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Interview mit Jörg Fegert

Nicht unter den Teppich kehren

"Man darf Aufklärung nicht gegen Prävention ausspielen", sagt Jörg Fegert, der ein Forschungsprojekt zu sexuellem Missbrauch leitet. Über Einflussnahme der katholischen Kirche kann er sich nicht beklagen.

11.01.2013
  • ELISABETH ZOLL

Nach dem Abbruch der Missbrauchsstudie hagelt es Kritik an der katholischen Kirche. Sie betreuen auch ein gemeinsames Forschungsprojekt. Ist ihre Arbeit beeinträchtigt?

JÖRG FEGERT: Nein. Herr Pfeiffer hatte einen Vertrag mit der Deutschen Bischofskonferenz. Unser Projekt ist vereinbart zwischen der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, der Erzdiözese München und Freising und der Universität Ulm. Bei unserem internationalen Projekt geht es um E-Learning und um Prävention. Unsere Standorte sind nicht nur in Europa sondern zum Beispiel in Indien, Südamerika, Afrika. Die Deutsche Bischofskonferenz ist kein Vertragspartner.

Das heißt: Ihr Projekt ist über Rom abgesichert und widmet sich der Vorbeugung statt Aufarbeitung.

FEGERT: Ihrem "statt" würde ich widersprechen. Denn es braucht beides. Ich hatte für die unabhängige Beauftragte der Bundesregierung, Frau Dr. Bergmann, die Begleitforschung gemacht. Da ging es um die Sicht der Betroffenen, um Aufklärung und Aufarbeitung dessen was gewesen ist. Das Ziel des vorläufig gescheiterten Projektes halte ich nach wie vor für dringend. Man kann nicht Prävention ausspielen gegen Aufarbeitung.

Es gibt Stimmen - die Bundesjustizministerin Leutheuser-Schnarrenberger ist eine davon - die den Verdacht äußern, dass der Aufklärungswille der Bischöfe nicht allzu ausgeprägt ist. Wie ist da ihre Erfahrung?

FEGERT: Ich kann das nicht einschätzen, weil ich nur unser Projekt überblicke. Bei diesem habe ich ein sehr starkes Engagement erlebt. Insofern denke ich: Verträge werden immer zwischen zwei Partnern geschlossen. Und wenn sich diese im wirklichen Leben trennen, hat auch ganz selten nur einer Schuld. Jetzt möchte ich mir den Verlauf weiter ansehen. Die Bischofskonferenz sagte ja, dass sie das Projekt fortführen will. Ich würde sie da beim Wort nehmen. Katastrophal fände ich, wenn das Ganze unter dem Tisch verschwände. Dann wäre es eine verpasste Chance. Noch zur Zensurfrage. Sie ist aus Sicht der Wissenschaft völlig inakzeptabel. Aber gegen diesen Vorwurf verwehrt sich ja die Bischofskonferenz. Da muss man noch abwarten, was weitere Recherchen ergeben. Ich selbst würde auch nie einen Vertrag akzeptieren, der uns als Universität nicht die Möglichkeit gibt, unsere Ergebnisse zu publizieren.

Gab es bei Ihrem Projekt jemals den Versuch der Einflussnahme?

FEGERT: Wir haben es direkt mit der Erzdiözese München-Freising zu tun, und da gab es solche Versuche überhaupt nicht, wir haben den normalen Standardvertrag unserer Uni-Verwaltung.

Ihre Zwischenbilanz ist positiv?

FEGERT: Ja, ich ziehe ein sehr positives Fazit. Ich bin selbst kein Katholik und ich bin durchaus vorsichtig zunächst in die Zusammenarbeit gegangen. Von der Betroffenenseite habe ich zum Teil auch sehr viel Kritik dafür bekommen, dass ich dieses Programm mit der katholischen Kirche angehe. Doch ich war überzeugt, dass wir Standards setzen und Normen verdeutlichen können und zwar weltweit. Dass wir zeigen können, Missbrauch geht gar nicht. Bisher habe ich da ein sehr gutes Gefühl und wir haben zusammen schon einiges zum Schutz von Kindern erreicht.

Prof. Jörg Michael Fegert ist Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Ulm.

Nicht unter den Teppich kehren
Jörg Fegert sieht seine Kooperation mit der Kirche positiv. Foto: Uni Ulm

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11.01.2013, 12:00 Uhr
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