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Soziales

Nicht alle Jugendämter sind rund um die Uhr erreichbar

Wenn Kinder zu ihrem Schutz aus der Familie genommen werden, muss es schnell gehen. Manche Landkreise sind darauf nicht entsprechend vorbereitet.

30.10.2018

Von JENS SCHMITZ

Foto: suriyachan/Shutterstock.com

Stuttgart. Im Krisenfall sind nicht alle Jugendämter im Land zuverlässig rund um die Uhr erreichbar. Das legen Antworten auf eine Landtags-Anfrage nahe, die unserer Zeitung vorliegen.

Wenn Kindern Gefahr für Leib und Leben droht und Eltern nicht kooperieren, spielt das Jugendamt eine zentrale Rolle: Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten können regulär nämlich nur seine Mitarbeiter eine Inobhutnahme anordnen. Umso wichtiger ist es, dass etwa die Polizei sie auch außerhalb von normalen Bürozeiten erreicht.

Die meisten Kreise in Baden-Württemberg kommen dieser Verpflichtung durch Rufbereitschaft von Fachkräften nach, die in kurzer Zeit einsatzbereit sind. Mancherorts kommen noch Profis im so genannten Hintergrunddienst dazu, mit denen sich Wachhabende in schwierigen Fällen abstimmen.

Offenbar können sich Minderjährige aber nicht überall auf die gleichen Standards verlassen. „Die Wahrnehmung der Schutzverpflichtung muss durch die Jugendämter zu allen Tages- und Nachtzeiten gewährleistet sein“, stellt Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) in seiner Antwort auf eine SPD-Anfrage zwar fest. Eine Anlage, die Rückmeldungen von 32 Jugendämtern zusammenfasst, belegt aber sehr unterschiedliche Interpretationen. Dass in der Stadt Karlsruhe donnerstags zwischen Dienstschluss und Rufbereitschaft eine halbe Stunde verstreicht, gehört noch zu den kleineren Lücken im Vergleich der Landkreise.

So gibt es beim Landratsamt Emmendingen zwar ein Bereitschafts-Mobiltelefon, dessen Nummer der Polizei bekannt ist. „Die Zeit zwischen 22 Uhr und 7 Uhr ist aber nicht verbindlich“, heißt es dazu. „Es wird gewährleistet, dass das Mobiltelefon regelmäßig auf eingegangene Anrufe überprüft wird.“ Ob das im Fünf-Minuten-Takt geschieht oder regelmäßig beim Aufstehen, bleibt unklar.

In der Stadt Villingen-Schwenningen gibt es gar kein Bereitschaftshandy. Dort liegen den Ordnungshütern die privaten Rufnummern aller Fachkräfte vor. Ob jemand abnimmt, ist offenbar Glückssache: „Die Polizei versucht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter telefonisch zu erreichen“, heißt es zu Krisen außerhalb der Bürozeit. Das gleiche Modell praktiziert das Jugendamt in Ulm.

Im Landkreis Ravensburg unterhalten die Leitungskräfte eine „freiwillige Rufbereitschaft“. Bei Gefahr könne die Polizei Minderjährige „selbstständig“ in einer Jugendhilfeeinrichtung unterbringen, erklärt die Behörde ansonsten – das Polizeigesetz ermöglicht bei unmittelbarer Gefahr ein vorläufiges „Tätigwerden für andere Stellen“. Das Landratsamt Konstanz hat den Beamten überhaupt nur die Kontaktdaten einer freien Inobhutnahme-Einrichtung hinterlegt.

Stadt Ulm arbeitet an Lösung

Die Stadt Konstanz hat ein eigenes Jugendamt, das über ein professionelles Notrufsystem verfügt. Im Kreis will man sich daran jetzt offenbar ein Beispiel nehmen: Zum 1. November soll dort eine Jugendamts-Rufbereitschaft eingerichtet werden, „vorbehaltlich der Zustimmung durch den Personalrat“. Auch Villingen-Schwenningen will noch in diesem Jahr eine professionelle Lösung einführen. In Ulm heißt es, eine „Weiterentwicklung“ werde „derzeit erarbeitet“.

Der Landkreis Esslingen hat Rufbereitschaftszeiten aufgelistet, die von 2019 an gelten sollen. Welche Bedingungen aktuell herrschen, wird nicht ausgeführt. Zu 14 der 46 Jugendämter im Land hat Lucha gar keine Antwort erhalten. Nichtsdestotrotz kommt das Sozialministerium zu dem Schluss: „Die Jugendämter in Baden-Württemberg haben sichergestellt, dass deren Fachkräfte auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten der Verwaltungen erreichbar sind, die Ausgestaltung ist örtlich aber unterschiedlich.“ Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärte ein Sprecher, der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) habe bestätigt, „dass an sämtlichen Jugendämtern entsprechende Regelungen bestehen“.

Die Emmendinger SPD-Abgeordnete Sabine Wölfle sieht das nicht so. „Der Verweis auf die Polizei oder auf Jugendhilfeeinrichtungen freier Träger ist nicht zulässig“, rügt die Initiatorin der Anfrage. Das Sozialministerium müsse rasch verlässliche Regelungen einfordern. Über den Sozialausschuss will Wölfle auch Auskunft über diejenigen Kreise einholen, die in der Antwort der Landesregierung nicht vorkommen.

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Erstellt:
30. Oktober 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Oktober 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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