Musik gegen Rassismus, für Courage

Neun Bands haben es ins Finale für den Lilli-Zapf-Jugendpreis geschafft

„Lilli 4 q-rage“ heißt es Mittwochabend im Landestheater. Denn am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, entscheidet sich, welche Band den Lilli-Zapf-Jugendpreis bekommt. FLUGPLATZ stellt die Musiker vor, die es ins Finale geschafft haben. In ihren Songs wenden sie sich gegen Rassismus und Intoleranz.

26.01.2010

„No Prejudice“ wünscht sich das HSI-Project

"No Prejudice" – kein Vorurteil – heißt der Song, mit dem sich die acht Mädchen und drei Jungen des HHSI-Projects der Hauptschule Innenstadt für den diesjährigen Lilli-Zapf-Jugendpreis bewerben. Sie kommen aus zehn verschiedenen Nationen und singen seit mehr als sieben Jahren unter der Leitung von Hans Weiblen und Katrin Marx selbstgeschriebene Lieder gegen Rassismus, Gewalt und Krieg und für Respekt und Toleranz. Mit ihren HipHop- und Pop-Stücken erfreuen sich die Zwölf- bis 16-Jährigen nicht nur in Tübingen großer Bekanntheit, sondern durften sogar schon vor Bundespräsident Horst Köhler in Berlin auftreten. In ihrem Lied „No Prejudice“ geht es darum, dass Menschen jeglicher Herkunft und Religion Achtung und Respekt verdienen. So heißt es im Rapteil des Stückes: „Du bist nicht anders, nur weil du anders aussiehst. Du bist nicht schlecht, nur weil du anders denkst.“ Diese Botschaft versuchen sie nicht nur in ihren Liedern zu übermitteln, sondern selbst als Vorbilder für ihre Mitschüler zu leben.

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„Respect the People“ fordern die Musiker von Jamplitude.

Jamplitude ist eine Jugendband unter der Leitung der Musikschule Jamclub, die seit knapp einem Jahr zusammen Musik macht. Sie besteht aus sieben Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren, zwei Mädchen und fünf Jungen. Ihr Repertoire umfasst mehrere Musikstile wie Soul, Reggae oder Rock. Sie spielen aktuelle Songs, die sie aber auch selbst interpretieren. Außerdem komponieren sie selbst. Instrumental ist die Band sehr abwechslungsreich: Von Saxophon über Trompete, Klavier, Schlagzeug und Gitarre bis hin zum Gesang ist alles mit dabei. Die Band hat auch schon Bühnenerfahrungen in Tübinger Clubs gesammelt. Ihr Song mit dem Titel „Respect the People“ hat eine klare Botschaft. Sie sprechen sich einerseits klar gegen Ausgrenzung jeglicher Art aus, sei es wegen der Hautfarbe, der Religion oder des Aussehens, und appellieren andererseits an das Selbstbewusstsein jedes Einzelnen. „„Egal ob schwarz oder weiß, groß oder klein, dick oder dünn, das heißt doch nicht, anders zu sein.“

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Die Rapgruppe Reimreich gründete sich im Herbst 2006. Mit einfachen Aufnahmen fingen Florian Nädele und Martin Labacher an, nun haben sie sich zum recht professionellen Produzieren und Aufnehmen vorgearbeitet. 2008 veröffentlichten sie ihr erstes Album: „Wenn dann richtig“. Es wurde im Freundeskreis, aber auch auf Festivals und Konzerten verteilt. 2009 erschien das Album „Desoxyribonukleinsäure“. Auch 2009 waren sie beim „Rockt den Acker“-Festival in Dußlingen der Opener. Rapper wie Kaas und Tua empfehlen Reimreich als Nachwuchstalent. Die Philosophie des Rap-Duos: Grenzenlose Musik machen und Klischees zerstören. Ein Zitat untermauert dies: „Ich bin der Grund, dass man sich bald nicht mehr schämen muss, wenn man sagt, dass man Rapmusik hört!“ Florians und Martins Kunst ist übrigens nicht nur hör-, sondern auch sichtbar: Die Jugendlichen sind zugleich Graffiti-Sprayer, auch ihren Bandnamen haben sie schon als Schriftzug umgesetzt.

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Die seit rund drei Jahren existierende Rockband Sloth besteht aus vier Musikern, deren Motto „Nimm das Leben nicht zu ernst, du kommst da eh nicht lebend raus“ die Haltung der 18-Jährigen ganz gut beschreibt. Die Besetzung der Band blieb gleich, mit Ausnahme der Sängerin, deren Vorgängerin die Gruppe aus gesundheitlichen Gründen verlassen musste. Felix (Drums) und Jonas (Bass) kannten sich aus der Schule und holten dann Elias (Gitarre), Matze (Gitarre) und später auch Edina (Sängerin) hinzu. „Gitarristen sind eh faul, Drummer kann man durch ein Metronom ersetzen, und selbst ein Kühlschrank im Proberaum ist wichtiger als ein Bassist. Schließlich sind wir alle austauschbar.“ So beschreibt Jonas Maier die Band. „Zum Namen gibt?s eigentlich auch nicht viel zu sagen. Sloth heißt Faultier. Passt.“ Zwei Auftritte beim Tübinger Stadtfest und einen in Kirchentellinsfurt hatten sie schon. Mit ihrer neuen Rockballade „Never Looked up“ spricht die Band die (nicht vorhandene) Zivilcourage der heutigen Jugend an. Mit anspruchsvollem Gesang und guten Musikeinlagen verbunden, brachte es die Band „Sloth“ nun bis zum Finale des Lilli-Zapf Jugendpreises.

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Die Rockband Bikinis macht schon seit sechs Jahren zusammen Musik.

Die Bikinis sind eine Tübinger Rockband. Diese besteht aus einer Sängerin und Keyboarderin – Johanna Sauter – und vier männlichen Musikern: Valentin Riegger (Gitarre und Gesang), Freddy Liggesmeyer (Gitarre), Luca Wettemann (Drums) und Dario Koschnik (Bass). In ihrem Lied „Stadtattraktion“ geht es um die Obdachlosen und psychisch Kranken in Tübingen. Der Text kritisiert den Ausschluss von Obdachlosen in unserer Gesellschaft. Im Song wird von der Schönheit Tübingens und den japanischen Touristen gesprochen. Im Gegensatz dazu stehen viele Menschen ohne Wohnsitz, für die anscheinend kein Geld mehr da ist. Die Bikinis wünschen sich, dass auch die Ärmsten unserer Gesellschaft eine Chance auf ein angenehmeres Leben bekommen. Die Bandmitglieder sind zwischen 14 und 15 Jahre alt und spielen bereits seit sechs Jahren zusammen. Anfangs coverten sie oft Stücke, mittlerweile haben sie angefangen, auch eigene Texte zu schreiben. Die Band hatte schon rund 25 Auftritte – bei kleineren Veranstaltungen wie dem Fest im Französischen Viertel bis hin zu größeren Festivals wie dem Musikfest in Würzburg im Jahr 2007.

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Lil Game will nicht wegschauen.

Hinter dem Künstlernamen Lil Game verbirgt sich Cem Özgur aus Bodelshausen. „Ich Seh“ heißt der HipHop-Song, mit dem er sich nun um den Lilli-Zapf-Jugendpreis bewirbt – ein Lied, das ins Ohr geht. Vor allem ist der Text sehr gesellschaftskritisch. Lil Game beschreibt, was er tagtäglich sehen muss, und prangert an, was im Moment in unserer Gesellschaft gewaltig schief geht. Der Musiker kritisiert die Wegschau-Gesellschaft, obwohl er in dem Song nicht nur Schlechtes rüberbringen möchte. Er will den Leuten zeigen, was alles auf der Welt los ist. Hinterlegt ist das Ganze mit einem eingängigen Sound. Seinen Künstlernamen hat ihm ein Kumpel vorgeschlagen, und da Cem das Leben als Spiel sieht, fand er das passend. Seiner Meinung nach hat jedes Spiel seinen Sinn und sein Ziel. Lil Game hat schon im Epplehaus, beim HipHop-Jam in Mössingen oder beim Ract-Festival gespielt. Seine anderen Songs sind teilweise auch politisch. Er macht beim Bandwettbewerb mit, weil er den Leuten eine Message vermitteln will und ihnen endlich die Augen öffnen. Außerdem glaubt er, dass der Lilli-Zapf-Jugendpreis eine gute Sache ist. Obwohl Lil Game erst 14 Jahre alt ist, rappt er bereits seit vier Jahren und ist sogar auf der Internet-Plattform Myspace vertreten.

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Black Flow & Edu MC sind zwei Rapper im Alter von 16 und 17 Jahren. Sie machen seit gut einem Jahr zusammen Musik. „Black Flow“, auch Adarius Pierre genannt, ist schon gut in der Tübinger HipHop-Szene bekannt. „Edu MC“, Diego Fernandez, kam vor zwei Jahren aus Venezuela nach Tübingen und hat dort auch einige Erfahrungen in Sachen HipHop gesammelt. Beide standen schon bei den Tübinger HipHop-Tagen zu zweit auf der Bühne. Ihr Song, der aus zwei Teilen besteht, einem deutschen und einem spanischen, trägt den Titel „2 Aspekte“. Er handelt einerseits von Rassismus, der speziell von Neonazis ausgeht, also beispielsweise die Diskriminierung von Ausländern, und andererseits von Respekt im Allgemeinen, der allen Menschen entgegengebracht werden sollte. Außerdem sind sie der Meinung, dass Rassismus im Alltag immer präsent ist und jeder Mensch die Tendenz hat, rassistisch zu handeln. „Ob schwarz ob weiß, irgendwo ist jeder ein Rassist, ob du voller Liebe oder voller Hass bist.“

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Mit seinem Song „Kein Respekt“ will der Rapper Ron Abel Steven, genannt S.R.A, den in der Politik geduldeten Rassismus, ausgedrückt durch Nazitum und Ausländerfeindlichkeit, angreifen. S.R.A ist im März 1992 in Tübingen geboren und rappt mittlerweile schon seit fast sieben Jahren. Er kritisiert nicht nur die Informationspolitik der Nachrichten, sondern auch gezielt Personen wie Angela Merkel. Die von ihm performten Texte schreibt Ron Abel selbst. Er kreidet außerdem an, dass man ohne Geld kaum Chancen hat und dass weniger gebildete Menschen in Deutschland kaum Beachtung bekommen, obgleich sie wichtig für die Gesellschaft sind. Mit seinen deutschen Texten weißt er darauf hin, dass Ausländer genauso viel Respekt bekommen sollten wie Deutsche und dass man für Gleichberechtigung und Integration kämpfen sollte, statt den Neonazis hier in Deutschland Platz zu machen.

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Sick und Kabu erzählen in ihrem Song, wohin Rassismus führt.

Sick und Kabu – eigentlich Omar (Geschwister-Scholl-Schule) und Kasper (Mathilde-Weber-Schule) – bewerben sich mit dem Rap „Wohin Rassismus führt“ für den Lilli-Zapf-Preis. Die beiden 17-jährigen Jungen sind gute Freunde und machen seit etwa vier Jahren Musik. Als sie von der Ausschreibung erfuhren, entschlossen sie sich, gemeinsam ein HipHop-Stück über Rassismus zu verfassen und es im Epple-Haus aufzunehmen. „Es sollte nicht so ein 0815-Text werden, so einer, wie jeder ihn schreibt“, sagt Sick über ihr Lied. Deswegen rappen sie nicht schlicht über Rassismus, sondern erzählen stattdessen die Geschichte von zwei Jungen, gute Freunde unterschiedlicher Herkunft wie auch Sick und Kabu, die sich im Laufe der Zeit auseinanderleben und als Angehörige zweier rivalisierender Gangs wieder aufeinandertreffen. Einer von ihnen wird dabei tödlich getroffen, und so soll dem Zuhörer ein möglicher Weg gezeigt werden, den Rassismus einschlagen kann.

Beat Seemann, 17
Jonathan Derin, 14
Julian Herkommer, 18
Lennart Reinfandt, 14
Natalie Pfaff, 18
Sarah Arewa, 19
Privatbilder

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Erstellt:
26. Januar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2010, 12:00 Uhr

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