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„Nicht vorschnell das Etikett ,Islam' draufkleben“
Der Historiker Heiner Bielefeldt. Foto: Cornelius Wachinger/Universität Erlangen

„Nicht vorschnell das Etikett ,Islam' draufkleben“

06.04.2018
  • ELISABETH ZOLL

War es Angst vor einer Stigmatisierung? Jedenfalls wurde über Antisemitismus in der Gesellschaft zu wenig gesprochen, meint Heiner Bielefeldt, sechs Jahre lang UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit.

Herr Professor Bielefeldt, handelt es sich beim Antisemitismus um ein generelles Problem oder bringen das muslimische Zuwanderer mit?

Heiner Bielefeldt: Antisemitismus ist ein breites Problemfeld, das die gesamte Gesellschaft angeht, natürlich auch die unter uns lebenden Muslime. Es wäre falsch, das Thema isoliert mit Blick auf eine Personengruppe zu diskutieren, sonst entstehen Schieflagen und neue Klischees.

Wie erklärt sich der Hass auf Juden in der muslimischen Welt?

Vollständig „erklären“ lässt sich Hass nie. Aber offensichtlich spielt der Nahostkonflikt eine herausragende Rolle. Oft sind die Grenzen zwischen Antizionismus und Antisemitismus fließend. Manches bleibt uneindeutig. Antisemitische Stereotypen werden vielfach zwischen den Zeilen transportiert. Manchmal zeigt sich der Antisemitismus weniger an den Inhalten als an einem bestimmten merkwürdigen Zungenschlag in der Israelkritik. Das gilt aber nicht nur für Muslime in den Gesellschaften des Nahen Ostens.

Sondern?

Mir ist das ähnlich auch bei Christen im Nahen Osten begegnet. In einer katholischen Privatschule in Jordanien fragte mich ein Schüler der elften Klasse öffentlich, wie die Deutschen heute zu Hitler stünden. Die Schüler erwarteten von mir eine positive Reaktion, die sie natürlich nicht bekamen. Wohlgemerkt: Dies geschah in einer katholischen Schule. Ein anderes Beispiel: Die schiitische Hisbollah, die den Staat Israel radikal ablehnt und dabei auch mit antisemitischen Klischees spielt, wird von vielen Libanesen als eine heroische Organisation bewundert. Auch unter den libanesischen Christen findet sie teils Zustimmung. Deshalb müssen wir darauf achten, dass wir beim nahöstlichen Antisemitismus nicht allzu schnell das Etikett „Islam“ draufkleben.

Rührt Antisemitismus von aktueller Politik oder hat er tiefere Wurzeln?

Natürlich spielt die aktuelle nahöstliche Politik eine Rolle. Doch nicht allein. Je autoritärer Gesellschaften sind – und nahöstliche Gesellschaften sind oft autoritär verfasst – desto mehr neigen sie zu Verschwörungstheorien. Und Antisemitismus ist im Kern genau das: eine Verschwörungsphantasie. Entstanden sind geschlossen antisemitische Weltbilder zunächst in Europa, vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Man versuchte damals, die unübersichtlich gewordenen Verhältnisse, die Verwerfungen des Kapitalismus, Erfahrungen von Entwurzelung in der modernen Gesellschaft dadurch zu „erklären“, dass man die Juden als heimliche „Strippenzieher“ und Profiteure dahinter vermutete. Antisemitismus ist der Versuch, unsere Welt mit konspirativen Kategorien übersichtlich zu machen.

Mit Religion hat Antisemitismus damit weniger zu tun?

Die Verbindung zur Religion ist eher eine indirekte. Ich will nicht behaupten, dass es sie gar nicht gibt. Antisemitismus tritt auch jenseits religiöser Milieus auf. Bei scharf ideologisierten Bewegungen innerhalb des politischen Islamismus wird die Feindschaft zu Israel teils zum Element programmatischer Identität. Dabei verschwimmt Antizionismus immer wieder mit Antisemitismus. Auch die fehlende öffentliche Auseinandersetzung mit Ursachen und Folgen antisemitischer Vorurteile ist ein Faktor.

Wo sehen Sie Ansätze zur Problemlösung?

Hierzulande gibt es bereits einige islamisch-jüdische Dialogprojekte. Sie sind sehr wichtig. Antisemitismus existiert oft gerade dort, wo es keine Begegnung mit Juden gibt. Das heißt, es gibt „Antisemitismus ohne Juden“. Die Auseinandersetzung mit realen Personen ist das beste Mittel gegen Verschwörungstheorien, die ja immer etwas „Abstraktes“ haben: „Der andere“ wird zur Projektionsfläche irrealer Ängste.

Müssen muslimische Autoritäten stärker in die Pflicht genommen werden?

Es ist hilfreich, wenn anerkannte muslimische Autoritäten vorangehen und antisemitische Übergriffe in aller Deutlichkeit verurteilen. Vielfach geschieht das ja bereits.

Muss die Debatte Folgen für die Integration von Flüchtlingen haben?

Diese dringend notwendige Debatte darf keine Auswirkung auf die Frage der Aufnahme von Flüchtlingen haben, denn diese hängt von Kriegs- und Verfolgungssituationen ab. Aber das Thema Antisemitismus berührt naturgemäß die Integrationspolitik. Hier liegen schwierige Diskussionen noch vor uns. Wir dürfen dem Problem des Antisemitismus, wie er auch unter Muslimen existiert, nicht ausweichen, müssen diese Diskussion aber mit Präzision, in angemessenen Kategorien und ohne Pauschalisierungen führen

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06.04.2018, 06:00 Uhr
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