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Ein besseres Image für den Hausarztberuf

Neues Institut soll über die Versorgung von Patienten forschen

Montags und freitags ist Stefanie Joos Hausärztin in einer Praxis in Karlsruhe. An den anderen Tagen ist sie Leiterin des neu gegründeten Instituts für Allgemeinmedizin und Professorin an der Uni Tübingen. Ihr Ziel ist, dass das Fach „Allgemeinmedizin unter den Studierenden ein besseres Image bekommt“.

15.04.2015

Von Angelika Bachmann

Tübingen.Unter Medizinstudenten gilt der Hausarztberuf seit Jahren als unattraktiv. Von den 160 Absolventen des letzten Jahrgangs in Tübingen interessierten sich nicht einmal zehn für die Allgemeinmedizin. In den Jahren davor waren es noch weniger, berichtete der Dekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Ingo Autenrieth bei der gestrigen Pressekonferenz am Uni-Klinikum.

Mit zunehmendem Ärztemangel wurde das Image dieses Berufs auch nicht gerade besser. Was erwartet einen Studenten, der Hausarzt wird? Überfüllte Praxen? Häufige Notdienste? Und dafür im Vergleich zu den Fachärzten schlechte Bezahlung?

Dem Negativimage hält Prof. Stefanie Joos entgegen, was den Beruf für sie spannend und menschlich gleichermaßen macht. Man müsse als Allgemeinmediziner die ganze Breite der Medizin kennen und gleichzeitig in der Lage sein, sich auf den Patienten als Menschen einzulassen. In vielen Gesprächen zwischen Arzt und Patient gehe es auch um psychosoziale Anlässe, die sich in Krankheiten und Beschwerden manifestieren. „Es ist ein sehr anspruchsvolles Tätigkeitsfeld“, sagte Joos.

Die 45-Jährige will ihre Arbeit in einer Hausarztpraxis in Karlsruhe nicht missen. Auch mit ihrer Berufung auf die Professur in Tübingen wird sie zwei Tage in der Woche dort arbeiten. So behalte sie den Kontakt zum Alltag eines Arztes, erklärt Joos. Davon profitieren auch die Medizin-Studenten in Tübingen, denen sie auf diese Weise Fälle aus der Praxis nahebringen kann.

Die Allgemeinmedizin spielte im Medizinstudium lange eine nachgeordnete Rolle. „Zu meiner Studienzeit war das kein Thema“, berichtete etwa Dekan Autenrieth. Das soll sich nun ändern. Der neue Lehrplan misst der Allgemeinmedizin im Laufe des Studiums mehr Bedeutung zu.

Am Uni-Klinikum hat das dazu geführt, dass man eine schon länger augenscheinliche Lücke gefüllt hat. Zwar gab es im Lehrplan die Allgemeinmedizin – aber keinen Lehrstuhl. „Wir haben etwa 30 Professuren die irgendetwas mit ,Neuro? im Namen haben“, sagte Autenrieth. Aber die Professur für Allgemeinmedizin wurde jetzt erst geschaffen. Zuvor wurde dieser Lehrbereich von dem Pfullinger Hausarzt Prof. Gernot Lorenz betreut.

Hausärzte müssen gut

organisieren können

Mit Stefanie Joos hat die Universität eine Medizinerin auf diese Stelle berufen, die als Allgemeinmedizinerin praktisch und wissenschaftlich gearbeitet hat. Zuletzt war Joos stellvertretende Leiterin der Abteilung Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg und wissenschaftliche Leiterin des Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin Baden-Württemberg.

Das neu geschaffene Tübinger Institut für Allgemeinmedizin soll ein wichtiges Bindeglied zwischen den niedergelassenen Ärzten und dem Uni-Klinikum sein, sagte Klinikums-Chef Michael Bamberg. Die Studenten, die dort ausgebildet werden, sollen gut vorbereitet werden auf die Lotsenfunktion, die sie für Patienten haben werden.

Was kann der Hausarzt selbst behandeln? Wo ist es notwendig, an Fachärzte oder Kliniken weiterzuleiten. Wie kann die Zusammenarbeit mit Physiotherapeuten oder Pflegediensten verbessert werden? „Man muss als Hausarzt gut organisieren können“, sagte Joos. Andererseits weiß die 45-Jährige aus ihrer eigenen Erfahrung mit der Komplexität und den Zwängen im hiesigen Gesundheitssystem: „Die Koordinierungsfunktion, die man gerne ausfüllen würde, wird einem abartig schwer gemacht.“

Neben der Ausbildung der künftigen Ärzte soll das Institut auch eine wichtige Funktion in der Weiterbildung für Hausärzte der Region einnehmen und ein Art Kontaktstelle sein. Gedacht wird dabei zum Beispiel an Fortbildungen, die „industriefrei“ sind, wie Joos sagte, also nicht von Pharmafirmen gesponsert werden. Auch Schulungstage und Seminare („Wie führe ich eine Praxis?“ „Wie stelle ich einen Business-Plan auf?“) könnten angehenden Medizinern helfen, die Scheu vor einer Praxis-Gründung zu nehmen.

Hausärztin und Professorin: Stefanie Joos. Bild: Metz

Neue Medikamente und Diagnosen werden entwickelt. Doch kommen sie auch beim Patienten an? Werden sie richtig angewandt? Und was bringen sie dem Patienten? Wo sind Lücken in der Versorgung, Fehler im Umgang mit vorhandenen Medikamenten? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Versorgungsforschung. Diese soll am neu gegründeten Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung in Tübingen angesiedelt werden. Interprofessionelle Versorgung bedeutet, dass für eine gelungene medizinische Basisversorgung Hausärzte, Pflegedienste aber auch Physiotherapeuten oder Logopäden eng zusammenarbeiten müssen.

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Erstellt:
15. April 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. April 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. April 2015, 12:00 Uhr

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