Tübingen · Öffentliche Kunst

Nixen-Posing an der Neckarfront

In Tübingen soll die Skulptur einer Badenden als Blickfang herhalten.

28.11.2019

Von Wilhelm Triebold

Die Skulptur von Carole A. Feuerman. Foto: Kunsthalle Tübingen

Tübingen. Kunst im öffentlichen Raum ist ein Fingerzeig an die plurale Gesellschaft. Sie verlässt die museale Rumpelkammer, um sich an der frischen Luft einer gezielt oder auch nur zufällig vorbeikommenden Laufkundschaft zu stellen. Im besseren Fall korrespondiert das Kunstwerk mit der Umgebung, regt zum Nachdenken und Innehalten an. Im schlechteren Fall genügt es sich selbst und weniger dem Anspruch, nicht einfach nur eine Fläche zuzupflastern.

Seit Hannover seine Innenstadt mit dicken bunten Nanas von Niki de Saint Phalle flutete, tobt der Streit, was öffentliche Kunst leisten soll. Die Universitätsstadt Tübingen ist nicht gerade reich gesegnet mit Musterbeispielen. Es ist schon etwas länger her, dass hier auf städtischem Grund und Boden etwas Überzeugendes installiert wurde. Meist waren es bronzene Standbilder wie ein fescher Radlerkönig, zwei bruddelnde Schwaben oder zuletzt ein abstraktes Denkmal für Hölderlins häusliche Pflegerin Lotte Zimmer.

Nach dieser schöpferischen Pause sind nun Tübingens Kunsthalle und Rathauschef Boris Palmer auf die Idee gekommen, der Stadt eine hyperrealistische Skulptur zu schenken. Sie stellt eine adrette Badenixe dar und stammt von der US-Amerikanerin Carole A. Feuerman, deren Sculpture Foundation allerlei Feuerman-Motive auf Seidenblusen, Leggings, Kissen und Tassen vertickt. Die geschäftstüchtige Künstlerin bildet bevorzugt Badeszenen ab, gern auch durch attraktive Modelle umgesetzt: gehobenes Kunstgewerbe ohne kritischen Anspruch, wie ihn etwa der Hyperrealismus-Veteran Duane Hanson an den Tag gelegt hat.

Doch selbst eine Polyesterharzfigur von Hanson würde man nicht schutzlos einer Fußgängerzone preisgeben. Öffentliche Kunst muss auch wind-, wetter- und vandalenfest sein, und schon deshalb ist der von Palmer anvisierte Standort gleich bei Tübingens meistfotografierter Schokoladenseite, der Neckarfront, nichts anderes als ein schlechter Scherz.

Mehr noch als die Qualität des Kunstwerks oder der gewählte Standort sorgt das Verfahren für Verdruss. Die Stadtverwaltung hatte aus früheren Alleingängen unbeleckter Entscheidungsträger dazugelernt und extra eine Expertenkommission berufen, die mit ihrem Sachverstand genau in solchen Fragen beraten sollte. Als sie das tun konnte, war die Sache schon entschieden. Ein klassischer Fall von Alleingang also.

Finanziert wird die Nixe offenbar über private Geldgeber. Noch ist nicht entschieden, wo sie sich als Fotomodell in Positur werfen wird. Vorschläge aus der Bürgerschaft gibt's schon einige. Ins Freibad würde sie passen, finden manche. Und an den Platz bei der Neckarfront ein Reiterstandbild, das König Boris zeigt.

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Erstellt:
28. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
28. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. November 2019, 06:00 Uhr

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