Kohle für die Energiewende

Neues Kraftwerk in Karlsruhe wird eröffnet - Start in ungewisse Zukunft

Das neue Kohlekraftwerk der ENBW in Karlsruhe gehört zu den modernsten der Welt. Doch wie lange sein Betrieb mit der Energiewende vereinbar ist, ist offen. Am 11. Oktober wird erst einmal gefeiert.

02.09.2014

Von PETER ZSCHUNKE, DPA

Karlsruhe Zwischen den Schornsteinen kreisen die Turmfalken, vor dem Transformator blühen rosa Malven. Fast idyllisch schmiegt sich das Rheinhafen-Dampfkraftwerk (RDK) des Versorgers ENBW in die Uferlandschaft. Vom Dach des rund 120 Meter hohen Kesselhauses weitet sich der Blick bis hinüber zu den Vogesen in Frankreich. Der Blick in die ungewisse Zukunft der Energiebranche stößt dagegen schneller an Grenzen.

"Für die Mitarbeiter ist die Situation schwierig", sagt Kraftwerksleiter Joachim Manns. "Sie bekommen die öffentliche Diskussion über Kohlekraftwerke mit und merken, dass unsere Budgets reduziert werden. Da fragen sie sich natürlich, ob ihr Arbeitsplatz eine Zukunft hat." Zurzeit hat das RDK 270 Beschäftigte - in den 1980er Jahren waren es einmal mehr als 600.

Mit dem gewaltigen Block 8 - eine Investition von 1,3 Milliarden Euro - hat das Karlsruher Kraftwerk im Mai die modernste Anlage ihrer Art in Betrieb genommen. Am 11. Oktober lädt das Kraftwerk zum Eröffnungsfest und einem Tag der offenen Tür.

"Mit einem Nettowirkungsgrad von 46 Prozent halten wir den Weltrekord bei Steinkohlekraftwerken", sagt Physiker Manns. Stolz zeigt er auf die Rohre an der Kesselwand mit einer Gesamtlänge von 700 Kilometern, in denen der Wasserdampf für die Rotation der Turbinen erzeugt wird.

Der seit 1985 bestehende Block 7 hatte im vergangenen Jahr 6700 Volllaststunden - das Kraftwerk lief somit zu 76,5 Prozent der gesamten Zeit, bei einer Leistung von 550 Megawatt. Zu Block 8 mit einer Leistung von 912 Megawatt gibt es noch keine genauen Angaben der Betriebszeit. Aber für Manns steht fest, dass Kohlekraftwerke von Jahr zu Jahr weniger Strom produzieren werden.

"Die Einsatzweise und Aufgabe von konventionellen Kraftwerken wandelt sich", erklärt er. "Es wird künftig immer mehr darum gehen, die Anlage dem Markt zur Verfügung zu stellen - und nicht darum, sie die ganze Zeit voll laufen zu lassen." Die Herausforderung bestehe darin, die Anlagen jederzeit verfügbar zu halten, wenn sie gebraucht werden.

Technisch sei das eine anspruchsvollere Aufgabe als bisher. Meist kann man beim Blick auf das Kraftwerk schon erkennen, ob gerade Strom produziert wird: Aus dem Schornstein von Block 7 steigt eine kleine weiße Wolke, Block 8 befindet sich gerade in Revision. Dennoch ist die Warte ständig besetzt. Die fünf Kraftwerker einer Schicht haben 21 Monitore im Blick, die alle relevanten Daten zur Leittechnik liefern. Die Arbeiter haben auch dann zu tun, wenn ein Kraftwerk nicht läuft.

"Um eine Anlage ständig für die Stromproduktion bereitzuhalten, müssen weiter Pumpen in Betrieb gehalten, Öl gewechselt und Wartungsabläufe eingehalten werden", erklärt Manns beim Rundgang über das Gelände. Es sei aber schon eine große Herausforderung, die Mitarbeiter motiviert zu halten, damit sie auch dann voll dabei seien, wenn nicht produziert werde.

Wenn eine Anlage völlig außer Betrieb genommen werde, könne sie nach ein paar Monaten nicht mehr kurzfristig zum Laufen gebracht werden. Das ist bei den alten RDK-Blöcken 5 und 6 der Fall. Block 4, ein Gas- und Dampfkraftwerk, hat heute noch etwa 100 bis 200 Betriebsstunden im Jahr. Die Gebäude der ersten drei Blöcke - der erste nahm 1955 den Betrieb auf - werden derzeit nur noch als Lagerhalle genutzt.

Zukunft ist relativ. "Kohlekraftwerke weiter vorzuhalten, ist nichts anderes als eine Versicherung für die Energiewende", sagt Manns. Diese führe zur Dezentralisierung der Stromproduktion. "Aber so weit sind wir noch nicht, wir brauchen noch die großen Kraftwerke", erklärt er. Regenerative Energien wie Wind, Sonne und Wasser könnten den Strombedarf in absehbarer Zukunft nicht vollständig decken.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kohle an der Stromerzeugung in Deutschland sogar gestiegen - seit 2010 von 41,5 auf 45,5 Prozent. In Karlsruhe durchlaufen die Emissionen aus dem Kesselhaus auf dem Weg zum Schornstein einen aufwendigen Reinigungsstrang mit Elektrofilter und Rauchgasentschwefelung.

"Es stellt sich nicht die Frage, ob Kraftwerke aus dem Markt gehen, sondern welche", betont die Umweltschutzorganisation BUND. Sie forderte am Freitag die Abschaltung von 24 alten Braunkohleblöcken, zumeist in Nordrhein-Westfalen, bis 2020. Besonders effiziente Steinkohlekraftwerke wie RDK 8 aber könnten in einer Übergangszeit bis 2030 in Betrieb bleiben, so der BUND.

Die Leitwarte des Rheinhafen-Dampfkraftwerks RDK 8 in Karlsruhe: Mit dem Block 8 hat das Steinkohlekraftwerk im Mai 2014 die modernste Anlage ihrer Art in Betrieb genommen. Foto: dpa

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Erstellt:
2. September 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. September 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. September 2014, 12:00 Uhr

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