Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Da rauchen die Köpfe

Neuer Zündstoff für die Diskussion um die Freigabe von Cannabis

In einigen US-Bundesstaaten und in Uruguay wurde Cannabis – mit Altersbegrenzung, kontrollierter Abgabe und lizenziertem Anbau – freigegeben. In Deutschland wird dies von vielen gefordert. Die Grüne Jugend Tübingen veranstaltete am Mittwoch dazu eine Podiumsdiskussion.

23.01.2015

Von Lorenzo Zimmer

Tübingen. Renommierte Strafrechtsprofessoren aus dem ganzen Land gründeten Anfang 2014 eine Initiative, um die Drogenpolitik in Deutschland zu überdenken. Auch der Leiter des kriminologischen Instituts Tübingen, Prof. Jörg Kinzig, gehört dazu. Gemeinsam mit seinen Kollegen ist er der Überzeugung: „Das strenge Verbot von Cannabis-Produkten wie Haschisch und Marihuana schreckt Konsumenten nicht ab.“ Stattdessen möchten die Juristen die Milliarden Euro, die der Staat für die Verfolgung von Konsumenten ausgibt, lieber für Prävention und Aufklärung aufwenden.

Heimarbeit: Im April 2008 fand die Polizei in Nehren diese Hanfplantage. Sogar UV-Lampen hatte der Kleingärtner im Keller aufgehängt.Bild: Polizei

Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen, nahm im August 2014 an der damals aktuellen Ice-Bucket-Challange teil, bei der sich Menschen dabei filmten, wie sie sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütteten. Die Aktion sollte auf die Nervenkrankheit ALS aufmerksam machen. Weltweit nahmen Prominente daran teil. Özdemir drehte sein Video auf seinem Balkon – geschickt platziert neben einem ins Bild ragenden Hanf-Pflänzchen. Er hatte den Zeitpunkt für seinen kleinen Video-Gag klug gewählt. Mitten in einer Zeit, in der es nach einem Umschwung in Sachen Cannabis aussieht. Aus den eigenen Reihen erntete der Grünen-Chef viel Beifall. Die Staatsanwaltschaft allerdings ermittelt inzwischen wegen des Anbaus von Betäubungsmitteln, seine Immunität als Bundesabgeordneter wurde aufgehoben. Auch wenn damit zu rechnen ist, dass das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wird – die mediale Wirkung ist groß.

Bei der Podiumsdiskussion zur Legalisierung von Cannabis im Martin-Bonhoeffer-Haus diskutierten vor 70 Gästen Prof. Jörg Kinzig, Hans Köpfle (Psychologe an der Drogenberatungsstelle in Tübingen), Theresa Kalmer (Sprecherin der Grünen Jugend) und Ralph Barta. Er hatte sich im September 2014 ans TAGBLATT gewandt, weil er 1600 Euro wegen zweier Hanfpflanzen auf seinem Balkon bezahlten sollte. Geld, das der Produktdesigner nicht hatte. Das Gericht drohte mit Haft. Barta sagte, die Pflanzen seien lediglich zum Eigenbedarf bestimmt, das Gericht ging mit dem Bußgeld herunter, Barta bezahlte schließlich und ging einer Haftstrafe aus dem Weg. Doch sein Ärger auf die Justiz ist noch immer groß: „Ich kann selber entscheiden, was gut für mich ist und was nicht“, wetterte er am Mittwoch. „Besaufen darf sich jeder, aber gegen die Kiffer hat unser Mainstream-System etwas“. Er fordert eine Verhaltenstherapie für Politiker, statt für Cannabiskonsumenten.

Der Psychologe Hans Köpfle sagt, dass man mit dem Vergleich mit Alkohol nicht weiterkomme. Er fordert eine Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten, aber keine Freigabe der Droge: „Die Leute haben im Hinterkopf, dass Drogenabhängige selbst schuld an ihrer Sucht sind und jederzeit aufhören können.“ Diese Auffassung gehe jedoch an der Realität vorbei.

Für bessere Aufklärung setzt sich Theresa Kalmer von der Jugendorganisation der Grünen ein. Sie fordert eine Freigabe alle Drogen, weil „nur dann ein offener Umgang und eine bessere Prävention möglich ist.“ Außerdem verlangt sie die Einführung eines „Drug-Checkings“, etwa in Diskotheken. Dann könnten Konsumenten Drogen vor dem Konsum auf die Inhaltsstoffe überprüfen lassen. Gerade bei härteren Drogen, aber auch schon bei Cannabis, seien die Streckmittel meist gefährlicher als die Droge selbst.

Grünen-Chef Cem Özdemir neben einer Hanfpflanze auf seinem Balkon. Mit diesem Video erregte er Aufsehen.Bild: Youtube

„Genau deshalb sollte man den Leuten erlauben, ihr Gras selber anzubauen – nur dann weiß man, was drin ist“, sagt Barta. Den Schwarzmarkt lehnt er ab: „Die derzeitige Rechtslage zwingt viele harmlose Kiffer dorthin. Da werden auch andere Drogen angeboten.“ Kalmer verweist darauf, dass man durch den illegalen Einkauf indirekt kriminelle Organisationen unterstütze – bei einer Freigabe könne stattdessen der Staat, ähnlich wie bei Alkohol oder Zigaretten, vom Cannabis-Konsum profitieren: „Wer Drogen nehmen will, tut das, egal ob es erlaubt ist oder nicht. Eine Freigabe wird den Konsum nicht erhöhen.“ Dies würden Zahlen aus den Niederlanden oder der Schweiz bestätigen.

Kinzig spricht sich nicht für eine Freigabe von Cannabis aus, fordert aber ein Überdenken der Gesetze: „Drogenkonsum ist immer schädlich, aber wenn wir die Konsumenten auf den Schwarzmarkt drängen, können wir sie schlechter aufklären und schützen.“

Studien zufolge rauchen in Deutschland etwa 14,7 Millionen Menschen regelmäßig Zigaretten. 1,8 Millionen Menschen sind alkoholabhängig, rund 600 000 Menschen konsumieren Cannabis und andere Drogen in problematischen Maß. Das Rauchen von Zigaretten fordert in Deutschland jährlich etwa 100 000 Tote. An den Folgen von Alkoholmissbrauch sterben etwa 75 000 Menschen. Illegale Drogen fordern jährlich etwa 1000 Tote. Da rauchen die Köpfe: Neuer Zündstoff für die Diskussion um die Freigabe von Cannabis 23.01.2015 Einiges spricht für die Legalisierung: Die Tübinger Suchtmedizinerin Friederike Wernz über Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis 23.01.2015 Kommentar · Legalize it: Eine neue Drogenpolitik ist fällig 23.01.2015

Zum Artikel

Erstellt:
23. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2015, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+