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"Hoffnung ist wie ein Vogel"

Neue Beratungsstelle für traumatisierte Asylsuchende in Tübingen

Sechs psychosoziale Beratungsstellen für traumatisierte Flüchtlinge gibt es in Baden-Württemberg. Eine davon hat gerade in Tübingen eröffnet. Deren Einzugsgebiet erstreckt sich über mehrere Landkreise.

12.02.2015

Von MADELEINE WEGNER

Tübingen "Was sich Flüchtlinge am meisten wünschen ist die Sicherheit, hier bleiben zu dürfen", sagt die Psychologin Ulrike Schneck. Seit mehreren Jahren berät und betreut sie traumatisierte Asylsuchende - zunächst beim Verein Refugio Stuttgart, seit November leitet sie die neu gegründete Refugio-Regionalstelle in Tübingen. Hier finden Flüchtlinge Hilfe, weit über den Landkreis hinaus bis nach Münsingen auf der Alb, bis nach Sigmaringen und bis zum Schwarzwald. Refugio Tübingen ist eine von nur sechs psychosomatischen Beratungsstellen im Land. Die Anfahrtswege sind deshalb für die Patienten oft lang.

Der Verein in Stuttgart führt lange Wartelisten. Einige dieser Flüchtlinge finden nun in Tübingen Hilfe. Schneck und ihr Kollege Peter Scholz beraten schon jetzt fast 50 Menschen. Eine Aufgabe, die langfristig von zwei Hauptamtlichen allein kaum zu bewältigen ist. Die Psychologin und der Sozialpädagoge überprüfen bei den Hilfesuchenden zunächst, welche Art von Unterstützung sie brauchen. Psychotherapie? Krisenintervention? Facharzt? Sie überweisen die Patienten an die entsprechenden Stellen oder nehmen selbst die therapeutische Arbeit auf.

"In der Traumatherapie sagt man: Der erste Schritt sollte die äußere Sicherheit sein", sagt Schneck. Erst wenn sich der Mensch sicher fühlen kann, sollte mit der Therapie begonnen werden. Doch bei Asylsuchenden, die selten ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten, ist das kaum möglich. Die Beratungsgespräche drehten sich oft um Hoffnungslosigkeit, die viele Flüchtlinge empfinden. "Ich sage dann oft: Die Hoffnung ist wie ein Vogel - kann sein, dass er weit weg ist, sodass man ihn nicht sieht. Aber welche Körnchen können wir ausstreuen, damit er zurückkommt?", sagt Schneck.

Die Menschen gehen ganz unterschiedlich mit ihren Erlebnissen um. Manche möchten in einem geschützten Rahmen über sie sprechen, ohne Familienangehörigen oder Freunde damit belasten zu müssen. Andere wollen oder können nicht über das Erlebte reden. Dann gehe es oft darum, mit den Folgen zurecht zu kommen: Was tun gegen die Schlaflosigkeit? Wie mit der Angst um zurückgelassene Angehörige umgehen? Was tun gegen die Kopfschmerzen, gegen die keine Tabletten helfen?

Eine Therapie dauert oft mehr als ein Jahr, bei schweren Störungen auch deutlich länger. Wegen des großen Bedarfs an professioneller Unterstützung will Refugio - wie bereits in Stuttgart - ein Netzwerk von Therapeuten aufbauen, die zusätzlich Patienten in ihrer Praxis aufnehmen. Auch der Pool an Dolmetschern soll erweitert werden.

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Afghanistan, Sri Lanka, aus der Türkei, den Staaten Ex-Jugoslawiens und Westafrikas. "Die Dolmetscher haben eine sehr anspruchsvolle Aufgabe", sagt Schneck. Sie begleiten die gesamte Therapie, übersetzen in Ich-Form und erleben so unmittelbar die belastenden Erfahrungen der Menschen mit. "Es ist meist kein einzelnes Erlebnis, sondern eine Fülle von schrecklichen Erlebnissen, die bei Flüchtlingen zu Trauma-Folge-Störungen führen", sagt Schneck.

Die Menschen haben Leichen und Verstümmelte gesehen. Manche mussten über Jahre hinweg in der Angst vor gewaltsamen Übergriffen leben. Frauen wie Männer haben Demütigungen und sexuelle Gewalt während des Krieges, im Gefängnis, als Foltermethode erlebt. Hinzu kommen die Erfahrungen auf der Flucht selbst, die sich Monate oder gar Jahre hingezogen hat.

Der überkonfessionell arbeitende Verein Refugio mit Sitz in Stuttgart erhält von der katholischen und der evangelischen Kirche Unterstützung. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat die Arbeit der neuen Regionalstelle im Gästehaus des ehemaligen Klosters Edith-Stein-Karmel nahe der Tübinger Altstadt erst ermöglicht: Refugio erhält befristet auf drei Jahre Fördermittel aus dem Flüchtlingsfonds der Diözese. Auch die Renovierung der Räume hatte die Diözese übernommen, für die Nutzung zahlt der Verein nur eine geringe Pauschale.

Ein Patient habe nach vielen Therapiestunden seine aktuelle Situation beschrieben, erzählt Schneck: Mittlerweile hat er Pläne für sein Leben, möchte eine Ausbildung machen. Und auch wenn die Angst wieder hochkommt, so gebe es doch einen gravierenden Unterschied zu früher, wie er sagt: "Ich weiß jetzt, dass ich hier bin und nicht dort."

Alpträume von der Seele malen: Kunsttherapeutin mit traumatisierter Patientin in einer der "Refugio"-Stellen. Foto: epd

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Erstellt:
12. Februar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Februar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2015, 12:00 Uhr

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