Ein Haus für die Weisheit

Neue Informationsquellen bedeuten nicht das Ende der Bibliotheken

Die neue Stuttgarter Stadtbibliothek wird am 24. Oktober eröffnet. Sie versteht sich als "Ort zwischen Tradition und Innovation". Zum Verleih von Büchern gesellt sich auch die Nutzung neuer Medien.

03.09.2011

Von WOLFGANG RISCH

Stuttgart Neue Formen und Quellen der Information, so heißt es, könnten das Ende des gedruckten Buches bedeuten. Aber besteht diese Gefahr wirklich? Noch nie wurden weltweit so viele neue Bibliotheken gebaut wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten, jüngstes Beispiel ist die Stuttgarter Stadtbibliothek, die in wenigen Wochen eröffnet wird. Nur ein letztes Aufbäumen vor dem Untergang des Buches? Lösen sich in Kürze gedruckte Buchstaben in virtuellen Datenspeichern auf? Kaum. Man baut Bibliotheken nicht für nur ein Jahrzehnt, und die Landeshauptstadt Stuttgart hätte nicht fast 80 Millionen Euro in den Neubau investiert, wenn er in absehbarer Zeit überflüssig werden würde. Die Menschen, die heute die Welt bevölkern, müssen sich also keine Sorgen machen, nicht mehr der Faszination erliegen zu dürfen, die von endlosen Regalen, gefüllt mit dem Wissen der Welt, ausgeht, so antiquiert die Einrichtung Bibliothek gegenwärtig auch erscheinen mag.

Die Erfindung der Schrift war möglicherweise bedeutsamer als die Erfindung des Rades, das einen bekanntlich nicht immer dorthin bringt, wo man eigentlich hin möchte. Anders die Schrift: Sie ermöglicht Kommunikation auch mit jenen, die sich nicht in Rufweite aufhalten, Wissen lässt sich so über weiteste Distanzen vermitteln. Kultur braucht Sprache und einen Raum zur Entfaltung. Folgerichtig entstanden schon in der Antike die ersten Bibliotheken, legendär ist jene im ägyptischen Alexandria, mit der auch der Großteil des Wissens der damaligen Welt verbrannte.

"Die Weisheit baut sich ein Haus" ist eine Ausstellung des Architekturmuseums der Technischen Universität München in der Pinakothek der Moderne überschrieben, die sehr anschaulich zeigt, welche Anstrengungen die Menschen in der jeweiligen Zeit unternahmen, dem Buch einen angemessenen Rahmen zu bieten. Durch die Erfindung des Buchdrucks explodierte die Wissensverbreitung seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. In der Renaissance wetteiferten die bedeutendsten Architekten im Bau von Bibliotheken und deren Gestaltung. Denn "eine Sammlung von Büchern wird erst durch eine Ordnung zu einer Bibliothek", beschreibt die Pinakothek der Moderne das Wesen der Ausstellung.

Der Begriff "Bibliothek" setzt sich zusammen aus "Buch" und dessen "Ablage". Gemeint ist sowohl das Gebäude selbst als auch die Verortung des Wissens in Büchern. "Man muss den Dingen einen bestimmten Ort zuweisen", soll Cicero im Jahr 80 vor Christus gesagt haben. So verfuhr man auch mit den Büchern. Anfänglich nur Teil eines Ganzen, wurden der Literatur mit der Verbreitung des Buchdrucks bald eigenständige Gebäude zugeordnet, sowohl zur Aufbewahrung als auch zum Lesen. Die Bedeutung der Bibliotheken wuchs ebenso rasant wie ihr Umfang. Dem französischen Bibliothekar Gabriel Naudé wird das Zitat von 1627 zugeschrieben, eine Sammlung von 50 000 Büchern sei noch keine Bibliothek.

1785 plante Étienne-Louis Boullée für den französischen König ein Gebäude, das Platz bieten sollte für alle Bücher der Welt. "Eine Bibliothek stellt unwidersprochen das kostbarste Monument einer Nation dar, weil es alle erworbenen Kenntnisse einschließt", sagte Boulée im selben Jahr. Dieser Anspruch ist freilich kaum zu erfüllen. Selbst die Library of Congress in Washington, DC, ist mit über 100 Millionen gedruckten Exemplaren keine vollständige Wissenssammlung. Die Idee einer Universalbibliothek ist also nicht zu verwirklichen. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Jahr 1900 sind weltweit etwa eine Million Bücher geschrieben und gedruckt worden, seitdem kommen jährlich eine Million hinzu, mit steigender Tendenz.

Wohin geht die klassische Bibliothek im Zeitalter elektronischer Medien? Ein Umdenken hat eingesetzt. War früher die schiere Zahl der Bücher entscheidend für die Bedeutung einer Sammlung, so ist heute der materielle Besitz gebundenen Wissens zwar immer noch zentrales Anliegen der Bibliothekare, aber nicht mehr das ausschließliche Angebot. Die Direktorin der Stuttgarter Stadtbibliothek, Ingrid Bussmann, sieht ihr Haus als "Ort zwischen Tradition und Innovation". Die digitale Welt sei eine Herausforderung und werde in den Neubau integriert, der am 24. Oktober eröffnet werden wird. Vor allem aber sieht Bussmann in der Bibliothek ein Haus des Buches "und ein Haus von Menschen für Menschen, das animiert. Die Menschen", sagt Bussmann, "brauchen einen Ort der Begegnung".

Stuttgart geht hier den modernen Weg der "introvertierten Bibliothek", die sich nach außen abschirmt und den Besuchern Raum bietet zur Konzentration, sich gleichwohl auch der virtuellen Welt öffnet. Die gleiche Richtung wurde mit der neuen Bibliothek in Alexandria eingeschlagen, für die symbolträchtig der Standort der antiken gewählt worden ist. Das darf durchaus als Signal verstanden sein. "Der da schrieb, war Mensch, und du bist Mensch, der du liest", sagte Johann Gottfried Herder im Jahr 1770.

Bilder einer Ausstellung (von links):Stadsbibliotek in Stockholm, Biblioteca Pública in Mexiko-Stadt, Mediathek in Sendai, Japan. Fotos: Roland Halbe/Yoshihiro Koitani/Toyo Ito

Ein Würfel in Blau: Die neue Stadtbibiothek am Mailänder Platz in Stuttgart steht kurz vor der Fertigstellung. Foto: dpa

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Erstellt:
3. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. September 2011, 12:00 Uhr

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