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Eröffnung

Neuer Blick auf Stuttgart

Die Landeshauptstadt bekommt ein eigenes Stadtmuseum. Das Konzept: Modern, dynamisch – keinesfalls bräsig.

12.04.2018
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Fritz Kuhn dribbelt mit den Fingern der einen Hand auf dem Rücken der anderen herum. Die Geräusche, die das Mikrofon zu den Lautsprecher transportiert, klingen nach Regen. An der nächsten Station schüttelt der Stuttgarter OB ein Blech, es gewittert. Schon an Station Nummer drei ist der Sturm vorüber: Kuhn drückt auf einen Luftbeutel, an dem ein Glöckchen befestigt ist. Das Piepen eines Vogels ertönt. Er lacht. Als Rathauschef hat er Einfluss, das Label Wettergott kann er sich aber nur heute anpinnen.

„Sound of Stuttgart“ heißt die Sonderausstellung, mit der die Landeshauptstadt am Samstag die Eröffnung ihres ersten eigenen Stadtmuseums feiert. Ein neuntägiges Festival schließt sich an, bei dem die Besucher das Haus kennenlernen können. Die Regenmacherszene gibt einen guten Eindruck davon, was das Stadtpalais, so der offizielle Name, sein will: Ein Ort, an dem der Rezipient selbst anpackt – oder eben sein eigenes Stuttgarter Wetter macht.

Reines „Schaukastenlatschen“ könne man heute nicht mehr bringen, sagt Kuhn. Bloß nicht bräsig und verstaubt wirken. Das Stadtpalais tut also alles, um modern daherzukommen.

Museumsdirektor Torben Giese weiß, dass sich Stadtmuseen schwer tun, neue Besuchergruppen zu erschließen. Der promovierte Historiker will es dennoch versuchen. Mit einem Konzept, das nicht nur Vergangenheit erzählt, sondern Gegenwart und Zukunft mitdenkt. Aufgeteilt ist das Museum in vier Bereiche: die Dauerausstellung, die die Stadtgeschichte von 1800 bis in die Gegenwart abbildet und damit eine Lücke schließt, das Stadtlabor mit der Aktionsfläche „Bau mit“ für Kinder, die Fläche für Wechselausstellungen im Obergeschoss sowie den Salon, in dem ebenfalls Wechselausstellungen stattfinden. Die erste heißt „Stuttgart und Du 2038“ und fragt die Besucher nach ihren Erwartungen für die Zukunft. Niederschwelligkeit ist garantiert: Nur für die großen Sonderschauen muss Eintritt bezahlt werden.

Die Dauerausstellung als Herz des Museums muss auf 900 Quadratmetern mit wenig Platz auskommen. Kernstück ist eine interaktive Stadtkarte. Sie liefert Antworten auf Fragen wie: Wo leben die reichen Stuttgarter, wo die armen? In welchem Stadtteil gibt es besonders viele Autos? Wie ist der Altersdurchschnitt im Westen, wie im Süden? Insgesamt umfasst die Ausstellung 1300 Objekte, Filme und Abbildungen. Sie erzählen Geschichten, die der Betrachter wie Puzzlestücke zu Stadthistorie zusammensetzen kann. Darunter das Original-Gipsmodell für das Schiller-Denkmal, ein Kilo Feinstaub im Einmachglas, ein Trikot von Ex-VfB-Spieler Serdar Tasci, ein Freischwinger-Stuhl von Ludwig Mies van der Rohe oder eine Panda-Maske des Stuttgarter Rappers Cro.

Langweilig wird's nicht. An interaktiven Stationen können die Besucher Modelle von Gebäuden und Dingen auf einen Tisch hieven und sich die passende Geschichte anzeigen lassen – über die Mercedes-Benz-Arena, Schloss Solitude oder auch den Juchtenkäfer. Wenn doch nur Zuhören angesagt ist, dann aber bitte so originell wie möglich – über hochmoderne Mediaguides, die Promis wie Sterne-Koch Vincent Klink, Hip-Hop-Star Max Herre oder VfB-Legende Hansi Müller besprochen haben.

Der sammelnde Herzog

Die Sammlung des Hauses allein würde kein Museum rechtfertigen, räumt Giese ein. Dafür ist sie zu überschaubar. Das Sammeln war in der Residenz Stuttgart Sache des Herzogs, erst in den späten 1920er Jahren fing die Stadt an, eine eigene Sammlung aufzubauen. Giese: „Wir werden nie das teuerste Objekt, das schönste Gemälde oder das wertvollste Ausstellungsstück haben.“ Das Stadtpalais gehe einen anderen Weg. „Wir sind dafür da, dass die Stuttgarter einen anderen Blick auf die Stadt bekommen.“

Wie Giese das anpacken will, hat er in den vergangenen Monaten gezeigt. Der Umbau des historischen Wilhelmspalais zum Museum war abgeschlossen, die Ausstellungen mussten noch aufgebaut werden. Also öffnete er das Haus für Zwischennutzungen, lud Techno- und Hip-Hop-Größen ein, feierte mit jungen Leuten Partys, die sonst nicht zum Stammpublikum von Museen gehören.

Der 39-Jährige hofft, den Geist dieser Zeit in den Regelbetrieb zu retten. Das Stadtpalais soll auch künftig nicht nur Museum, sondern Veranstaltungs- und Partylocation sein. „Ein offenes Haus für alle“, wie Giese sagt.

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12.04.2018, 06:00 Uhr
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