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Soziales

Nahtoderlebnis hat ihn verändert

Ein schwerer Autounfall im Jahr 2009 hat Serkan Erens Leben komplett umgekrempelt. Er gründete die Hilfsorganisation „Stelp“, mit der er Menschen in Not unterstützt.

17.01.2020

Von Nadja Otterbach

Serkan Eren hilft mit „Stelp“ vor allem Geflüchteten, die in Grenzgebieten gestandet sind. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Eins stellt er gleich am Anfang klar: „Es war ein positives Erlebnis.“ Mitleid will er nicht. Serkan Eren, 35, sitzt am Tisch seines Altbau-Büros im Stuttgarter Westen, schenkt sich ein Glas Wasser ein und erzählt vom wohl prägend- sten Augenblick in seinem Leben. Dem Augenblick, in dem sein Leben endete. Für 60 Sekunden. Elf Jahre ist das mittlerweile her, doch Eren weiß jedes Detail.

Ein heißer Tag im Juli 2009. Eren besucht seine Eltern in Kehl, am Nachmittag setzt er sich in sein Auto, fährt auf der A5 zurück nach Stuttgart, seine Freundin neben sich. Sie hören Musik, genießen die Sonne. Kurz vor Baden-Baden wechselt Eren auf die rechte Spur, lässt sich kurz ablenken vom Radio. „Höchstens zwei Sekunden“, sagt er. Er sieht die roten Bremslichter des Lastwagens vor sich, kann den Aufprall nicht mehr verhindern. Er versucht noch, nach rechts auszuweichen. Es kracht. Gewaltig. Eren erinnert sich, wie er seiner Freundin sagte: „Steig aus und stell dich hinter die Leitplanke.“ Sie kommt mit einem gebrochenen Arm davon.

Eren ist eingeklemmt. Er sieht Blut. Die Schmerzen kommen erst später, als er im Rettungshelikopter liegt. Das linke Schienbein, das Knie, der Ellbogen. Eren konzentriert sich auf die sichtbaren Verletzungen, glaubt: „Es wird schon nicht so schlimm sein.“ Dass sich eine von vier gebrochenen Rippen durch die Aorta an seinem Herzen gebohrt hat, ahnt er nicht. Er riecht seine verbrannte Haut. Das Atmen fällt ihm schwer, sein Zustand verschlechtert sich. Als er beginnt zu röcheln, gerät er in Panik.

„Ich bekam Todesangst“, erinnert sich Eren. „Mir schoss in Endlosschleife durch den Kopf: Verrückt, du stirbst jetzt. Das war‘s.“ Er klatscht in die Hände, um diesen Moment zu demonstrieren, und sagt: „Plötzlich habe ich gespürt, ich bin raus aus der Szene.“ Herzstillstand. Eine Minute lang. Für Eren ist in diesem Moment alles gut. Keine Schmerzen mehr, keine Anspannung. Er sagt, er habe sich wie eine schwerelose Wolke gefühlt, die davon schwebt durch sehr helles Licht. Er weiß, dass das befremdlich klingt. Und betont, dass er alles andere als esoterisch sei. „Es war total schön. Ich wollte dort bleiben, nicht zurückkehren.“ Doch die Ärzte holten ihn zurück. Seitdem ist er überzeugt: „Nach dem Tod ist nicht alles vorbei.“

Angst vor seinem Lebensende hat er keine mehr. Seine Erfahrung mache vieles leichter, sagt Eren. Einerseits. Andererseits sei er nachdenklicher und rastloser geworden. Noch in diesem Jahr will er in den Jemen reisen, trotz Krieg. Er hat dort ein Hilfsprojekt ins Leben gerufen, von dem er sich vor Ort ein Bild machen will.

Eren ist einer der Gründer von „Stelp“ (Stuttgart helps), einem Verein, der anfangs unter dem Namen „Balkan Route Stuttgart“ aktiv war. Mit „Stelp“ kümmert sich Eren weltweit um Menschen in Not, vor allem um Geflüchtete, die in Grenzgebieten der Türkei und in Griechenland gestrandet sind. Seit Mai 2018 ist er fest angestellt bei der Organisation, reist alle paar Wochen in Krisengebiete. In diesem Jahr stehen unter anderem Äthiopien, Nepal und Tibet auf dem Programm.

Der Unfall habe ihn verändert, sagt der 35-Jährige. Seinen Beruf als Personal Trainer musste er damals aufgeben, wurde Lehrer an einem privaten Gymnasium. Er mochte den Job, weil er das Gefühl hatte, etwas Sinnvolles zu tun, „einen Mehrwert für die Gesellschaft zu haben“. In der Tagesschau sah er Bilder von Kindern, die in Slowenien auf der Straße lebten, hungrig und frierend. „Es war naiv, aber ich habe Jacken und Decken gepackt und wollte einfach losfahren.“

Ein Freund schlug vor, das Ganze größer aufzuziehen. Sie bastelten an einer Facebookseite und warben um Sachspenden. Nach drei Tagen hatten sie einen Sprinter voller Hilfsgüter, mit dem sie nach Idomeni in Griechenland fuhren. Monate später legten sie mit drei Lkws rund 4000 Kilometer zurück, um Menschen in einem griechischen Flüchtlingscamp zu unterstützen. „Da habe ich zum ersten Mal erlebt, es braucht keine Superhelden, um zu helfen.“ Einfach machen. Das ist seine Devise.

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Erstellt:
17. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 06:00 Uhr

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