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Nicht nur lustig
Wussten, was sie aneinander hatten: Stan Laurel und Oliver Hardy. Foto: Kobal/REX/Shutterstock
Kino

Nicht nur lustig

Laurel & Hardy sind das komischste Paar der Filmgeschichte. Der Romancier John Connolly erzählt von ihrem unschönen Leben jenseits der Leinwand.

13.09.2018
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Ulm. Am Ende des gemeinsamen Wegs, der letzte Lacher ist schon so lange verklungen, sitzt Stan Laurel an Oliver Hardys Totenbett. Schweigend verbringen sie ihre letzten Stunden, und sie beide sind, was sie einst auf der Leinwand waren: zwei Männer, die nur durch ihre Blicke all das mitteilen, was sie empfinden und immer empfunden haben – füreinander. Und dann wird Stan Laurel aufstehen und gehen und nicht mehr aufhören zu weinen.

Die Geschichte des komischsten Leinwandpaars aller Zeiten ist eine oft traurige. Der irische Schriftsteller John Connolly hat sie in einem packenden, preisgekrönten Roman verarbeitet. „Stan“ ist eine biografische Annäherung, erzählt aus der Perspektive des alten Mr. Laurel. Er dämmert in einem Apartment Hotel in Santa Monica dahin, „mit dem Traum von dem, der er war, und der Wirklichkeit dessen, was aus ihm geworden ist“.

Er weiß, er ist einmal berühmt gewesen. Aber nein, richtig ist: „Er und Babe sind einmal berühmt gewesen.“ Babe, das ist Oliver Hardy, und ohne ihn ist er nichts mehr. Vieles von dem, was Laurel & Hardy über ihr Leben erzählt haben, war erfunden. Für die Öffentlichkeit sind sie hinter ihren Rollen verschwunden. Hollywood ist bis heute eine Welt, in der Geschichten so oft erzählt werden, bis sie wahr werden.

Hardy, 1892 in Georgia geboren, machte sich nach wenig glücklicher Kindheit und Jugend auf den mühsamen Weg ins junge Filmgeschäft. Laurel, 1890 in England zur Welt gekommen, stammte aus einer Künstlerfamilie, auch sein Weg war hart und heftig.

Im Schatten Chaplins

Laurel verdingt sich beim Music-Hall-Produzenten Fred Karno, tourt mit ihm in den USA, im Schatten Charlie Chaplins. Laurel wird Augenzeuge bei der Geburt des Tramp, wird selber zur Chaplin-Kopie und damit zunächst „ein Versager als er selbst“. Chaplin – bald der berühmteste Mann der Welt, genial, egoman, mädchenlüstern – wird Laurel stets beschäftigen.

Seine Identität als Darsteller findet Laurel erst, als er mit Hardy zusammenkommt, der sich bis dahin als „lustigster dicker Komiker“ in Filmen herumschlägt, obwohl er ein guter Schauspieler ist. 1921 lernen sie sich kennen, bis zum gemeinsamen Durchbruch vergehen dann doch ein paar weitere zähe Jahre. Sie sind zwei, die den Erfolg auf der Leinwand ersehnen, und sie finden ihn, als sie zu einer Einheit verschmelzen.

Und dann lacht die Welt über den einfältigen, arglosen, weinerlichen Stan und den wichtigtuerischen, aber ebenso trotteligen Ollie, die stets aufs Neue in missliche Situationen geraten. Sie drehen cineastische Perlen wie „The Music Box“ über einen aus dem Ruder laufenden Klaviertransport. Ihre Charaktere, ihr Timing, ihre Destruktions-Orgien, das Durchbrechen der vierten Wand – all das entwickeln sie zu einem virtuos-komischen Spiel.

In einfachen Worten ausgedrückt, auch in den Augen von Erfolgsproduzent Hal Roach, lautet das Rezept so: „Doofheit ist alles. Doofheit und Melonen und schlecht sitzende Anzüge. Blicke in die Kamera. Loyalität und Optimismus und ein riesiger, irriger Glaube an sich selbst. Liebe. Meistens, allerdings, herrscht Dummheit. In der Kunst wie im Leben.“ Laurel selbst wird als kreativer Kopf, vor allem im Schneideraum, perfektionistisch den Mythos miterschaffen.

Aber damit ist auch Laurel & Hardys Schicksal besiegelt: Ihre Leinwand-Figuren dürfen sich nicht verändern. „Der Charakter kann nicht dazulernen, weil Lernen Verändern bedeutet.“ Es ist ein Pakt, den sie geschlossen haben, zum Lohn werden sie Weltstars. Aber muss das auch für das richtige Leben gelten, in dem sie die gleichen Fehler immer und immer wieder machen?

Laurel wird sieben – oder doch acht? – Mal verheiratet sein, mit vier Frauen. Hardy kommt nur auf drei Ehen, aber auch die verlaufen meist fatal. Schwermut und psychische Ausbrüche, Alkoholismus und Wettsucht prägen ihre Privatleben, Juristen verdienen Vermögen an ihnen, die Boulevardpresse hat ein gefundenes Fressen. Unglaublich ist es, wie in den größten Katastrophen, in Kaskaden von Unflat, ein Meisterwerk wie „Way Out West“ (1937) entsteht. In seinen Schilderungen verknüpft John Connolly virtuos Realität und Erfindung, Rollen und Menschen, Gefühle und Projektionen.

Beziehungs-Slapstick

Als der Erfolg schwindet, die Filme schwächer, ja armselig werden, wird besonders Laurel haltloser. In seinem Privatleben ist er unbelehrbar: Beziehungs-Slapstick, könnte man sagen. Und immer, wenn man denkt, schlimmer geht's nicht – oh doch! Einmal heiratet er in Mexiko, obwohl er noch gar nicht geschieden ist. Ein anderes Mal möchte er auf Flitterwochen eine Ex-Frau mitnehmen. Eine Freundin wird ihn beschuldigen, er habe sie lebendig begraben wollen. Laurel & Hardys Anwalt (sie haben den gleichen) wird zum heimlichen Helden, manche Szenen in seinem Büro sind schreiend komisch und furchtbar zugleich.

„Babe war ein Segen, die Frauen waren ein Fluch“, denkt sich Laurel, und es geht weiter bergab. Ein gemeinsamer Trip durch Großbritannien 1947 wird zum späten Triumph, aber es ist ein letztes Hurra. Laurel & Hardy sind irgendwann nur noch zwei abgehalfterte, verarmte, kranke Männer, die so viel bereuen. Denen das Leben entgleitet.

Wenn Laurel spät, 1961, einen Oscar für sein Lebenswerk erhält, vier Jahre nach Hardys Ableben, geht er nicht zur Preisverleihung. Warum? „Babe hätte auch ohne ihn Karriere gemacht, aber er hätte keine ohne Babe gemacht.“ Ohne den symbiotischen Partner verliert er sich: „Babe, ohne dich bin ich nicht mehr ich selbst.“

„Stan“ ist auch das Sittenbild einer rücksichtslosen Filmindustrie, die Menschen verschlingt. Aber vor allem ist das Buch die Geschichte „zweier Existenzen, deren Biografien so eng miteinander verflochten waren wie die Gliedmaßen zweier Liebhaber“. Ja, es ist die Story einer unausgesprochenen Liebe zweier Komiker, Leben und Kunst unentrinnbar verbindend.

Stan Laurel ist nicht zu Oliver Hardys Beerdigung gegangen und er hat, bis zu seinem eigenen Tod 1965, nie dessen Grab besucht. Er wäre nicht imstande gewesen, Babe loszulassen.

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13.09.2018, 06:00 Uhr
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