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Tierversuche

Nichts für zarte Gemüter

Ingeborg Livaditis hat jahrzehntelang dagegen gekämpft, dass Wissenschaftler Lebewesen für ihre Zwecke verwerten. Erfolgreich konnte sie dabei nur sein, weil sie immer wieder das Gespräch mit der Gegenseite suchte.

11.09.2017
  • ANTJE BERG

Schönaich. Es war im Sommer 1981, als eine Kollegin ihr eine leere Unterschriftenliste gegen Tierversuche in die Hand drückte. Ingeborg Livaditis reichte sie im Freundeskreis herum und erhielt fürs Sammeln als Dankeschön das Buch „Nackte Herrscherin – Entkleidung der medizinischen Wissenschaft“. Sie musste nur wenige Seiten lesen, um nächtelang kaum schlafen zu können.

Die Bilder, die sie fortan in sich trug, legten sich immer wieder wie ein Schatten über ihren Alltag: Sie erzählt von einer trächtigen Hündin, die im Namen der Forschung aufgeschlitzt wurde, um ihr Verhalten zu beobachten; von grauenhaften Versuchen mit Katzen, die man stundenlang unter Krämpfen malträtierte, bis sie starben; von tausenden Tieren, die schwer verbrüht wurden, um sie danach zu behandeln – oder auch nicht.

„Von da an“, sagt die 78-Jährige, die in Schönaich bei Böblingen lebt, „wollte ich alles unternehmen, um solches Leiden zu beenden.“ Eine Aufgabe für Jahrzehnte und gewiss nichts für zarte Gemüter. Dass sie dabei überaus erfolgreich war, würde Ingeborg Livaditis von sich selbst nie sagen. Die zierliche, drahtige Frau wägt ihre Worte genau, an ihr ist nichts Eiferndes oder Missionarisches, sie will mit guten Argumenten überzeugen. „Ich halte nichts davon, radikal zu sein“, sagt sie.

Strategie der kleinen Schritte

Sich moralisch über andere zu erheben, die entgegengesetzte Ansichten vertreten, ist ihr nie in den Sinn gekommen. Wie auch? Sie empfindet es ja gerade als höchst fragwürdig, „dass viele Menschen herabschauen auf ein Lebewesen. Es degradieren, für ihre Zwecke ausbeuten und es letztlich nicht als fühlendes Individuum respektieren“. Sachlich zu bleiben, war ihr von Anfang an wichtig, weil man nur dann ernst genommen werde. „Wer Widerstand leistet“, findet sie, „der muss auch Lösungen anbieten, wie es anders besser gehen kann.“

Ihre Strategie war die der kleinen Schritte. Sie organisierte Infostände und Demos gegen Tierversuche und bemühte sich, in vielen persönlichen Gesprächen Bewusstsein für die Problematik zu wecken. Durch ihren Job in einer Werbeagentur wusste sie: „Wer versucht, das eigene Anliegen mit dem Holzhammer zu vermitteln, wird scheitern.“

Sie gründete den Landesverband „Menschen für Tierrechte – Tierversuchsgegner Baden-Württemberg“ und war fast durchgehend von 1983 bis 2013 dessen Vorsitzende. Sie gestaltete und bestückte regelmäßig die Vereinszeitschrift mit ihren Artikeln. Nahezu jede freie Minute investierte sie in dieses Ehrenamt, ihr Mann, ein Fotograf, unterstützte sie, wo es ging.

Ingeborg Livaditis tat dabei etwas Ungewöhnliches, das mancher Mitstreiter gar nicht gutheißen wollte: Sie nahm Kontakt mit der Gegenseite auf, setzte sich mit Wissenschaftlern zusammen, ging auf Vertreter der Pharmaindustrie zu und warb für die Idee, vermehrt Alternativmethoden zu Tierversuchen in der Forschung zu entwickeln. „Ich war erstaunt, dass diese Leute tatsächlich zu Gesprächen mit uns bereit waren, obwohl sie von ihren Tierversuchen überzeugt waren.“

Tomaten als Übungsobjekt

Noch heute erinnert sie sich an einen Arzt, der argumentierte, er müsse an den Adern von Ratten üben, wenn er seine Fingerfertigkeit als Chirurg trainieren wolle. „Dass dazu an einer deutschen Klinik bereits Tomatenhaut verwendet wurde, wusste er schlichtweg nicht.“ Deshalb habe sie gemeinsam mit aufgeschlossenen Wissenschaftlern die Gründung von „Zebet“ vorangetrieben. Ziel dieser Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch ist es, diese Versuche, wo immer möglich, zu vermeiden, die Zahl der Versuchstiere und deren Leiden auf ein Minimum zu beschränken.

Ingeborg Livaditis erreichte mit ihrem Verband auch, dass im Landesetat Mittel für die Förderung von Alternativmethoden bereitgestellt werden – derzeit 400 000 Euro im Jahr. Bis heute sitzt sie in dem Gremium, das über die Vergabe entscheidet. „Als ich mit meinen Aktivitäten begonnen habe, hätte ich das alles nicht für möglich gehalten“, sagt sie und erwähnt von sich aus nicht einmal, dass sie 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist.

Natürlich, sagt sie, gebe es noch viel zu tun, auch wenn inzwischen beispielsweise EU-weit keine Kosmetik mehr verkauft werden darf, für die Tierversuche gemacht worden sind. Sie hofft, dass eines Tages auch die medizinische Forschung „ganz ohne diese Art der Ausbeutung“ auskommt. Dabei ist sie zuversichtlich: „Die Digitalisierung ist gut für den Tierschutz, Alternativmethoden werden immer rascher entwickelt, und Tierschützer können sich schnell vernetzen.“

Die „Nackte Herrscherin“ steht bis heute in ihrem Regal. Ingeborg Livaditis hat es nie fertiggebracht, das Buch zu Ende zu lesen. „Ich wollte“, sagt sie, „viel lieber nach vorne schauen.“

Was beim Helfen wichtig ist

Wer sich für den Tierschutz engagiert, sollte sich vorher gründlich überlegen, wo genau er mitarbeiten und wie viel Zeit er investieren will, rät Ingeborg Livaditis. Will man sich vor Ort einsetzen, sei es am sinnvollsten, beim Tierheim nachzufragen, ob und welche Hilfe benötigt wird, oder Kontakt mit dem örtlichen Tierschutzverein aufzunehmen.

Will man überregional in einer Organisation mitarbeiten, könne man sich zunächst im Internet über die verschiedenen Gruppen informieren. „Meistens findet man schnell heraus, was einen anspricht.“

Dem Kampf gegen Tierversuche sollte man sich nur widmen, „wenn man in der Lage ist, zwischendurch auf Distanz zu diesem Thema zu gehen“, sagt die Tierschützerin. Denn obwohl hier schon viel erreicht worden sei, „hat man es doch immer wieder mit sehr belastenden Tat sachen zu tun“.⇥be

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11.09.2017, 06:00 Uhr
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