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Experte Max Zenglein über die Bedeutung Chinas für die deutsche und die Weltwirtschaft

"Nicht ohne Turbulenzen"

Deutschlands Unternehmen wurden vom langen und starken Wirtschaftswachstum Chinas verwöhnt, sagt Experte Max Zenglein. Diese Zeiten seien vorbei - nicht jedoch in wirtschaftlichen Nischen.

21.03.2016
  • HELMUT SCHNEIDER

Warum ist China so wichtig für den Westen und für Deutschland?

MAX ZENGLEIN: Es ist nicht verwunderlich, dass der wirtschaftliche Aufstieg eines Milliardenvolkes mit vielen Hoffnungen verbunden ist. Vor allem für eine Handelsnation wie Deutschland ist China ein Ankermarkt, das belegen alle Wirtschaftsdaten. Einige Unternehmen erwirtschaften nicht selten mehr als ein Drittel ihrer Gewinne hier.

China hat lange die Weltwirtschaft gestützt. Das abgeschwächte Wirtschaftswachstum nährt Zweifel, dass das Land diese Rolle weiter spielen kann. Teilen Sie diese Zweifel?

ZENGLEIN: Die Weltwirtschaft hängt nicht alleine an China. Ein ernstes Problem wäre es, wenn Europa, die USA und China zeitgleich als Wachstumsmotor ausfallen, ohne dass es Ersatz, etwa in Indien, gibt. Exemplarisch hierfür ist, dass Deutschland 2015 trotz des langsameren Wachstums in China insgesamt einen neuen Rekord bei den Exporten erzielt hat.

Ist es denn so dramatisch, wenn Chinas Wirtschaft nur noch 6 Prozent pro Jahr wächst?

ZENGLEIN: Die hohen Wachstumsraten kommen auch daher, dass zu viele Wohnungen gebaut und Überkapazitäten in der Schwerindustrie geschaffen wurden. Es war absehbar, dass sich das Wachstum hier verlangsamen würde. Bis 2020 will die Regierung ein Wachstum von mindestens 6,5 Prozent erzielen. Das ist ambitioniert. Es verdeutlicht aber auch, dass China eben noch keine weit entwickelte Wirtschaft ist. Neben den Vorzeigemetropolen - wie Shanghai oder Peking - sind weite Teile des Landes noch vergleichsweise unterentwickelt.

Wie sehen die Chinesen selber die Entwicklung?

ZENGLEIN: Noch ist die Bevölkerung wenig betroffen. Der Arbeitsmarkt und das Lohnwachstum erweisen sich noch als relativ robust. 2015 stieg das verfügbare Einkommen um 7,4 Prozent. Der Einzelhandel wuchs sogar zweistellig. Die Verunsicherung nimmt aber zu. Erwartungen an das zukünftige Einkommen knickten ein. Zuletzt wurden Massenentlassungen von bis zu 6 Mio. Arbeitern bei staatseigenen Betrieben angekündigt.

Ist es für deutsche Unternehmen schwieriger geworden? Westliche Konzerne mussten oft ein Joint-Venture mit den chinesischen bilden.

ZENGLEIN: Der Joint-Venture-Zwang betrifft nur einige Branchen, wie etwa den Automobilsektor. Im Wesentlichen können ausländische Unternehmen innerhalb der nicht immer einfachen rechtlichen Rahmenbedingungen frei handeln und benötigen keinen chinesischen Partner. Allerdings wird jetzt das politische Umfeld repressiver.

Welches sind die aktuell größten Herausforderungen für deutsche Firmen auf dem chinesischen Markt?

ZENGLEIN: Das lange und starke Wirtschaftswachstum hat die Unternehmen verwöhnt. Sie müssen nun ihre Erwartungshaltungen anpassen. Die Zeiten des einfachen, flächendeckenden Wachstums für Unternehmen sind vorbei.

Wo haben deutsche Unternehmen besonders gute Chancen?

ZENGLEIN: Einige Märkte, insbesondere bei Investitionsgütern wie dem Maschinenbau, sind stärker vom Abschwung betroffen. Mittelfristig besteht aber Aufholbedarf bei modernen Fertigungsanlagen. Andere Bereiche wie Medizin- oder Umwelttechnik, aber auch Konsumgüter bieten weiter gute Chancen.

Was raten Sie dem Mittelständler, von denen es gerade in Baden-Württemberg so viele gibt?

ZENGLEIN: Mittelständler sollten äußerst kritisch prüfen, ob größere Investitionen in Montage, Produktion und Entwicklung in China noch rentabel sein können. Dass die Bereitschaft vieler chinesischer Unternehmen sinkt, in hochpreisige Maschinen zu investieren, wird deutsche Hersteller im Premium-Segment treffen. Manche Branchen des Maschinenbaus, insbesondere Bau- und Werkzeugmaschinen, müssen sich auf ein dauerhaft stark rückläufiges Geschäft in China einstellen. Viele spezialisierte Nischenanbieter in anderen Branchen allerdings werden weiterhin attraktive Absatzmöglichkeiten finden können.

Zuletzt sind Chinas Exporte regelrecht eingebrochen. Ist das ein Alarmsignal?

ZENGLEIN: Der Export hat sich zu einem Unsicherheitsfaktor entwickelt. Die chinesische Führung kämpft derzeit an vielen Fronten, um das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren. Der Export hat aber als Wachstumsmotor ausgedient.

Glauben Sie, dass die politische Führung den Strukturwandel vom Exportland zu einer modernen Volkswirtschaft hinkriegt?

ZENGLEIN: Derzeit versucht die Regierung den Spagat zwischen kurzfristigen Stabilisierungsmaßnahmen und langfristigen Reformen. Je länger die dringend notwendigen Reformen, wie etwa bei maroden staatseigenen Betrieben, aufgeschoben werden, desto schlechter und schwieriger wird es. China wird weiterhin wichtig für die Weltwirtschaft bleiben, ich glaube aber nicht, dass der Strukturwandel frei von Krisen über die Bühne gehen wird. Dafür sind die Herausforderungen viel zu komplex. Chinas wirtschaftlicher Aufstieg wird nicht ohne Turbulenzen verlaufen.

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21.03.2016, 08:30 Uhr
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