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Analyse

Neues deutsches Unbehagen

Immigration und nationale Identität: An diesen Faktoren entscheidet sich die Zukunft der Bundesrepublik, findet der britische „Economist“ – auch wenn das Land offener geworden sei.

13.04.2018
  • ELLEN HASENKAMP

London/Berlin. Sie heißen Flüchtlinge mit Teddybären und Decken willkommen – und wählen AfD. Ihr Wirtschaftsboom scheint endlos, doch die Globalisierung macht sie nervös. Hochzeiten feiern sie seltener, aber Heimat wird wieder groß geschrieben. „Die neuen Deutschen“ nennt der „Economist“ dieses Volk voller Widersprüche. Das britische Traditionsblatt mit Millionenauflage, eine Art Meinungsbibel der globalen Wirtschaftseliten, sieht ein Land im Umbruch.

Der Titel des jetzt vorgelegten „Special Report“ ist angelehnt an das Buch des deutschen Forscherpaares Marina und Herfried Münkler. Der Politikwissenschaftler und die Literaturwissenschaftlerin veröffentlichten vor zwei Jahren eine Streitschrift zu den Folgen der Flüchtlingskrise.

„Informeller, offener und unterschiedlicher“ ist dieses neue Deutschland, analysiert der „Economist“ nun. Geschrieben hat den zwölfseitigen Bericht Jeremy Cliffe, Leiter des Berliner Büros des Magazins. Für seine Analyse schaute sich Cliffe den Streit um die Tafel in Essen an und besuchte ein Dorf im Hunsrück. Er sprach mit Imamen und Bürgermeistern, besichtigte Autowerkstätten und Start-Ups. Überall traf er auf das, was die zum vierten Mal gewählte und seit über zwölf Jahren regierende Kanzlerin selbst in ihrer Rede auf dem CDU-Parteitag „Unbehagen“ genannt hatte.

Das deutsche Unbehagen hat aus Sicht des Briten Cliffe viele Gründe: Natürlich nennt auch er die Flüchtlingskrise mit all ihren Folgen. Es geht aber auch um den Zustand und die Zukunft der Wirtschaft und Deutschlands Rolle in der Welt. Fünf Felder blättert der Journalist auf: Da ist zum einen die Politik: Aus dem Vier-Parteien-System der alten Bundesrepublik ist inzwischen ein Parlament mit Abgeordneten aus sieben Parteien geworden. Den „Grenzen dicht“-Rufern der AfD sitzen die „Kosmopoliten“ der Grünen gegenüber. Entschieden wird der Kampf um die Wähler nach Ansicht des „Economist“ aber nicht zwischen diesen Polen, sondern auf dem „sumpfigen Gelände“ des Dazwischen, wo sich die tummeln, die „ja, aber“ sagen.

Beleuchtet wird zudem, was Heimat bedeuten kann in einem Land, das sich allmählich an den Gedanken gewöhnt, Einwanderungsland zu sein. In Leipzig besichtigt Cliffe das Problem steigender Mieten und sozialer Spaltung. Und er macht sich Gedanken über die Zukunft der deutschen Wirtschaft, deren Stärke wie vor 100 Jahren auf Autos, Chemie und Maschinenbau beruhe. Verstanden habe Deutschland den nötigen Wandel, vollzogen sei er längst nicht. Und dann ist da noch die globale Bühne: Dem Land fehle es nicht nur an Panzern, sondern auch am Willen zum Mitmischen.

Die Analysen des „Economist“ haben Tradition. Vor fast 20 Jahren wurde sein Urteil über Deutschland als „krankem Mann“ Europas zum geflügelten Wort. Dann wandelte sich das Bild: Im Februar 2006 wurde gar ein Hauch von Begeisterung spürbar: „Waiting for a Wunder“, schrieb das Magazin.

Ein Wunder kam dann auch: Deutschland erlebte sein Sommermärchen, das nicht nur die Fußballfans begeisterte. Aus Autofenstern und von Balkongittern wehten plötzlich die Deutschlandfahnen, was nicht einmal im Ausland mehr ernsthafte Sorgen auslöste.

Die Bewunderung hielt an, das Unverständnis aber auch. Im Juni 2013 blinzelte ein schüchterner Bundesadler hinter vorgehaltenen Federn vom Titelbild des „Economist“. Der „widerwillige Hegemon“ hieß die Geschichte. Lob gab es für ein Deutschland, das schneller und besser aus der Finanzkrise herausgekommen war als alle anderen großen Industrienationen. Doch die Weigerung Merkels und ihres Landes, mit strategischen Visionen und umfangreichen Investitionen auf die Euro-Krise zu reagieren, stieß auf Kritik. Die politische Bescheidenheit des Riesen in der Mitte Europas galt als Mangel, nicht als Tugend.

Nun also die „neuen Deutschen“. Die bereits 2013 vorhergesagten Einwanderer sind da – nur kamen sie nicht als Antwort auf Stellenanzeigen, sondern als Flüchtlinge. „Immigration und nationale Identität“, schreibt der „Economist“, sind die beiden Faktoren, an denen sich vieles entscheiden wird im künftigen Deutschland: Für oder gegen eine offenere Gesellschaft.

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13.04.2018, 06:00 Uhr
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