbau der Landesbibliothek in Stuttgart stammt von LRO, und wer das kürzlich erst in Plochingen eröffnete Musikzentrum Baden-Württemberg kennt, hat vor dem Volkstheater ein Déjà-vu: dieser große Eingangstorbogen, der das Sichtziegelmauerwerk bricht und in den großen Innenhof einlädt . . .

Architekten aus Stuttgart

Das Volkstheater mit einem leuchtend weißen Bühnenturm ist perfekt in die Schlachthofviertel-Nachbarschaft eingefügt, aber das langgezogene Foyer drinnen ist selbstverständlich modern chic gehalten – man könnte auch sagen: postmodern mit diesen Stützen, Lüftungslöchern, Farben.

Zunächst habe der Architekt alles weiß halten wollen, sagt Stückl, aber dann habe ihn Arno Lederer quasi nach Weimar eingeflogen, ganz begeistert von Farberkenntnissen bei Goethe und dem Bauhaus. Jetzt zeigt sich das Foyer in Gelb, Dunkelblau – und auch in einem blassen Mint. Stückl schüttele noch immer stauend den Kopf über dieses preußische Mint. Aber nur bajuwarisch weiß-blau geht's im Münchner Volkstheaters definitiv nicht zu.

Christian Stückl, der Intendant aus Oberammergau. Foto: Angelika Warmuth/dpa

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Erstellt:
14. Oktober 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Oktober 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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