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125 Jahre Bosch (1)

Noch bis 1964 residierte die Gminder AG in der Tübinger Straße

Die Robert Bosch GmbH hat in diesem Jahr einen doppelten Grund zu feiern: das125-jährige Konzernjubiläum und den 150. Geburtstag von Robert Bosch. Was das mit Reutlingen zu tun hat,ist Gegenstand einerkleinen TAGBLATT-Serie.

31.03.2011

Von Holger Lange

Reutlingen. Die Firmengeschichte von Gminder beginnt 1814. Sie endet 1964 exakt 150 Jahre später mit der Übernahme durch die Robert Bosch GmbH. Die feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen.

Ulrich Gminder errichtete 1814 in der Wilhelmstraße 8 (heute „Nordsee“) einen Färbereibetrieb, den seine beiden Söhne Konrad und Andreas 1833 vergrößerten. Im Jahre 1864 bauten die Brüder in den unteren Hegwiesen ein zweistöckiges Fabrikgebäude und richteten darin eine Weberei ein. Der Färbereibetrieb der Firma Ulrich Gminder wurde 1869 in die zwischen Reutlingen und Betzingen an der Echaz gelegene „Säge“ verlegt. 1885 errichtete man eine Spinnerei in Neckartenzlingen.

Weltunternehmen in der dritten Generation

In der dritten Generation wurde das Unternehmen von den Söhnen Louis und Carl Gminder zur Weltfirma weiterentwickelt. 1890 entstand die dritte Weberei, und man erweiterte die Firma um die Spinnerei Lindach. Eine weitere große Spinnerei wurde 1904 ebenfalls nahe dem Komplex „Säge“ gebaut und die Ausrüstungsanstalt wesentlich vergrößert. 1904 erhielt das Unternehmen die rechtliche Form einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung. 1907 führte man bei Gminder den Zehn-Stunden-Arbeitstag ein.

Der Verkehr unter den Werken wurde zum Teil durch Bahnanlagen mit eigenen Lokomotiven und Spezialwagen und einem Kraftwagenpark aufrechterhalten. Verwaltung, Zentralmagazin und Versand befanden sich in der Bismarckstraße. Insgesamt beschäftigte Gminder fast 3 000 Arbeiter und Angestellte.

Arbeiterhäuser und ein ganzes Dorf

Technisch bemerkenswert war die hydraulische Akkumulieranlage in Neckartenzlingen. Während der Betriebspausen der Spinnerei Neckartenzlingen wurden durch eine 900 Meter lange Rohrleitung bis zu 17 500 Kubikmeter Wasser in einen 125 Meter über dem Neckar gelegenen Hochbehälter hinaufgepumpt und aus dem zurückfließenden Wasser Strom gewonnen. Die nicht benötigte Energie führte man mittels einer 13 Kilometer langen betriebseigenen Leitung der Reutlinger Kraftzentrale in der „Säge“ zu. Reparaturen, Überholung der Maschinen, aber auch der Bau von Spezialeinrichtungen und -maschinen sind die Aufgaben der Centralwerkstätte (CW). Sie vereinigt Schmiede, Schlosserei, Schreinerei, Sattlerei und andere Werkstätten.

Gminder unterhielt außer Arbeiterhäusern in Neckartenzlingen noch die Arbeiterkolonie Gmindersdorf, die 1903 von Theodor Fischer in der Nähe der Reutlinger Werke erbaut wurde. Das Gmindersdorf, eine der schönsten Arbeitersiedlungen überhaupt, hatte damals etwa 1000 Einwohner und besteht in der Hauptsache aus massiven Einfamilienhäusern mit Gärtchen. Den Bedürfnissen der Einwohner dienten eine Wirtschaft inklusive Metzgerei, eine Bäckerei und ein Kaufladen. 1914 wurde dem Dorf zum 100-jährigen Gminder-Jubiläum ein Kinderhort mit Säuglingsheim und Kinderschule gestiftet, dem eine Turn- und Festhalle angegliedert war. 1922 war der Altenhof fertig, in dem Alte und invalide Arbeiter ihren Lebensabend beschließen konnten.

Schließlich wurde 1927 in Rommelsbach die vierte Weberei gebaut, 1931 die stillgelegte Flachsspinnerei in Urach erworben, diese aber in den 50ern wieder verkauft.

In der Weimarer Republik gab es viele Konflikte zwischen der Arbeitnehmerschaft und dem Unternehmen. Der Streik 1928 endete für die Gminder-Arbeiter mit einer Niederlage. Damals mussten die organisierten Arbeiter vor einem Streik ihr Arbeitsverhältnis kündigen. Drei Arbeiter, „welche sich bei der Streikhetze besonders hervorgetan hatten“, wurden von der Firma Gminder nicht wieder eingestellt. Die 84 wieder eingestellten Arbeiter/innen verloren die Anwartschaft auf Jubiläumsgeschenke und Dienstaltersprämien. Der Vorsitzende des Arbeiterrates versuchte vergeblich 1938 die Benachteiligungen aufzuheben.

In den 30er-Jahren musste viel kurzgearbeitet werden. Um die Einkommensverhältnisse der Textilarbeiterinnen zu verbessern, gab es in der stillgelegten Wirtschaft im Gmindersdorf Nähkurse. Gminder gab verbilligte Stoffe ab. So konnten die Arbeiterinnen für den privaten Gebrauch Kleidungsstücke nähen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Betriebsteile stillgelegt, und in die stillgelegten Fabrikhallen zogen Rüstungsbetriebe ein, darunter die Robert Bosch GmbH. Anstelle der zum Kriegsdienst eingezogenen Arbeiter wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Am Ende des Krieges war der Werksteil Karlstraße / Bismarckstraße zerstört. Der Versand und die Verwaltung wurden in der Tübinger Straße untergebracht.

Mabo übernimmt die Aktien

Nach dem Krieg boomte die Textilindustrie. Anfang 1952 waren 2550 Mitarbeiter bei Gminder beschäftigt. Während der Textilkrise sank die Zahl bis 1964 auf 1450. Gminder wird 1956 Aktiengesellschaft und war bei der Allgäuer Baumwollspinnerei Blaichach Hauptaktionär. Vorstandsmitglied Hans Merkle wechselte 1958 in die Geschäftsführung von Bosch und wird Aufsichtsratsmitglied bei Gminder. 1960 verkauft Gminder seine Aktien von der Allgäuer Baumwollspinnerei Blaichach an Bosch. Aber erst nach dem Tod von Emil Gminder wird der Weg frei zur Übernahme. Eine der Robert Bosch nahestehende Gesellschaft, die „Mabo“, übernimmt 1964 die Gminder-Aktien. Somit wurde das 150-jährige Jubiläum von Gminder nicht mehr gefeiert. Seit 1. April 1964 gehört Gminder zu Bosch.

Info: Holger Lange ist von Beruf Umwelttechniker und arbeitet als Lagerverwalter bei Bosch. Seit Jahren erforscht er die Geschichte der früheren Ulrich Gminder GmbH, des Gmindersdorfs und von Bosch in Reutlingen.

Die Gminder Spinnerei in der Tübingerstraße, heute der „Türmlesbau“, auf einer Ansichtskarte aus dem Besitz von Holger Lange.

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Erstellt:
31. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. März 2011, 12:00 Uhr

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