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Die tollen Steinalchtäler

Nehrener Geschichten über falsche Wellensittiche und gelockte Bullen

Seit Nehren im Jahr 1086 das erste Mal erwähnt wurde, hat sich einiges angesammelt im Flecken, an großer Geschichte und lustigen Erzählungen. Am Mittwochnachmittag bewegte sich ein langer Zug von Neugierigen durch den Ort, die beim Dorfspaziergang Altes und Neues erfahren oder selber beisteuern wollten.

07.10.2011
  • Jürgen Jonas

Nehren. Bis in alle Tiefen hinein wird man die Geheimnisse Nehrens wohl nie entschlüsseln können, aber die Ortsspaziergänge tragen doch erheblich zur Erhellung bei. Der zweite Rundgang, wieder einberufen von der Rotkreuz-Gruppe 55+, führte vom Bürgerhaus über Feuersee und Wulle-Geburtshaus hin zur Kappel und zum Weiherburg-Gelände. Günter Eissler begrüßte, auf der Schwanen-Wohnhaustreppe stehend, eine stattliche Zahl erwartungsgestimmter Teilnehmer mit einem Lobpreis auf das Steinlachtal von Oscar Fraas. Der Pfarrer, Geologe und Naturforscher hatte 1880 den ungefügen Bach für normalerweise ruhig und bescheiden erklärt, wobei er jedoch zu Zeiten wie toll sich gebärden könne. Ganz so wie die Tal-Bewohner eben.

Eissler hatte sich in die Amtstalarschale von Uraltbürgermeister Franz Fecht geworfen, auf dem Haupt eine Mütze, die ihn zu einem mittelalterlicher Magister machte, der, mit Büchern und Manuskripten bewehrt, gelehrte Vorträge pflegt. Dabei begleitet von Mitbürgern, die, in der Ortskunde tiefverwurzelt, bereitstanden, ihm mit ihren Kenntnissen beiseite zu stehen.

Konrad Dürr und Werner Nill unterrichteten die Menge denn auch erst einmal darüber, wie es früher im Farrenstall zuging, wenn samstags die Kühe zum Besamen gebracht wurde oder die Geißen zum Bocken. Auch wussten sie, wieso einmal, trotz erheblicher Zweifel, ein „rollenhaariger Bulle“ vom Körausschuss angekauft wurde: weil Schultes Fecht ebenfalls gewelltes Haar trug.

Nächste Station: der sogenannte Feuersee in der Gomaringer Straße. Hier finden sich unterirdisch gegen 150 000 Liter sauberes Grundwasser. Die einen sagen, das Gewölbekellerbehältnis sei früher auch Trinkwasservorrat gewesen, die anderen, es sei nur von der Feuerwehr benutzt worden, die heute auch noch damit Übungen abhält. Gleich darunter das ehemalige Schäferhaus und der Schafstall, fast auf der historischen Grenze Nehrens stehend. In der Gegend soll einst ein gewisser „Poperzick“ gewohnt haben, der als Hobby die Brandstiftung betrieb.

An den sogenannten Armenhäusern ging zur Wertstraße, wo vor allem das stattliche Haus des Korkfabrikanten Schwarz in den Blick geriet, das auch den Stundenleuten Raum bot. Heute ist es mustergültig renoviert, nach alter Väter Weise auch mit Kuhmist als Dämmaterial. Hier wurde an legendäre Nachbarschaftsfehden, etwa bei der Tiefe der Brunnengrabung, erinnert, aber auch an den „Vogelzüchter“, der Spatzen fing und sie mit Pinsel und Farben zu Wellensittichen umgestaltete und gewinnträchtig verkaufte.

Kindergarten galt als „Schule der Unarten“

Beim Nodle-Brunnen gabe es Erläuterungen zur Wasserversorgung, wie sie sich vor Zeiten gestaltete. Karl-Ernst Steimle zeigte hier eine Teichel, das hölzerne Stück einer Wasserleitung, wie sie aus dem Vollmersgraben im Kirschenfeld in die Ortsmitte führte. Er erklärte auch, woher der Ausdruck „Sitzt er, passt er, wuuh!“ kam und wer ins „Wirtshaus zum Spessart“ gehörte.

In der Luppachstraße am Geiselhart’schen Haus standen die bemalten Fensterläden im Mittelpunkt, die früher im Ort üblich waren. Dann ging es hinein in den Stiegel, wo nicht nur der Häfner seine Werkstatt hatte, wo er das Alltagsgeschirr formte und brannte, aber auch solche Töpfe, wie sie in den Pfahlbauten in Unteruhldingen in Gebrauch waren. Dabei half der Maler Heinrich Wägenbaur, der im Stiegel ein Atelier unterhielt. Eine Wäscherei war hier untergebracht, die aber Anfang der Sechzige-Jahre ihren Betrieb einstellte, als ein Vertreter der Firma Zanker an einem Tag weit mehr als 100 Waschmaschinen verkaufen konnte. Im verwinkelten Stiegel sangen die Teilnehmer ein Lied zu Ehren Emil Rentschlers, der in Kleintierzucht- und Musikverein führend tätig war. Danach breitete Helmut Schneider, vierter Begleiter Eisslers, seine Geschichten über die „Schnappere“ und einen Gewehrmacher aus, der dem Dämon Alkohol verfallen war.

Überhaupt meldeten sich immer wieder Teilnehmer mit ihren Erinnerungen zu Wort. Vor dem Geburtshaus des Braumeisters Ernst Wulle erzählte Eissler aus dessen Leben, bevor es über den Viehmarkt hin zum von Wulle gestifteten Kindergarten auf dem Auchtert ging, den die Dorfjugend zum Verdruss der Pfarrer allenthalben zu einer „Schule der Unarten“ machten. Der Weg führte dann in die Kappel, wo es vor dem Wohnhaus Steimles Kaffee und Kuchen gab. Der Sohn des ehemaligen Totengräbers begrüßte mit Zylinder seine Gäste und berichtete über Funde von Knochen, hervorgegangen aus dem Boden um die Kapelle, die hier in der Nähe der Burg in den Weihergärten stand. Über diese sprach dann der Archäologe Sören Frommer. Auch für Alteingesessene eine Entdeckungsreise, gespickt mit Necknamen, Redensarten und Einblicken in schöne Ecken, in die man sehr selten kommt. Der Gang endete im Bürgerhaus, bei Wurstsalat und Wein.

Nehrener Geschichten über falsche Wellensittiche und gelockte Bullen
Der Magister hat das Wort: Günter Eissler begrüßte die Gäste beim Nehrener Ortsrundgang im mitttelalterlich anmutenden Talar. Bild: Rippmann

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07.10.2011, 12:00 Uhr
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