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50 Jahre Bundesliga (2): Hans-Otto Hiestermann beim 1. FC Köln

„Nehmt den Kleinen raus!“

Seit 1991 lebt und arbeitet Hans-Otto Hiestermann in Tübingen als Tennistrainer und Leiter einer Tennisschule. Im Fußball spielte der gebürtige Niedersachse vor 37 Jahren in der Bundesliga beim 1. FC Köln. Im TAGBLATT erinnert sich der heute 63-Jährige an seine erste Begegnung mit Weltmeister Wolfgang Overath, sein einziges Bundesligator und Spielersitzungen mit Tschik Cajkovski.

22.09.2012

Müngersdorfer Stadion in Köln, 16. August 1975: Hans-Otto Hiestermann zieht aus dem Hintergrund ab – und Hannovers Abwehrspieler können nur noch hinterherschauen, wie der Ball in der 33. Minute zum 1:1 gleich im Tor einschlägt. Am Ende gewinnen Köln und Hiestermann mit 2:1. Archivbilder: Werek / Ulmer

Mein Weg in die Bundesliga verlief ja recht ungewöhnlich: In der Lüneburger Heide, in Hermannsburg, kickte ich eigentlich unterklassig, auch noch mit 20 Jahren. Ich spielte auch nicht überragend in Auswahlmannschaften oder so – dafür war ich mit etwa 1,68 Metern wohl etwas zu kurz geraten.

In der Bundeswehrzeit ging ich dann nach Fürstenfeldbruck, wo eigentlich keiner Soldat werden wollte – warum auch immer: Im „kicker“ hatte ich vorher geguckt, wo Fürstenfeldbruck denn spielt. Das war Bayernliga. Und ich hatte immer schon gespürt, ich habe eigentlich mehr drauf, müsste höher spielen.

Da bin ich dann ganz schüchtern an die Gartenpforte gegangen, als die am Abend Training hatten und habe gefragt, ob ich mitspielen kann. Der Trainer war ein ehemaliger 1860-Profi, Hans Auernhammer. Er hat gesagt: „Na gut, Kleiner, kannst mitspielen!“ Dann habe ich mittrainiert und verdammt gut gespielt, sodass der Hans Auernhammer schon während des Trainings seinen Manager anrief und sagte: „Du, da ist einer – den müssen wir haben!“

Hans-Otto Hiestermann ist heute für den Tennis-Nachwuchs im Einsatz – „im Fußballstadion war ich nach der Karriere nur noch ein- oder zwei Mal“. Bild: Ulmer

Ich wechselte dann dahin, habe auch sofort in der Bayernliga Fuß gefasst und kam schon nach einem halben Jahr in die bayrische Auswahl, nach einem Jahr habe ich auch schon Länderpokalspiele mitgemacht. Bei einem dieser Spiele war auch der damalige Amateur-Nationaltrainer Jupp Derwall da, der hat mich sofort in seine Auswahl berufen.

Wir wurden sogar Europameister in Jugoslawien – dann stand ich auch im „kicker“. Da klopften dann Teams wie 1860 München, Augsburg und Nürnberg an. Ich habe mich dann 1975 für Nürnberg entschieden, wo ich in der Zweiten Liga gleich Stammspieler wurde. Da hat mich bei einem Spiel im Stadion auch der Karl-Heinz Thielen beobachtet, der war damals Manager bei Köln.

Und hat mich danach angesprochen wegen eines Wechsels. In der Sommerpause war ich mit der Amateur-Nationalmannschaft auf einer Südostasien-Reise, da spielten wir unter anderem in China, in Peking, zu Maos Zeiten vor 100.000 Zuschauern. In dieser Zeit hatten Köln und Nürnberg dauernd verhandelt. Ich hatte signalisiert, ich wollte gerne hingehen – aber Nürnberg wollte mich nicht gehen lassen.

Vom Starschnitt zum Zimmerkollegen

Für mich war Köln damals das Größte, die Mannschaft, die in Weiß gespielt hat: Wolfgang Overath hing noch als Starschnitt in Lebensgröße bei mir an der Wand. Den habe ich immer sehr, sehr bewundert. Am Ende war es so, dass mein Wechsel damals der teuerste Transfer eines Zweitligaspielers in die Erste Liga wurde. 300.000 Mark bezahlte Köln.

Eine Zeitung hat damals geschrieben, ich sei nur verpflichtet worden, damit der Trainer Tschik Cajkovski nicht mehr der Kleinste im Team ist… Nach dem Transfer bin ich mit meiner Frau in unserem VW Porsche, 2,0 Liter, nach Köln gefahren, haben im Stadtanzeiger die Wohnungsanzeigen gelesen, und sind noch in ein großes Möbelkaufhaus gegangen. Da wurde ich auf einmal ganz ruhig und sagte zu meiner Frau: „Guck mal, wer da links steht!“ Mir ist schier das Herz still gestanden: Das war der Wolfgang Overath.

Ich ging zu ihm hin: „Grüß Gott, Herr Overath, ich bin Hans-Otto Hiestermann!“ Da sagte der: „Hey Junge, dann seh?n wir uns ja morgen im Training!“ Und der Tschik hatte mich vor dem ersten Bundesligaspiel in Berlin sogar zu Overath ins Zimmer gelegt…

Gestartet bin ich ja ganz gut: Gegen Hertha BSC spielte ich gleich von Anfang an, im zweiten gegen Hannover schoss ich sogar ein Tor – ein Schuss aus halblinker Position ins Eck, Pauly war der Torwart. Ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig! Ein kleines Bild hatte ich noch, wo ich in der Traube hänge und der Overath kommt auf mich zugelaufen – das war schon ein Erlebnis!

Neun Bundesligaspiele für die Kölner „Geißböcke“: Hans-Otto Hiestermann.

Ich spielte ja sehr publikumswirksam, als Dribbler und als Kämpfer, als Stehaufmännchen, sollte eigentlich auch der Nachfolger von Hennes Löhr werden als Linksaußen, der damals seine Laufbahn beenden wollte. Die Konkurrenz war aber groß, die Mannschaft war gespickt mit A-Nationalspielern wie Harald Konopka, Heinz Flohe oder Wolfgang Overath.

Bei meinem ersten Training haben die mich beim „Fünf gegen Zwei“ in die Mitte genommen – und nach 20 Minuten hat der Tschik gesagt: „Ey, nehmt doch den Kleinen raus, das geht ja nicht mehr!“ Die hatten mich so schwindlig gespielt und zig Beinschüsse verpasst.

Manche Sitzungen kann man sich so vorstellen: Der Tschik wollte gerade ?ne Kreide in die Hand nehmen und irgendwas aufzeichnen, da haben der Wolfgang Overath oder Wolfgang Weber mit dem Stuhl geruckelt und gesagt: „So!“ Und sind aufgestanden – und dann war?s das. Wir haben alleine gespielt, verdammt nochmal! Das war auch viel besser! Man hat sich auf dem Platz in der Zone bewegt, in der man was konnte.

Ich erinnere mich noch, als wir gegen den HSV spielten: Da hatte ich gegen den Manni Kaltz gespielt, den Heini. Erst hat mir der „Buffy“ Ettmayer aus 20 Metern einen Beinschuss verpasst – das war höchstpeinlich in dem Spiel! Und dann ist mir der Kaltz da als Verteidiger voll abgegangen.

Ich war ja überhaupt kein Abwehrspieler in dem Sinne, dachte aber, da wird wohl hinten noch einer helfen. Und der Kaltz machte sogar ein Tor… Aber das darf doch nicht passieren, dass ich den Kaltz in den Sechzehner verfolge und womöglich noch beim Kopfball störe?! Es gab halt vorher keine Aufteilung, wer wen übernimmt. Ich habe gesagt: Nix da, ich bin Stürmer!

Hennes Weisweiler setzte auf andere

Heute muss ich sagen: Die Zeit ist viel zu schnell rumgegangen. Der Vertrag damals war besser dotiert als bei einem Normalverdienenden. Wenn man gespielt hat, dann vielleicht noch gewonnen, hatte man das Gehalt verdoppelt.

Ich kenne mich heute eigentlich gar nicht aus im Fußball, sondern im Tennis; aber heute ist es vielleicht so, da hat einer schon drei Millionen grundsätzlich, dann kann er vielleicht noch 100.000 einspielen – das ist doch kein Verhältnis! Ich hatte schon zu Nürnberger Zeiten Achillessehnenprobleme, weshalb ich ab Januar in Köln auch nicht mehr spielen konnte. Als Hennes Weisweiler zur neuen Saison kam als Trainer, habe ich schnell gespürt, dass er nicht auf mich setzte. Dann kam das Angebot aus Würzburg, da bin ich wieder eine Liga runter gegangen – wo ich eigentlich auch hingehört habe.

Das Protokoll führte Tobias Zug

50 Jahre alt ist die oft als des Deutschen liebstes Kind bezeichnete Fußball-Bundesliga dieses Jahr. In dieser Serie stellt das TAGBLATT in unregelmäßiger Reihenfolge Menschen aus der Region vor, die in Deutschlands höchster Liga mal gespielt haben – oder noch kicken. Egal, ob sie ein paar Sekunden nur eingewechselt wurden oder Stammspieler waren. Sie erzählen, wie sie die Bundesliga erlebt haben, das Umfeld, die Stadien, das Leben eines Darstellers auf der großen Fußballbühne.

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Erstellt:
22. September 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. September 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. September 2012, 12:00 Uhr

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