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Nikab nicht überall erlaubt
Ein alltägliches Bild in Saudi-Arabien: Frauen mit Nikab, hier auf Einkaufstour in Riad. Foto: dpa
Der Gesichtsschleier im Nahen und Mittleren Osten

Nikab nicht überall erlaubt

In vielen Ländern im arabischen Raum ist der Gesichtsschleier im Straßenbild weit verbreitet. Aber es gibt auch strikte Verbote. Ein Beispiel: die Uni Kairo.

20.08.2016
  • MARTIN GEHLEN

Kairo. Als Frankreich vor fünf Jahren den islamischen Gesichtsschleier verbot, erhielten die Pariser Senatoren Beifall von ungewohnter Seite. „An Europa und Frankreich möchte ich als Botschaft schicken – der Nikab hat keine Grundlage im Islam, er schadet vielmehr dem Ansehen des Islam“, schrieb Abdel Muti Al-Bayyumi, Mitglied des Hohen Geistlichen Rates der Al-Azhar in Kairo, der höchsten Lehrautorität der sunnitischen Muslime. In dieser heiklen Frage wusste Al-Bayyumi sich auch mit seinem Chef einig, Großscheich Ahmed al-Tayeb. Die Debatte losgetreten aber hatte 2009 dessen Vorgänger Mohammed Said Tantawi, als er bei einem Schulbesuch eine verschleierte Zwölfjährige Mädchen rüde abkanzelte und aufforderte, ihr Gesicht zu zeigen. Ihre Kopfbedeckung habe nichts mit dem Islam zu tun, schimpfte er und ließ anschließend Campus und Wohnheime für voll verhüllte Studentinnen sperren.

Die Universität Kairo ging kürzlich noch einen Schritt weiter. Mit Beginn des Wintersemesters 2015 verbot sie den Gesichtsschleier auch für Professorinnen. „Der Gesichtsausdruck ist essentiell für jeden Lehrprozess, und die Entscheidung verstößt weder gegen die Scharia noch gegen die Verfassung“, hieß es.

Der Nikab stammt ursprünglich von der Arabischen Halbinsel, wo sich Beduinen und ihre Frauen mit Gesichtstüchern gegen die scharfen Wüstenwinde schützten. Im Koran ist er nicht erwähnt. Im 19. Jahrhundert breitete er sich im Nahen und Mittleren Osten aus als exklusive Kopfbedeckung für Oberschichtfrauen, die sich in ihren Häusern bewusst vom Straßenleben fernhielten. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand dieser Edel-Nikab völlig aus den islamischen Gesellschaften entlang des Mittelmeeres, bis er nach dem Ölboom in den 1970erJahren über die Rückkehrerfamilien aus Saudi-Arabien wieder auftauchte – diesmal als religiöser Marker im Straßenalltag und bei Frauen aller gesellschaftlichen Schichten. Drei Jahrzehnte später gehört der Gesichtsschleier in Ägypten genauso selbstverständlich zum Alltag wie in Saudi-Arabien, dem Jemen und den Golfstaaten.

Für Tunesien dagegen, dem Geburtsland des Arabischen Frühlings, war das Auftreten von Salafisten nach dem Ende der Diktatur eine gänzlich neue Erfahrung. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1956 hatte es niemals Frauen mit Nikab im Straßenbild gegeben. Schon bald terrorisierten die Ultraorthodoxen, die großzügig aus Katar und Saudi-Arabien finanziert wurden, die Bevölkerung mit moralischen Prügelkampagnen. Den härtesten Konflikt lieferten sich die Fanatiker an der Manouba-Universität von Tunis. 2012 legten sie die geisteswissenschaftliche Fakultät lahm, weil sich deren Dekan Habib Kazdaghli weigerte, voll verschleierte Studentinnen bei Vorlesungen und Prüfungen zuzulassen. Doch die Hochschule gab nicht nach, die Zerreißprobe dokumentierte später ein Professorenkollege in dem Buch „Chronik aus Manubistan“. Man habe die Hoffnungen der Revolution verteidigt und für ein modernes und demokratisches Tunesien gekämpft, schreibt Habib Kazdaghli in einem Vorwort. „Aber der Weg ist noch weit und die Wachsamkeit muss hoch bleiben.“

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20.08.2016, 06:00 Uhr
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