Kommentar

Nicht mit allen Mitteln

Eine der großen Legenden des Sports in der Bundesrepublik Deutschland erzählt die Geschichte der westdeutschen Sportler, die in den 70 und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ohne verbotene Mittel angetreten seien. Dagegen wurde in der DDR wie im gesamten Ostblock Doping von Staats wegen verordnet. Doch wer den Zwischenbericht der Forschungsgruppe aus Berlin um die Sporthistoriker Giselher Spitzer und Erik Eggers liest, kommt um die Erkenntnis nicht herum: Doping war auch in Westdeutschland jahrzehntelang vom System gestützt. An Universitäten in Köln und Freiburg gab es „nutzungsorientierte Dopingforschung“ – der Zwischenbericht der Forschungsgruppe (die Abschlussarbeit soll Anfang 2012 vorliegen) räumt mit dem Mythos der sauberen westdeutschen Athleten gründlich auf.

07.01.2012

Von Hansjörg Lösel

Warum aber lesen Sie diese Geschichte im TAGBLATT-Regionalsport und nicht im überregionalen Teil? Weil bei der Leichtathletik-Akademie Pliezhausen ein Trainer gelandet ist, dessen Vergangenheit bezeichnend ist für das von oben geduldete Doping in der BRD – und für das kollektive Schweigen bei der Aufarbeitung. Hans-Jörg Kinzel, geboren 1960, war nach dem Examen an der Sporthochschule Köln Trainer beim SC Eintracht Hamm, jahrelang einer der erfolgreichsten Vereine im Frauen-Sprint. Das „Hammer Modell“ lieferte Superzeiten, darunter einen Hallenweltrekord über 4x200 Meter. Doch die Fabelzeiten waren das Ergebnis von Stromba und Anavar, vermännlichenden Steroiden. Eine Anzeige des Heidelberger Doping-Aufklärers Werner Franke brachte die Unhaltbarkeit der Rekorde ans Licht. Das Amtsgericht Hamm verurteilte den Cheftrainer Jochen Spilker und Assistent Kinzel 1994 zu Geldstrafen wegen Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz. Kinzel, dessen Ehefrau in der Staffel startete, beteiligte sich an der Aufklärung, schilderte als Kronzeuge Einzelheiten. Von Verbandsseite sei signalisiert worden, dass Medaillen und schnelle Zeiten erwünscht seien – wie diese Ziele erreicht werden könnten, interessierte nicht weiter, solange keine positiven Proben vorlagen. Spilker dagegen, der im „Hammer Modell“ die übergeordnete Rolle innehatte, schwieg eisern im gesamten Prozess, und so hielt es der Anwalt auch weiterhin. Was ihm die Funktionärs-Kollegen dankten: Spilker stieg später auf bis zum Vizepräsidenten des Landessportbundes in Thüringen.

Kinzel dagegen, der auch im Spiegel über die Doping-Praktiken in Hamm auspackte, war in der Leichtathletik-Szene nicht mehr erwünscht und stand vor einem Scherbenhaufen: Die Ehe war in die Brüche gegangen, beruflich war der Trainer blockiert. Dennoch engagierte sich Kinzel an der Seite von Franke im Kampf gegen Doping. Diese Geradlinigkeit schätzt Ulrich Metzger, der Vorsitzende des Leichtathletik-Vereins Pliezhausen, denn: „Wir wollen unseren Kindern Werte vermitteln.“ Jeder habe „eine zweite Chance im Leben“ verdient, und deshalb sei Kinzel der richtige Mann für die Arbeit mit dem Nachwuchs in der Leichtathletik-Akademie. Trotz seiner Doping-Vergangenheit, oder vielleicht sogar gerade deswegen. „Schulen, die Drogen-Aufklärung machen, laden ja auch oft Ex-Junkies ein“, sagt Metzger. Die zerstörerische Kraft des Dopings kenne niemand besser als ein früherer Betroffener. Die Leichtathletik-Akademie und der neu gegründete LV Pliezhausen sind gewissermaßen ein Gegen-Entwurf zum „Hammer Modell“. Vereins-Chef Metzger: „Unsere Philosophie ist, alles Erdenkliche für den Erfolg zu tun – aber nicht mit allen Mitteln.“ Jeder Top-Athlet in Pliezhausen hat eine Anti-Doping-Erklärung unterschrieben. Freiwillig, der Verband verlangt dies nicht.

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Erstellt:
7. Januar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Januar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Januar 2012, 12:00 Uhr

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