Im Visier der Rechtsextremen

Nazi-Gegner müssen Vergeltung fürchten

Ungarn geht zögerlich gegen Nazi-Verbrechen vor, wie sich im Fall Csatary zeigt. Die wenigen Aktivisten, die dagegen protestieren, werden von Rechtsradikalen bedroht. Antisemitismus bleibt salonfähig.

23.08.2012

Von KATHRIN LAUER, DPA

Budapest Eilig huscht die zierliche Frau durch eine enge Budapester Altstadtgasse. Erst als sie einen Boulevard erreicht, atmet Eszter Garai-Edler auf, denn hier gibt es Überwachungskameras.

Die 49-Jährige muss sich vorsehen, denn die Rechtsextremisten haben sie im Visier, seit sie gegen den mutmaßlichen Nazi-Verbrecher Laszlo Csatary demonstriert hat. Es hagelt Drohungen per E-mail und per Telefon - mal von privaten Anschlüssen, mal aus Telefonzellen. Von Beruf ist Garai-Edler Redakteurin im Kartographischen Institut der ungarischen Akademie. Die Budapester Topografie wird für sie jetzt von Angst bestimmt.

Den verbalen Nazi-Terror hat Garai-Edler angezeigt. Die Polizei riet ihr, nicht mehr Auto zu fahren, weil es dabei inszenierte Unfälle geben könne. Auf Polizeischutz habe sie aber keinen Anspruch, weil die Bedrohung "nicht handfest genug" sei. Dabei hatte ein rechtsextremes Portal ihre Kontaktdaten veröffentlicht und für sie ein Kopfgeld ausgelobt - wie auch für andere antifaschistische Aktivisten, die den Rechten ein Dorn im Auge sind. Die Extremisten machten sogar den Namen von Garai-Edlers Tochter publik, den sie herausgefunden haben, obwohl die junge Frau unter einem anderen Familiennamen im Ausland lebt.

Der mittlerweile 97-jährige Csatary dürfte Ungarns schlimmster Nazi-Scherge gewesen sein. 1944 soll er als Polizeichef im damals ungarisch besetzten slowakischen Kosice federführend die Deportation von nahezu 16 000 Juden nach Auschwitz organisiert haben. Dies wirft ihm nun auch die ungarische Staatsanwaltschaft vor - aber erst nachdem das Jerusalemer Simon-Wiesenthal-Zentrum monatelang Druck gemacht hatte, zuletzt mit Hilfe der Medien.

Zudem soll Csatary schon im Jahr 1941 etwa 300 Juden aus Kosice ins ukrainische Kamenec-Podolsk geschickt haben, wo die meisten von ihnen von den Nazis ermordet wurden. Diesen Anklagepunkt ließ Ungarns Staatsanwaltschaft vor kurzem fallen. Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal-Zentrums ist darüber empört: "Sie haben unsere Zeugin noch nicht einmal angehört."

Die 84-jährige, aus Kosice stammende Überlebende des Massakers von Kamenec-Podolsk lebe in Australien und könne über Csatary aussagen. 1948 war Csatary in der damaligen Tschechoslowakei zum Tode verurteilt worden - in Abwesenheit, weil er sich nach Kanada abgesetzt hatte. 1997 zog er nach Ungarn, weil die kanadischen Behörden falsche Angaben in seinen Papieren entdeckt und mit Ausweisung gedroht hatten. In Budapest lebte Csatary unbehelligt bis Juli dieses Jahres, als ihn die Staatsanwaltschaft erstmals verhörte. Dabei leugnete er alle Anschuldigungen. Er steht nun unter Hausarrest.

Slowakische Archivdokumente und Zeugenaussagen förderten jetzt neue Einzelheiten zu Csatarys Wüten zutage. Er soll nicht nur auf Befehl gehandelt, sondern übereifrig sogar Menschen in den Tod geschickt haben, die dafür von den deutschen Nazis gar nicht vorgesehen waren. Diese Punkte waren im Prozess von 1948 noch nicht zur Sprache gekommen.

Csatary soll zudem persönlich Gefangene misshandelt haben. Davon berichtete auch Arthur Görög, Mitglied des in der Nazi-Zeit funktionierenden Judenrats von Kosice in seinen Memoiren, die zuletzt 1991 in Israel erschienen sind. Görög schreibt auch, Csatary sei bereits 1945 im südungarischen Pecs als Nazi-Scherge zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Er habe aber fliehen können.

Laszlo Csatary im Juli beim Verlassen des Gerichtsaals in Budapest. Der 97-Jährige soll 1944 die Deportation der Juden aus Ungarn organisiert haben. Foto: afp

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Erstellt:
23. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. August 2012, 12:00 Uhr

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